Weltes Welt: Visionäre und Klempner

In seiner ersten Kolumne thematisiert Beat Welte grosse IT-Visionen und wer heute mit solchen verblüfft.
 
Vor sechs Jahren war es eine kleine Sensation. Warren Buffett, erfolgreichster Investor aller Zeiten, tat das, was er eigentlich nie tun wollte: Er kaufte für über 10 Milliarden Dollar Aktien eines Technologie-Unternehmens. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Investment-Legende einen weiten Bogen um die unsichere, weil von Disruptionen geschüttelte IT-Branche gemacht und nur in "berechenbare" Firmen – Versicherungen, Eisenbahnen, Getränke – investiert. Der Rückenwind für das betreffende Unternehmen – IBM – war beträchtlich, der Gegenwind ist es nun auch: Vor einigen Tagen bekannte der "Unfehlbare" ziemlich zerknirscht, dass er einen Drittel der Aktien nach enttäuschenden Resultaten wieder verkauft habe. IBM sei zwar ein starkes Unternehmen, indes sei die Konkurrenz noch stärker. Was er damit meinte, wurde im Interview mit 'CNBC' schnell klar: Amazon’s Jeff Bezos sei der "bemerkenswerteste Geschäftsmann", den er kenne.
 
Der Ausstieg von Buffett ist mehr als nur eine Fussnote in der Technologie-Geschichte. Er ist Ausdruck einer tiefgreifenden Veränderung in der Branche. Seit 20 Quartalen geht der Umsatz des ehemaligen Branchenprimus IBM zurück, und auch andere ehemalige Vordenker der Branche tun sich schwer. Denn die grossen Visionen fehlen, den Ton geben heute andere an: Jeff Bezos will Waren über Drohnen ausliefern lassen, die aus Garagen im Himmel starten. Elon Musk will mit Neuralink die "konsensuelle Telepathie" zwischen den Menschen erfinden und gleichzeitig den Weltraum erobern. Und Google macht "crazy ideas" zum Programm. Beeindruckend daran ist nicht nur die tabulose Keckheit der Visionen, sondern auch die Radikalität, mit der zur Umsetzung geschritten wird: Nicht mehr "denke gross, starte klein" ist das Mantra der neuen Vordenker, sondern "denke gigantisch und starte gross".
 
Auch die Bäume dieser Visionäre werden nicht in den Himmel wachsen. Visionen werden an der Realität zerschellen, Geld wird in den Sand gesetzt werden – das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber es ist auch Programm: Denn intelligent Scheitern ist die Umkehrseite geglückter Geniestreiche, was in krassem Gegensatz zu den bürokratisch erstarrten, Prozess-fixierten ehemaligen Branchenleadern steht. Die Erfolge der "Neuen" sind beeindruckend: Dem ehemaligen Detailhändler Amazon ist die Diversifikation zum Cloud-Branchenprimus gelungen, Elon Musk schüttelt mit seinen Teslas die Automobilbranche durch. Und Google kann den Cloud-Trend zunächst verschlafen – und danach das Feld (fast ganz) trotzdem noch von hinten aufrollen.
 
Diese Visionäre werden die alten IT-Traditionsunternehmen nicht verdrängen. Aber die Rollen sind klar definiert: Die einen planen und realisieren "abgespacte" Prachtvillen, die anderen sind für den Tiefbau zuständig. Daran ist nichts Schlechtes, denn Tiefbau ist wichtig. Nur: Die grossen Schlagzeilen macht man damit nicht. Man bewegt die Welt nicht mehr, man zieht nicht mehr die hellsten Köpfe als Mitarbeiter an – und auch Investoren besinnen sich eines Besseren.
 
Ein einseitiges Bild? Immerhin trumpft IBM bei jeder Gelegenheit mit Watson auf? Ist das nun ein Marketinggag oder Geniestreich "Musk-ischer" Dimensionen? Dazu mehr in der nächsten Kolumne. (Beat Welte)
 
Beat Welte war über 25 Jahre in führenden Positionen bei verschiedenen grossen und kleinen IT-Unternehmen tätig. Er arbeitet heute selbständig als Strategie- und Kommunikationsberater – und ist kritischer Beobachter der IT-Branche.
 
Über "Weltes Welt"
Die IT-Branche versteht es wie keine andere, selbst langjährige Marktteilnehmer zu verwirren: In all dem Marketinggetöse ist es nicht ganz einfach, die wirklich wichtigen Untertöne wahrzunehmen. Für 'inside-it.ch' und 'inside-channels.ch' wird Beat Welte in seiner monatlichen Kolumne diese kleine, aber feine Unterscheidung machen. Er kommentiert tiefgreifende Marktveränderungen, bedeutsame Trends und Ankündigungen, die mehr sind als die Version 10 eines altbekannten Produktes.
 
Welte ist dazu berufen wie kein anderer: Während über 25 Jahren in der Branche tätig, galt er in Journalistenkreisen als "Chef-Spinmaster" der IT-Branche in Diensten von IBM oder HP. Dazwischen leitete er in den neunziger Jahren als Chefredaktor die damals grösste IT-Fachzeitschrift. Heute ist er als Strategie- und Kommunikationsberater selbständig – und wird für uns scharfzüngig das Geschehen in der Branche kommentieren. (Die Redaktion)