Wie Swiss Re Naturkatastrophen digitalisiert

Laut Swiss Re haben neue IT-Technologien das Potential, die Versicherungsbranche in einer Vielzahl von Bereichen stark zu verändern.
In China wurden nach einem Wirbelsturm im letzten Herbst erstmals Zahlungen aus einer "parametrischen" Versicherung ausgelöst. Innert Tagen.
 
Die Stadt Shanwei in der Provinz Guangdong wurde im letzten Oktober von "Super-Taifun" Haima heimgesucht. Der Wirbelsturm hatte zuvor auf den Philippinen 13 Todesopfer gefordert, in China gab es zum Glück keine Toten. Trotzdem war der Schaden an der Infrastruktur gross. Laut offiziellen Berichten wurden in der ganzen Provinz knapp 3000 Häuser beschädigt, über zwei Millionen Haushalte hatten teilweise tagelang keinen Strom.
 
Im Gegensatz zu früheren Naturkatastrophen wurden in diesem Fall aber Versicherungsgelder nicht erst nach Monaten oder gar Jahren ausgezahlt. Wie Swiss Re in ihrem aktuellen Jahresbericht schreibt, erhielt Shanwei bereits nach einer Woche die ersten Gelder und konnte sie unmittelbar in die Katastrophenhilfe und den Wiederaufbau investieren.
 
Shanwei und neun andere Gemeinden der Provinz hatten kurze Zeit zuvor mit einem Pool von Versicherern eine neue Art von Katastrophen-Versicherung abgeschlossen, ein "parametrisches" Versicherungsprogramm. Auch 28 ländliche Kommunen der Provinz Heilongjiang haben eine ähnliche Versicherung erworben. Gestaltet und rückversichert wurden die Programme von Swiss Re. Laut dem Schweizer Rückversicherer sind dies zusammen die bisher grössten Versicherungen gegen Naturkatastrophen, die in China je unterschrieben wurden. Dies sei aber gar nicht das eigentlich Bemerkenswerte.
 
Automatisch ausgelöste Zahlungen
Im Gegensatz zu traditionellen Versicherungen werden bei den parametrischen Versicherungen Zahlungen nicht erst nach langwierigen Untersuchungen und Schadensevaluationen getätigt. Stattdessen werden sie automatisch ausgelöst, wenn von Satelliten oder anderen Sensoren gemessene Parameter der Katastrophe, zum Beispiel Windgeschwindigkeit und Niederschlagsmenge gewisse Schwellenwerte übersteigen. Dem Ausmass der Zahlungen zugrunde liegt wiederum eine umfassende Big-Data-Analyse des Risikoprofils einer Region aufgrund von früheren Schadensmeldungen, Wetterdaten und vielem mehr.
 
Der Grund für die Versicherer, durch diese neue Art von Versicherung für schnelle Zahlungen zu sorgen, ist natürlich nicht reine Nächstenliebe. Es geht darum, Kunden für Versicherungen zu finden, welche diese bisher nicht in Betracht gezogen hätten, und gleichzeitig das eigene Risiko im Griff zu behalten. Schnelle Zahlungen machen solche Katastrophen-Versicherungen deutlich attraktiver, weil Kommunen sofort Investitionen in den Wiederaufbau oder die Linderung von ökonomischen Folgen tätigen können, die sie sich aus eigenen Mitteln nicht hätten leisten können. Dies wiederum dürfte die Folgekosten deutlich senken.
 
Eine abgespeckte Version des Systems zur Analyse des Risikoprofils von Regionen stellt Swiss Re seinen Kunden übrigens unter dem Namen "CatNet" als browserbasierte App kostenlos zur Verfügung.
 
Swiss Re tanzt auf vielen Hochzeiten
Die Möglichkeit, ganz neue Versicherungsformen anbieten zu können und so den Umsatz der Versicherungsbranche zu steigern scheint letztlich - mehr als die Effizienzsteigerung - das Kernpotential, das Swiss Re in der Digitalisierung sieht. Ein weiteres Beispiel für ein neuartiges parametrisches Versicherungsvehikel ist die zusammen mit der Weltbank und weiteren Partnern entwickelte "Pandemic Emergency Financing Facility" (PEF). Notfallorganisationen sollen hier Zugang zu Geldern erhalten, sobald eine Epidemie bestimmte Schwellenwerte wie die Zahl der Toten oder der Infektionen innerhalb eines gewissen Zeitraums übersteigt.
 
Der Schweizer Rückversicherungsriese fährt im Bereich Digitalisierung aber auch noch auf vielen anderen Schienen. In den letzten drei Jahren habe man über 500 Case Studies zu digitalen Produkten und Applikationen durchgeführt. Ein konkretes Produkt daraus sei beispielsweise "Magnum Mobile", eine App die es Versicherungsvertretern deutlich erleichtern soll, die für die Preisfindung und den Abschluss einer Lebensversicherung notwendigen Informationen zusammenzustellen.
 
Der Rückversicherer tätigt auch Investitionen in Digitalisierungs-Startups, zum Beispiel Digi.me und Biovotion. Digi.me will Privatleuten eine Plattform bieten, auf der sie alle Arten von persönlichen Daten sammeln und dann, falls gewünscht, gezielt an Unternehmen weitergeben können. Biovotion stellt Wearables zur Messung von physiologischen Daten her. (Hans Jörg Maron)