So will die Gewerkschaft Syndicom die Digitalisierung regulieren

Bessere Bildung, geringere Arbeitspensen und mehr Regulierung will die Gewerkschaft durchsetzen.
 
Die Gewerkschaft Syndicom positioniert sich und setzt auf digitale Kompetenz. Kein Wunder: Die Arbeitnehmervertreterin ist in Branchen tätig, die besonders von der Digitalisierung betroffen sind. Im Dezember letzten Jahres hat sie auf Grundlage einer Auftragsstudie eine Resolution zur digitalen Schweiz publiziert. Nun hat die Gewerkschaft eine Broschüre mit dem Titel "Arbeit 4.0" veröffentlicht, in der sie ihre Handlungsabsichten bezüglich Digitalisierung darlegt.
 
Die digitale Arbeitswelt würde Chancen bieten für Selbstbestimmung und Autonomie, neue Zukunfts- und Beschäftigungsperspektiven sowie mehr Mitbestimmung und Beteiligung, schreibt die Gewerkschaft in der Broschüre. Aber sie berge auch Gefahren wie Jobverlust, Verlust sozialer Sicherheit und Freiräume und schliesslich neue und verschärfte soziale Ungleichheiten.
 
Als Ziel formuliert Syndicom, dass sie die Digitalisierung mitbestimmen und deren Chancen "allen Menschen" zugänglich machen wolle. Dabei soll auch den damit verbundenen Gefahren entgegengetreten werden.
 
Wenn sich Vertreter von partikulären Interessen – also etwa Gewerkschaften aber auch Arbeitgebervereinigungen und Wirtschaftsverbände – für "alle Menschen" aussprechen, sollte man immer etwas genauer hinschauen. Wir haben darum einige Punkte aus der Broschüre durchleuchtet.
 
Syndicom will mehr Bildung
Aufgrund der zunehmenden Dynamik infolge der digitalen Revolution würden einzelne Branchen und Geschäftsfelder schneller schrumpfen oder wachsen als zu früheren Zeiten, schreibt die Syndicom. Als Beispiel werden Lieferroboter und Drohnen erwähnt, die einerseits Lieferdienste überflüssig machten, aber auch neue Berufsbilder entstehen liessen. Diese Entwicklung wie auch die zunehmende Komplexität bedeute auch, dass sich berufliches Fachwissen schneller abnütze.
 
Dem soll entgegengewirkt werden durch die Erfassung von notwendigen Qualifikationen und einer entsprechenden Aus- und Weiterbildung. Dazu bedürfe es einer paritätischen Planungsinstanz. Sprich: Gewerkschaften und Arbeitgeber sollen gemeinsam am Planungspult sitzen. Die Syndicom will die Bildungsansprüche in Gesamtarbeitsverträgen (GAV) verankern und sie sollen im Falle des Nichtbezugs kumuliert werden, so dass Arbeitnehmer sie im Nachhinein auch für aufwendigere Weiterbildungen nutzen können. So soll die Arbeitsmarktfähigkeit erhalten bleiben, erhofft sich die Gewerkschaft und appelliert diesbezüglich zudem an den Staat. Dieser solle bildungspolitisch stimulierend eingreifen.
 
Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse
Die aktuellen Entwicklungen würden die Arbeit von Raum und Zeit befreien. Konkret heisse das, dass Arbeitsverhältnisse ausgelagert werden und ehemals Angestellte formell selbständig würden. Dies würde dazu führen, dass die Arbeitsverhältnisse prekärer, befristeter und projektbezogener werden, befürchtet die Gewerkschaft. Damit verbunden seien arbeitsrechtliche Herausforderungen.
 
Nachdem in der Broschüre der drohende Reputationsschaden für Unternehmen wegen der Prekarisierung beklagt wird, wird von Giorgio Pardini, Leiter des Sektors ICT bei Syndicom, die Politik der Gesamtarbeitsverträge als Gegenmittel angeführt: Dank der GAV liessen sich sowohl Flexibilität als auch Sicherheit garantieren. Für Crowdworker – also Selbständige die über Internet-Plattformen Aufträge erhalten – fordert die Gewerkschaft eine Zertifizierung der Plattformen, faire Entschädigung und Sozialleistungen sowie eine Priorisierung von Inhouse-Lösungen.
 
Chancengleichheit und Arbeitsreduktion gefordert
Syndicom sieht eine Menge Probleme in den Branchen, in denen sie aktiv ist: Die Medien könnten ihre Funktion als "Grundpfeiler der Demokratie" verlieren, auch etablierte Unternehmen seien in Gefahr, der stationäre Handel werde vom Online-Handel konkurriert. Neben Einzelmassnahmen fokussiert sie sich aufgrund der Problemlage auch auf gesellschaftspolitische Interventionen.
 
Wegen der unterschiedlichen Lage von Migranten und Einheimischen, Frauen und Männern, Alten und Jungen bezüglich Chancen und Risiken, brauche es verschiedene Perspektiven. Sehr digitalisierungsspezifisch sind die Forderungen hier nicht: Gleichstellung, Chancengleichheit, gute Altersvorsorge, Teilzeitmodelle und mehr Regulierung.
 
Zudem müsse man leistungsfähige Telekommunikations- und Logistiknetze garantieren; dies diene sowohl dem nationalen Standort als auch den Privathaushalten, argumentiert die Syndicom. Der Service-Public sei zu stärken und Unternehmen "die dank dem Produktivitätsfortschritt riesige Gewinne erzielen, sind zu angemessenen Steuerzahlungen zu verpflichten".
 
Ebenso sollen aufgrund der dichteren Arbeit und der gestiegenen Produktivität die Arbeitszeiten verkürzt werden. Dadurch soll die Arbeit – die möglicherweise weniger wird – auf mehr Schultern verteilt werden und damit die Arbeitslosigkeit geringgehalten werden.
 
Gewerkschaftlicher Fahrplan offen
Man werde sich einmischen, Basisstrukturen aufbauen und die Partizipation der Mitarbeitenden stärken, schliesst die Broschüre. Was die konkreten nächsten Schritte sind, konnte Syndicom auf Nachfrage noch nicht beantworten. "Wir sind noch nicht dort, wo wir hinwollen", sagte die Gewerkschaft zu inside-it.ch. Man diskutiere aber verschiedene Massnahmen, unter anderem Neukonzeptionen auf gesetzlicher Ebene. (ts)

Unser Kommentar:

Syndicom versperrt sich offensichtlich nicht der Digitalisierung, wenngleich sie nicht alle wichtigen Faktoren in der Broschüre diskutiert – etwa ob die Digitalisierung Arbeitsplätze vernichtet und wie sie darauf reagieren will. Wenn man die Forderungen und Massnahmen des Anspruchs auf Vertretung der Allgemeinheit entkleidet, wird klar, dass sie – wie alle Interessensvertreter – Politik für ihre Mitglieder betreibt. Deshalb sind die Vorschläge und Perspektiven auch nicht sehr erstaunlich, sondern entsprechen in etwa dem, was man von einer sozialpartnerschaftlich eingebundenen Gewerkschaft erwarten kann, die sich der Digitalisierung nicht verschliesst. In jüngerer Vergangenheit hat Syndicom einige Papiere und Vorschläge zum Thema vorgelegt und scheint damit den übrigen Gewerkschaften einiges voraus zu sein. (Thomas Schwendener)