Verdienen Informatik-Lehrlinge genug?

Ein IT-Stift verdient viel weniger als ein Kaminfeger-Stift. Warum? Wir haben nachgefragt.
 
400 Franken erhält ein Drogist EFZ im ersten Jahr der vierjährigen Lehre, 800 Franken ein Müller EFZ und als Diätkoch EFZ gibt es gar über 1000 Franken. Das zeigt die Liste der aktuellen Lehrlingslöhne 2017, die die Lehrstellen-Plattform Yousty soeben publiziert hat.
 
Wer in die Informatik einsteigen will, erhält im ersten Lehrjahr einen mittelmässigen Lohn, basierend auf den Empfehlungen von ICT-Berufsbildung Schweiz: 550 bis 650 Franken als Informatiker EFZ, ebenso in EFZ Betriebsinformatik und als Mediamatiker EFZ, alles ebenfalls vierjährige Ausbildungen.
 
ICT-Berufsbildung hat das ehrgeizige Ziel, die Anzahl Informatik-Lehrstellen in der Schweiz von aktuell rund 9000 bis 2022 auf 12'000 zu steigern.
 
Sollte man für diese anspruchsvolle Lehre nicht höhere Löhne zahlen, um für den Nachwuchs attraktiv zu bleiben? Umso mehr als man nur die Besten will?
 
Informatik-Lehrlinge sind bestenfalls kostendeckend
Jörg Aebischer, Geschäftsführer von ICT-Berufsbildung Schweiz, sagt Nein. Das Lehrlingsgehalt, so argumentiert Aebischer gegenüber inside-it.ch, widerspiegle den Grad an Produktivität des Lehrlings in der Firma.
 
Und Lehrlinge in handwerklichen Berufen sind bekanntlich viel schneller produktiv einsetz- und allenfalls verrechenbar, als Informatik-Stifte. Eine Kosten-Nutzen-Analyse der Lehrlingsausbildung aus der Sicht der Betriebe der Universität Bern habe ergeben, dass Lehrlinge in "einfacheren" und gewerblichen Berufen netto profitabel sein können. "Billige Knechte", könnte man dies salopp ausdeutschen.
 
Informatik-Lehrlinge hingegen, wie andere Stifte in "komplexen" Berufen auch, seien bestenfalls kostendeckend, so Aebischer. Es mache deshalb sogar Sinn, dass ein bis zwei Basislehrjahre gar kein Lohn ausbezahlt wird und erst dann Geld fliesst, wenn sie im Betrieb produktiv werden.
 
"Unsere Empfehlungen haben keinen verbindlichen Charakter und können je nach Betrieb unter- oder überboten werden", präzisiert er. "Nach der Informatiklehre wird es dann rentabel für alle Beteiligten", sagt Aebischer. Sowohl für die Informatiker, welche in ihrer Laufbahn eine ganz andere Lohnentwicklung erleben werden als Müller oder Diätköche. Aber auch für die ICT-Lehrbetriebe lohnt es sich, wenn sie den Lehrling behalten und ausgebildete Berufsleute nicht im Markt rekrutieren müssen.
 
Das Schweizer Informatik-Ausbildungskonzept der dualen Lehre unterscheidet sich deutlich vom Ausland. International werden Informatiker praktisch nur in Hochschulen ausgebildet. Hierzulande hingegen werden laut ICT-Berufsbildung Schweiz nur zehn Prozent der jährlichen ICT-Abschlüsse auf akademischem Weg gemacht.
 
Entsprechend propagiert ICT-Berufsbildung Schweiz die Informatik-Lehre als das inländische Reservoir für Fachkräfte überhaupt. (Marcel Gamma)