Was die CeBIT Schweizer Startups bringt

Das Startup Fotokite an einer Präsentation im Swiss Pavillon (Foto: Mediamatiker i.A. ICTswitzerland)
19 Schweizer Startups reisten an die CeBIT, um Kunden und Investoren zu finden. Sie erklären, was daraus wurde.
 
An der Kreuzung zwischen Hamburg, Volkswagen und SAP stehen in der CeBIT-Halle "Scale11" acht mannshohe Säulen, die für 19 Schweizer Startups reserviert sind. "Scale11" beherbergt total 450 Jungunternehmen aus aller Herren Länder. Riesige Messebauten wie in den andern Hallen fehlen hier, alles wirkt offen, locker, unaufgeregt.
 
In diesem Rahmen sollen Startups potentielle Kunden treffen und Investoren kennenlernen, denn die Messe soll rund 70'000 Entscheider anlocken. Theoretisch könne man laut CeBIT zudem 3500 Journalisten überzeugen.
 
Theoretisch. Denn es fällt auf, dass hier das Publikum weniger zahlreich und jünger ist als bei den klassischen IT-KMUs und Konzernen. Und die vorherrschende Beschäftigung der Startups scheint Mails beantworten, im Internet surfen oder mit Kollegen plaudern zu sein. Circa ein Fünftel der Stände sind verwaist.
 
Höchstens zehn Prozent aller Startups scheint, so zeigt sich bei mehreren Besuchen, wirklich mit potentiellen Kunden oder Investoren zu sprechen. Das kann auch daran liegen, dass die Jungunternehmer zwar disruptive Businessmodelle und Technologien haben, aber den vorbeischlendernden Fremdling nicht damit disruptieren möchten. Dies im Unterschied zu den weniger disruptiven, alteingesessenen ICT-Firmen, die sich jeden halbwegs Interessierten schnappen und in ein Gespräch zu verwickeln suchen.
 
Trotzdem zeigen sich die meisten befragten Schweizer Startups zufrieden, in der Startup-Halle zu sein, statt unter etablierten Konkurrenten. Alles sei perfekt organisiert und man habe ein paar gute Gespräche führen können.
 
"Immerhin konnten wir pitchen trainieren"
Die 19 angereisten Schweizer Startups sind nicht permanent in der "Scale11" festgeklebt, sondern wechseln sich mit einer Präsenz im Swiss Pavilion ab. Dort präsentieren sie sich neben den Grossen wie der Post, der ETH und Ruag Defense. Zudem können sie auf der Bühne pitchen, sich im Speed Dating bewähren und sich in einem "Founders Fight" messen, einer Art Poetry Slam.
 
Hier ist das Publikum meist nicht sehr zahlreich, dafür aufmerksam und hochkarätiger als in der Startup-Halle. "Immerhin konnten wir pitchen trainieren", bilanziert ein Startup-Vertreter. Die Schweizer Organisatoren verteilen zwar eigens Flyer, aber trotzdem wird bestätigt, was man eigentlich ahnt: Es ist im Trubel einer Riesenmesse wie der CeBIT schwer, spontanes Interesse zu wecken.
 
Die Startups haben noch etwas anderes gelernt: Wer nicht im Vorfeld schon Kunden, Interessenten und Investoren kontaktiert hatte, der hat schon halb verloren. "Wir hätten im Vorfeld mehr werben müssen, das war unser Fehler”, gibt ein Jungunternehmer zu, der anonym bleiben soll. “Uns fehlte zwei Wochen vor der CeBIT einfach die Zeit dafür," bestätigt ein anderer.
 
In Konsequenz sind manche mit dem ROI nicht zufrieden. Sie sehen aber die Schuld bei sich selbst, nicht bei den Schweizer Organisatoren. Diese hätten einen perfekten Service geboten. Rundum zufrieden hingegen ist Andreas Renker, CEO von allvisual. "Wir haben kein Venture Kapital im Fokus, wir konnten Kunden treffen, die wir bislang nur via Skype kannten. Für uns ist der Auftritt genial." Auch Senozon gibt sich zufrieden, man habe 30, 40 gute Gespräche geführt. Qumram, die Gespräche verabredet und sich "be more aggressive" vorgenommen hatten, sind rundum zufrieden. Sie haben unter anderem einen globalen Top-Entscheider kennengelernt.
 
E-Mail und Flyer als Erfolgsfaktoren
Sehr positiv war aus Sicht aller befragten Startups der Besuch von Schweizer Delegationen aus Politik und Wirtschaft. Qumram hat Axel Lehmann, Group COO der UBS getroffen, einen Bestandeskunden. Andere heben ihr Gespräch mit dem Nationalrat und neuen ICTswitzerland-Präsidenten Marcel Dobler hervor. Und Sonect hat vor Ort einen wichtigen Fan gewonnen, der ihnen sofort nach seinem Rückflug einen Termin mit einem potentiellen Schweizer Kunden vermittelte.
 
Das Medieninteresse ist aber schwach. Advertima wurde von der Nachrichtenagentur ‘Thomson Reuters’ porträtiert, aber sonst scheint nur inside-it.ch präsent zu sein.
 
Was fehlt an Unterstützung? Nichts eigentlich, meinen die Befragten. "Gut wäre ein App, in der sich Investoren und Startups registrieren und mit der sie sich vernetzen könnten", schlägt Sonect-CEO Sandipan Chakraborty vor. Warum nicht. Aber die guten alten persönlichen E-Mails, Visitenkarten und designten Papierflyer dürfte die App nicht ersetzen, wenn sich die Jungunternehmer rasch global etablieren wollen. (Marcel Gamma)