ICTswitzerland: Neues Führungsduo, neue Ausrichtung?

Einstimmig wurde Marcel Dobler als neuer ICTswitzerland-Präsident gewählt.
Ruedi Noser rezitiert ein sozialistisches Gedicht. Und wir mussten Fragen zu einem ICT-GAV und einem Rechtsrutsch von ICTswitzerland stellen. Was an der Delegierten­versammlung zu Reden gab.
 
100 Prozent stimmten ja. In allen Standardtraktanden. Kein Wässerchen schien die Delegiertenversammlung des Dachverbands ICTswitzerland trüben zu können.
 
Im Drei-Minutentakt folgten die Tätigkeitsberichte aufeinander, im 30-Sekundentakt schwebten die Finanzzahlen durch die Aula der ETH und die Entlastung des Vorstands war so schnell durch, dass man misstrauisch hätte werden können.
 
Allerdings sind der Grossteil 68 anwesenden Delegierten gleichzeitig im Vorstand, sei es als Vertreter der Mitgliederverbände oder der Firmen-Mitglieder. Sie haben all dies längst diskutiert.
 
Einige Zahlen seien hier rapportiert: 90 Prozent der Einnahmen des Dachverbands stammen von Firmen, 10 Prozent von ICT-Verbänden wie Swico oder SwissICT. Ausgabenseitig fallen etwa 400'000 Franken Kosten in der Geschäftsstelle an. 540'000 Franken werden in Mitgliedschaften bei ICT-Berufsbildung Schweiz und Economiesuisse und ins Issue Monitoring und Lobbying durch die parlamentarisch-wirtschaftliche Initiative ePower investiert. Für spezifische Projekte gibt der Verband 300'000 Franken aus.
 
Im Rahmen der Tätigkeitsberichte strich man hervor, dass das Projekt "Schweiz als Partnerland der CeBIT 2016" ein Erfolg gewesen sei: "Wir sind als ICT-Nation wahrgenommen worden."
 
Ebenso stolz zeigt sich Geschäftsführer Andreas Kaelin, dass man sich des Themas "Informatiker 45plus" annehme. "Wir haben dem Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich 31 Top-Manager als Mentoren für arbeitslose Informatiker vermittelt." Er plant zudem einen Workshop zum Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit. "Wir nehmen dies sehr ernst", sagte Kaelin.
 
Profi-Lobbyist Andreas Hugi trat als Verantwortlicher des Ressorts Politik auf und thematisierte nicht das kürzliche Debakel im Parlament in Sachen Netzsperren, sondern aktuelle Prioritäten: Datenschutz, Urheberrecht, Fernmeldegesetz, Gleichstellungsgesetz sowie das elektronische Grundstück-Informationssystem eGRIS und das elektronische Patientendossier.
 
Alain Gut, IBM, meldete aus dem Bildungsressort, man engagiere sich dafür, dass Informatik als Grundlagenfach in die Gymnasien komme und dass der Lehrplan 21 vorankomme. Ihm war damit 100 Prozent Wohlwollen und Unterstützung sicher. Neu thematisiert ICTswitzerland berufstätige Frauen. Sie dürften laut Studien die ersten sein, die durch die Digitalisierung ihre Jobs verlieren. Aber die Informatik, in welcher Jobs entstehen könnten, liege ihnen fern. Was konkret zu machen sei, liess Gut offen.
 
Und positioniert sich ICTswitzerland neu? Man trete dem Arbeitgeberverband bei, hiess es. Dass die ICT-Branche nun ein GAV-Projekt in Angriff nimmt, ist kein Thema, liessen Vorstandsvertreter am Rande verlauten.
 
Die neuen Aushängeschilder
Unternehmer und FDP-Ständerat Ruedi Noser war in den letzten Jahren die prägende Figur im Aufbau und der Prioritätensetzung von ICTswitzerland. Zu seinem Rücktritt nach 13 Jahren wurde von Geschäftsführer Andreas Kaelin seine Leistung gewürdigt, der Branche ein Gesicht und eine Stimme gegeben zu haben. Auch dies dürfte branchenweit unbestritten sein.
 
Noser selbst verabschiedete sich mit einem Gedicht: "Europa", des Sozialisten Kurt Tucholsky, das 1932 den damals aufsteigenden Nationalismus sarkastisch kritisierte. "Und wenn alles der Pleite entgegentreibt: dass nur die Nation erhalten bleibt!"
 
Umso interessanter die Wahlen der Nachfolger des weltoffenen, liberalen bisherigen Führungsduos Thomas Flatt und Ruedi Noser. Vorgeschlagen wurden nämlich zwei Befürworter der Masseneinwanderungs-Initiative, die von Flatt und Noser vehement bekämpft worden war.
 
Nominiert als Vizepräsident war Green-Verwaltungsrat und SVP-Nationalrat Franz Grüter. Und die Abstimmung war klar: 100 Prozent ja für Grüter.
 
Als Präsident soll der 36-jährige Digitec-Gründer und FDP-Nationalrat Marcel Dobler das neue Gesicht der Branche werden, wie inside-it.ch exklusiv recherchiert hatte. Diskussionslos wurde Dobler mit ebenfalls 100 Prozent der Stimmen gewählt, Enthaltungen gab es keine.
 
Via Videobotschaft aus dem Bundeshaus kündigte der wegen zwingender Parlamentsaufgaben abwesende Dobler drei Schwerpunkte an: Digitale Bildung für alle, gute Rahmenbedingungen für Innovation sowie die Legiferierung. Er wolle die Verordnungsprozesse optimieren und Einfluss nehmen auf die Gesetzgebung. Konkreteres wird in einer baldigen Vorstandsklausur erarbeitet.
 
Ist das neue Spitzenduo als Richtungswechsel des Verbands hin zu einer Abschottung der Schweiz zu werten? Beim Apero rangen Top-Vertreter von internationalen Konzernen und etablierten Schweizer Software-Schmieden um Worte. Nein, hiess es schliesslich. So sei dies nicht zu verstehen. Sie verwiesen auf aktuelle Vorstösse von Dobler, welche den Zuzug von Informatikfachleuten erleichtern sollen. Eine "Jugendsünde" sei sein vormaliger Einsatz gewesen, glaubte einer. 100 Prozent der Befragten sind überzeugt: "Sie werden im Sinne einer weltoffenen, liberalen ICT-Branche votieren." (Marcel Gamma)