AMD: "Wir haben im Servermarkt nichts zu verlieren"

Kann AMD als unberechenbarer Desperado Intels Quasi-Monopol aufbrechen?
 
AMD möchte mit seinen "Naples"-CPUs wieder ein ernst zu nehmender Herausforderer für Intel im Servermarkt werden, wie wir berichtet haben. Vor langer Zeit war AMD schon einmal in dieser Stellung, mit rund 25 Prozent Marktanteil. Nach rund zwölf Jahren des Niedergangs muss AMD aber sozusagen wieder ganz neu anfangen: "Unser Marktanteil liegt gerundet bei Null", erklärte AMDs Forrest Norrod kürzlich offenherzig in einem Gespräch mit 'DatacenterDynamics'.
 
Dies liegt, wie Norrod ebenfalls zugibt, an vielen eigenen Fehlern in der Vergangenheit, darunter nicht eingehaltenen Versprechen bezüglich der Leistung oder des Erscheinungszeitpunkts von neuen Server-CPU-Modellen. Trotzdem habe AMD immer noch eine gewisse Reputation im Markt, sowohl bei Serverherstellern als auch Endkunden. Und dieser Markt sehne sich nach einer glaubhaften Alternative zu Intel. Es gibt Anzeichen dafür, dass er damit durchaus Recht haben könnte, gerade auch bei den Internetriesen wie Google, Microsoft und Co, die im Cloud-Zeitalter immer mehr zu den wichtigsten Serverkäufern der Welt werden. Microsoft beispielsweise testet seit kurzem Server mit ARM-Prozessoren für die Azure-RZs. Und Microsoft-Leute erklärten, dass man durchaus das Potential sehe, in Zukunft irgendwann mehr als die Hälfte der Server mit ARM-Modellen zu ersetzen. Intel seinerseits hat vor zwei Wochen in einem Sonderdeal mit Google vereinbart, dem Suchmaschinenriesen die neusten Skylake-Prozessoren exklusiv vor allen anderen zu liefern, um Google als Kunden an sich zu binden. Bei Google-Konkurrenten und Serverherstellern dürfte dieser Deal wenig Begeisterung hervorrufen.
 
Forrest Norrod ist als Senior Vice President und General Manager der Enterprise, Embedded und Semi-Custom Business Group bei AMD für die Strategie im Rechenzentrumsgeschäft zuständig. Norrod sagte 'DCD' auch, dass er die eher miserable aktuelle Situation von AMD sogar als taktischen Vorteil empfinde: "Ich habe nichts zu verlieren. Wenn irgendein Segment des Markts aufgebrochen (disrupted) wird, tut mir das überhaupt nicht weh. Also habe ich absolut keine Zwänge."
 
Preiskampf mit Vorbehalten
Das deutet auf Preisoffensiven hin. Allerdings dürften sich diese eher auf den Highend-Serverbereich mit mehr als zwei CPU-Sockeln beschränken. Hier nütze Intel seine Marktstellung besonders aus: "Intel hat einige sehr, sehr, sehr, sehr hochpreisige Serverprozessoren." Er werde, wie er glaube, Produkte haben, die leistungsmässig auch im Highend-Bereich mithalten können. Trotzdem "werde ich nie acht bis neutausend Dollar pro Sockel verlagen. Das ist lächerlich." Intel versuche zudem, das Geschäfts im Vier-Sockel-Serverbereich zu schützen, indem die Fähigkeiten der CPUs für Zwei-Sockel-Server beschränkt werden. AMD dagegen müsse keinen Serverbereich schützen und er könne tun, was er wolle.
 
Allgemein will Norrod aber eher mit Leistung punkten, als mir Supertiefpreisen. Denn die Sache mit dem Preiskampf habe im CPU-Geschäft einen Haken: Ohne genügend Leistung wird er schnell sinnlos. Die CPUs würden rund 30 Prozent der Kosten eines Servers ausmachen. Wenn man also 30 Prozent weniger Leistung bieten könne als die Konkurrenz, könne man sie auch gratis liefern, und die "Total Cost of Ownership"-Rechnung, zumindest bei den Anschaffungskosten, trotzdem verlieren.
 
Bei AMD glaube man zwar, mit der neuen CPU-Generation leistungsmässig bei einer Vielzahl von Anwendungen mithalten zu können. Trotzdem sieht er das Heil von AMD eher in der Spezialisierung: "Ich will, ähnlich wie wir das schon beim Opteron gemacht haben, Systeme auf den Markt bringen, die bei bestimmten Workloads eindeutig überlegen sind." Um welche Workloads beziehungsweise welche Kundesegmente es dabei gehen könnte, will er aber absolut nicht verraten: "Ich will so unvorhersehbar wie möglich werden dabei, was wir aufs Korn nehmen und welche Differenzierungsmerkmale wir kommenden Produktiterationen mitgeben werden."
 
Zerschlagenes Geschirr flicken
Keineswegs unberechenbar, sondern "verdammt langweilig" soll AMD Norrod dagegen werden, wenn es um die Einhaltung von Leistungs- und Lieferversprechen geht. Dies ist auf die Lieferprobleme der Vergangenheit gemünzt, mit denen AMD vor allem bei Serverherstellern viel Geschirr zerschlagen hat. Denn bevor AMD überhaupt Kunden überzeigen kann, muss der Chiphersteller die Serverhersteller davon überzeigen, dass es sich wieder lohnen könnte, Geld in die Entwicklung von AMD-Servern zu stecken. (hjm)