Die IT-Welt der Banken heute, morgen und übermorgen

Pascal Kaufmann, CEO von Starmind.
Automatisierung, künstliche Intelligenz und offene Schnittstellen. Was die Welt der Banken bewegt, wurde gestern an der Finance 2.0 in Zürich diskutiert.
 
Während an der Finance-2.0-Konferenz in Zürich eine Reihe der Referenten die Vorteile von Automatisierung, Big Data, Machine Learning und auch künstlicher Intelligenz für die Finanzindustrie betonten, wies Starmind-Gründer Pascal Kaufmann das Publikum der gestrigen Konferenz darauf hin, dass es künstliche Intelligenz noch gar nicht gibt. "Die Artificial Intelligence einer Software ist schlicht die Intelligenz des Programmierers." Er illustrierte dies mit dem "Schachtürken", einem Schachroboter aus dem 18. Jahrhundert. Dabei handelt es sich um ein Gerät, das den Eindruck vermittelte, selbständig Schach gegen eine Person spielen zu können. Es handelte sich jedoch nicht um eine intelligente Maschine, sondern um einen Menschen, der sich in der Kiste versteckte.
 
Auch der Ansatz, es brauche einfach nur genügend Rechenleistung, um das menschliche Gehirn nachzubauen, würde nicht funktionieren, so Kaufmann, der einen Hintergrund in den Neurowissenschaften hat. Ein künstliches neuronales Netz wurde bereits in den 1950er Jahren von Frank Rosenblatt mit dem Perzeptron vorgestellt. Dieses besteht aus einem Input- und einem Output-Layer und dazwischen liegt ein "hidden Layer", der die Inputs nach gewissen Regeln verarbeitet. Nach 60 Jahre Forschung, Billiarden von Dollar an Investments und eine Vervielfachung der Rechenleistung hat sich laut Kaufmann nur wenig getan. Der DeepMind-Algorithmus, der einen Mensch im Brettspiel Go besiegt hat, habe statt einem hidden Layer einfach mehrere.
 
Kaufmann schliesst, dass Deep Learning nichts mit künstlicher Intelligenz zu tun hat. Alle, die sich mit AI beschäftigen wollen, sollen "Deep Learning vergessen" und stattdessen in Richtung Neurowissenschaft blicken. Das menschliche Gehirn sei viel komplexer aufgebaut, als Deep-Learning-Algorithmen, und Neuronen entwickeln sich flexibel weiter. Um das menschliche Gehirn nachzubilden, müsse man die Grundsätze extrahieren und nachbilden können. In den Neurowissenschaften wird noch sehr aktiv geforscht und diese Fortschritte werden schliesslich auch die Forschung im Bereich künstliche Intelligenz antreiben.
 
Automatisierung und kognitive Systeme
Einen Durchbruch im Bereich der künstlichen Intelligenz erwartet Kaufmann in der nahen Zukunft nicht. Gleichzeitig aber stecke viel Potenzial etwa in Statistik und der Analyse von grossen Datenmengen. Dies war auch ein Thema des Vortrages von IBM-Manager Marc Geiger, Associate Partner, Financial Services Industry. Er präsentierte mit der "Cognitive Bank" ein Anwendungsbeispiel von IBM Watson im Bereich Wealth Management.
 
Die Software soll Vermögensverwaltern beispielsweise die Vorbereitung für einen Termin erleichtern.
Ein System das verstehen, schlussfolgern, lernen und interagieren kann, zeigte IBM-Manager Marc Geiger.
Watson suche sämtliche relevanten Informationen, etwa aus Social Media, Zeitungsberichten oder der internen Datenbank und strukturiere diese. Anwender können in natürlicher Sprache mit dem System interagieren und Watson nutze die Informationen um personalisierte Ratschläge geben zu können.
 
Vor den rund 400 Besuchern der Konferenz betont auch Geiger, dass "das System kein Gehirn ist", aber es könne verstehen, schlussfolgern, lernen und in natürlicher Sprache interagieren.
 
Zwischen Papier und digital
Die Digitalisierung wird die Bankenwelt verändern und viele Prozesse, die heute Papier oder Bargeld involvieren, wird es in Zukunft nicht mehr geben. Aber bis es soweit ist, dauert es noch eine gewisse Zeit. Beispielsweise werden noch immer 60 Prozent der Einkäufe in der Schweiz mit Bargeld bezahlt, im weltweiten Schnitt ist die Zahl noch höher und laut einer Forrester-Studie wird die Bancomaten-Industrie weiter wachsen.
 
Aber Bargeld kann auch mühsam sein. Der Kunde muss nach Geldautomaten suchen oder schlange stehen. Händler wiederum müssen das Geld auf die Bank bringen. 300 Milliarden Dollar werden mit der Bearbeitung von Bargeld verschwendet, so Sandipan Chakraborty vom Jungunternehmen Soncet. Er schlägt deshalb eine Lösung vor, die er "virtuelle ATMs" nennt. Jeder Händler, der Bargeld "loswerden" will kann sich über eine App registrieren. Und Kunden können über die App nach dem nächsten virtuellen Geldautomaten suchen. "Wir wollen für die ATM-Industrie das machen, was Uber für die Taxi-Branche gemacht hat", so Chakraborty. Mit der App, die bald lanciert werden soll, wolle man die Personen, die Bargeld brauchen, mit jenen Personen verbinden, die Bargeld deponieren möchten.
 
Wenn sich die Banken öffnen
Mit der neuen Zahlungsdienst-Richtlinie PSD2 müssen Banken die Kundenschnittstelle auch für Nicht-Banken öffnen. Thomas Ruck von Accenture ist überzeugt, dass nur Banken, die sich dieser Herausforderung offensiv stellen, eine Zukunft haben. In seinem Vortrag zeigte er einige Beispiele, wie dies ausschauen könnte. Im Zentrum stehen personalisierte Microsysteme, die Ruck "Living Services" nennt", die entweder von einer Bank selbst oder von neuen Playern angeboten werden.
 
Bei einer Bestellung könnte Digitec – verbunden mit der Bank – dem Kunden direkt den passenden Kredit anbieten, so eines seiner frei erfundenen Beispielen. Oder eine Fluggesellschaft könne, wenn ein Flug gestrichen wird, das Geld dem Kunden unmittelbar vergüten. Wie sich dies mit Datenschutzfragen oder dem Privatsphäre-Bedürfnis der Kunden verträgt, liess er offen. (kjo)
 
Interessenbindung: inside-it.ch ist Medienpartner der Konferenz Finance 2.0.