Studie: So begeistert man Frauen für die Schweizer Informatik

Der Frauenmangel in der IT ist primär ein Imageproblem, so eine neue Studie. Massnahmen gibt's obendrauf. Aber ob die richtig sind?
 
Mit 14,7 Prozent ist der Frauenanteil in der Schweizer Informatik bescheiden bis sehr tief. Woran liegt das? Ein Forschungsprojekt der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) ging dieser Frage nach. Die These lautet, alles sei "nur" ein Imageproblem, ja, es herrschten Vorurteile über das Berufsfeld. "Wie eine positive Identifikation mit ICT-Berufen auch für Frauen ermöglicht und unterstützt werden kann", wollte die verantwortliche FHNW-Professorin Dörte Resch mit ihrem Team vom Institut für Personalmanagement und Organisation herausfinden.
 
Laut den Wissenschafterinnen spielen bei der Berufswahl in der Schweiz "individuelle Identitäten, die von kulturell geprägten Geschlechterrollen geleitetet sind, eine zentrale Rolle." Widersprechen aber Berufsbilder diesen Identitäten, so werde der Beruf als "unattraktiv" gesehen.
 
Nicht primär Technik zeigen
Kommen wir zu den Ergebnissen: Technik und Programmieren prägen das Image der Informatik stark, zu stark. Und dies obwohl Kommunikation und Teamarbeit immer wichtiger würden, sowohl in der Ausbildung wie auch am Arbeitsplatz.
 
Ein Fehler sei, dass in Beschreibungen, Bildern und ebenso beim Selbstverständnis der Ausbildung primär die technische Seite gezeigt und herausgestrichen werde.
 
Was tun? Die Aus- und Weiterbildungsbranche müsse Informatikberufe "zugänglicher" darstellen. Sie müsse "zum Beispiel das Programmieren als lernbar und Interessen als entwicklungsfähig positionieren". Auf gut Deutsch: Frauen, das schafft ihr schon und falls sich eure Interessen ändern, müsst ihr nicht gleich den Beruf wechseln.
 
Ganz wichtig sei es bei Frauen (bei Männern offenbar nicht so wichtig), dass Sinn und Zweck von Technologie herausgestrichen werde und zu zeigen, wo und wie Informatik überall zum Einsatz kommt (überall).
 
Ja, und jetzt? Schöne neue Broschüren mit schönen neuen Fotos von fröhlich diskutierenden Menschen drucken? Oder schöne responsive Websites mit fröhlich diskutierenden Menschen? Nein, nicht nur, sagen die Forscherinnen, das genüge nicht. Sie empfehlen vier Massnahmen. Jede Massnahme dekorieren sie mit einem Ausrufezeichen.
 
Das sind die vier Massnahmen!
Erstens: "Eine an die Zielgruppen anschlussfähige Kommunikation gewährleisten!" Gemeint damit ist: vermeidet viele Fachbegriffe, formuliert aktiv und zeigt konkrete Beispiele. Und natürlich Fotos von fröhlich diskutierenden Menschen.
 
Zweitens: "Ausgeglichene Darstellung des Kompetenz- und Tätigkeitsportfolios!" Gemeint damit: keine "Nerds" am Bildschirm zeigen und stattdessen soziale wie kommunikative Tätigkeiten im Informatik-Alltag herausstreichen.
 
Drittens: "Technik als lernbar und zielgerichtet positionieren!" Gemeint damit: Informatik spielt in der Medizin eine wichtige Rolle und beim Umweltschutz ebenso und das muss man den jungen Frauen und Mädchen zeigen. "Gleichzeitig muss klar werden, dass die notwendigen Fähigkeiten im Laufe des Studiums und der Ausbildung erworben werden können, sie müssen als lernbar positioniert werden."
 
Viertens: "Die berufliche Zukunft konkret beschreiben!" Ausser manchen 50plus-Informatikern ist allen in der Branche klar, dass die Zukunftschancen für Informatikerinnen und Informatiker in der Schweiz heute gut sind und langfristig auch bleiben werden. Dies blieb offenbar Tausenden von jungen Frauen bislang verborgen.
 
Wichtig sei, so das Fazit des Forschungsprojekts "Attraktivität von ICT-Berufen", dass eine isolierte Massnahme nicht genüge. Damit der Beruf zugänglicher werde, sei ein integrativer Ansatz wichtig. Und gerade Studien- und Ausbildungsanbieter müssten das Informatik-Image, das sie verbreiten, grundlegend überdenken.
 
Aber natürlich können Firmen, Behörden und Verbände ihren Teil beitragen, beispielsweise bei Web-Texten oder in Stelleninseraten. ICTswitzerland hat mit der Studie eine Checkliste publiziert (PDF). Dies dürfte HR- und Kommunikationsleuten helfen bei ihren Texten. Sie ist das hilfreichste Resultat dieser Studie überhaupt.
 
19 Jugendliche befragt
Die Studie entstand zusammen mit dem Dachverband ICTswitzerland (und unseres Wissens nicht mit dem Branchenverband swissICT, wie auf der FHNW-Website fälschlich vermerkt). Finanziert wurde sie vom SBFI und der Stiftung IT-Berufsbildung Schweiz.
 
Für die Erhebung wurden 49 Dokumente und Websites analysiert, "problemzentrierte Interviews" und Gruppendiskussionen mit 84 Personen durchgeführt und ausgewertet. Unter ihnen waren Studierende, Lernende, BerufsberaterInnen und Dozierende. Jugendliche waren in der Minderheit: zwölf Lernende (davon sechs weibliche) und sieben SchülerInnen (davon drei Mädchen) durften sich äussern.
 
Der 81-seitige Synthesebericht kann als PDF heruntergeladen werden.
 
Und die nächste Forschungsfrage?
Wer sich nun fragt, ob eine systematische Imageaufbesserung genügt, um Frauen für die Informatik zu begeistern, muss die Antwort selbst suchen.
 
Ebenso fehlen Studien zu plausiblen "frauenabschreckenden" Aspekten wie Mutterschafts-Auszeiten und deren Konsequenzen in der IT, freizeit- und krippenkompatible Projektplanungen, gläserne Decken oder männlich dominierte Führungsstile und Pausenraumgespräche. Sie werden im Auftrag der Branche bislang nicht erforscht. Und es wurde auch noch nie eine brauchbare, repräsentative Studie unter Mädchen in der Schweiz durchgeführt.
 
Auch wurde in der Schweiz noch nie über Bulgariens oder Saudi-Arabiens Informatik geforscht. Dort beträgt der Frauenanteil in der Informatik nach neuen Zahlen 39 Prozent, in Saudi-Arabien seien Frauen an Informatikschulen gar in der Mehrheit.
 
So muss offen bleiben, ob das Imageproblem überhaupt so relevant ist, oder ob ganz andere, beziehungsweise weitere Faktoren eine bedeutende Rolle spielen.
 
Nur die Lohn-Diskriminierung wurde offiziell in der Schweiz ausgewertet. Immerhin ist diese laut Verband SwissICT vergleichsweise gering. (Marcel Gamma)