Dynamics 365 startet stark

"Der Cloud-Anteil der Anwender von Dynamics 365 liegt momentan höher als wir geplant haben", freut sich Frank Naujoks, Lead für Dynamics Ax bei Microsoft Deutschland.
Dynamics 365 hat mehr Cloud-Anwender als Microsoft geplant hat. Produzierende Unternehmen bestehen jedoch darauf, zumindest die wichtigen Systemteile inhouse zu betreiben. Das berichtet die Anwender­vereinigung mbuf am Jahreskongress in Stuttgart.
 
Überaus zufrieden mit der Resonanz auf die Cloud-Lösung Dynamics 365 zeigt sich Frank Naujoks, Lead für Dynamics AX bei Microsoft Deutschland: "Wir haben in der Preview-Version 150 Kunden im Live-Betrieb und weitere 400 in der Implementierung. Der Cloud-Anteil liegt höher als wir geplant haben" Die Anwender kommen laut Naujoks aus allen Bereichen, darunter auch produzierende Betriebe oder die öffentliche Hand. In der Cloud seien sämtliche Grössen vertreten, darunter auch Anwender mit vierstelligen Nutzerzahlen.
 
Mit Dynamics 365 haben Unternehmen die Möglichkeit, das komplette System oder Teile davon in der Cloud zu betreiben. Die Bereitschaft für die Cloud-Migration macht der Microsoft-Manager am Zustand der Inhouse-Systeme fest: "Wer gerade in neue Server investiert hat, der betreibt typischerweise seine Systeme eher inhouse. In drei Jahren, wenn dann die Hardware abgeschrieben ist und zum Tausch ansteht, rechnen die Unternehmen neu und können ohne Vorbehalte in die Cloud gehen."
 
Produktionsunternehmen wollen Inhouse-Systeme
Eine andere Einschätzung liefert Martin Drude, Leiter der Arbeitsgruppe Dynamics AX bei der Microsoft-Anwendervereinigung mbuf und Head of Group IT and Organization beim Textilmaschinenhersteller Trützschler: "Wir sehen in der Tat viele Cloud-Projekte für Dynamics 365, aber die kommen zumeist aus dem Handel und der Dienstleistungsbranche sowie Startups. Industrieunternehmen sind bislang kaum dabei." Für Startups ist laut Drude die Cloud-Variante sehr interessant, weil die Unternehmen keine Server anschaffen und auch kein Know-how für deren Betrieb aufbauen müssen.
 
Völlig anders sei die Situation bei produzierenden Unternehmen, die automatisierte Lagersysteme oder Produktionsanlagen an das ERP-System angeschlossen haben. Derartige Systeme seien nur schwer mit einer betriebswirtschaftlichen Lösung in der Cloud zu integrieren. Darüber hinaus fürchteten Unternehmen eine Abhängigkeit vom Internet-Dienstleister. Trützschler habe beispielsweise seine Filiale in China mit einer Inhouse-Lösung ausgestattet, um Risiken zu minimieren, die durch eine instabile Datenverbindung entstehen könnten.
 
Industrieanwender von Dynamics 365 haben Microsoft laut Drude sehr schnell Feedback gegeben, dass sie sich keine reine Cloud-Lösung vorstellen können. Microsoft habe reagiert und eine Hybrid-Variante und sogar eine reine On-Premise-Lösung von Dynamics 365 zugesichert. Drude sieht darin einen Erfolg der Anwendervereinigung mbuf, die Stimmen von Industrieanwendern gegenüber Microsoft gebündelt hat. "Alleine hätte mbuf nur wenig Chancen gehabt", schränkt der Arbeitsgruppenleiter ein. Erfolg hatten wir erst, als wir uns mit anderen Anwendergruppen aus Europa und schliesslich aus den USA zusammengefunden haben." Die amerikanischen Anwender hätten einen sehr kurzen Draht nach Redmond und könnten die Bedenken bei Microsoft sehr weit hoch eskalieren. Inzwischen habe es mit dem Microsoft-Topmanagement aber auch Gespräche in Amsterdam gegeben.
 
Anwender
"Die globale Vernetzung international tätiger Unternehmen kann den Schritt in die Cloud rechtfertigen", so Martin Drude, Leiter der Arbeitsgruppe Dynamics AX bei der Microsoft-Anwendervereinigung mbuf. "Die Lizenzkosten überzeugen uns noch nicht."
hadern mit Microsofts Cloud-Preisen
Neben der Integrationsproblematik und den Leitungskapazitäten verweist Drude noch auf einen weitere Hürde beim Weg in die Cloud: vielen produzierenden Unternehmen seien die Preise für die Cloud-Lösungen zu hoch. "Auf unsere Kritik verweist Microsoft darauf, dass es sich um ein Full-Service-Modell handle, das Server und Maintenance beinhaltet", berichtet der mbuf-Vertreter.
 
"Die Rechnung können wir nicht nachvollziehen. Erstens können wir nicht sämtliche Server in die Cloud migrieren und behalten deshalb einen Kostensockel für Inhouse-Systeme und Personal. Zweitens machen die jährlichen Abschreibungen für Server in unserem IT-Budget gerade einmal einen Anteil von zehn Prozent aus. Nur diesen Anteil können wir im Vergleich ansetzen."
Auf den Punkt gebracht heisst das: Die Hoffnung auf Kosteneinsparungen ist kein hinreichendes Motiv dafür, betriebswirtschaftliche Lösungen in die Cloud zu schieben.
 
Um diesen Schritt zu rechtfertigen, müssen mehr Vorteile hinzukommen, zum Beispiel die globale Vernetzung: "Trützschler hat in allen Kontinenten Produktionswerke und betreibt daher eine globale Lieferkette, die in den ERP-Systemen abgebildet werden muss", berichtet Drude. "Hier könnten die Common Data Services oder die GeoReplikation von Datenbanken mit der Technologie von Azure Vorteile bringen, über die Cloud zu kommunizieren." Die für die Produktion wichtigen Systemteile würden in einem solchen Szenario allerdings stets inhouse laufen. Global agierende Mittelstandsunternehmen könnten sich laut Drude durchaus für ein Hybridsystem interessieren. "Sie wollen sich ein derartiges System zunächst bei einem Referenzkunden ansehen. Und Microsoft kann da bislang kaum Beispiele nennen."
 
Die Diskussion um Cloud-Sicherheit flaut ab
Die Diskussion um die Datensicherheit im Internet hat sich laut Drude inzwischen deutlich entspannt: "In der Microsoft-Cloud sind die Daten mindestens ebenso sicher wie in On-Premise-Systemen. Allerdings kann die NSA über den Patriot Act Microsoft zwingen, ihnen Daten aus der Cloud zur Einsicht vorzulegen." Vor Geheimdiensten würde wiederum auch kein Inhouse-System schützen: "Wenn unsere Daten die NSA wirklich interessieren, dann können die sich wohl Zugriff zu unseren Systemen verschaffen, und wir würden es möglicherweise nicht mal merken." Einen Ausweg aus diesem Dilemma sieht Drude darin, dass die Unternehmen festlegen, welche Daten keinesfalls in die Cloud dürfen. Zum Beispiel die Konstruktionszeichnungen eines Maschinenbauers. Derartige Informationen dürften dann allerdings auch nicht per E-Mail verschickt oder unverschlüsselt auf einem Laptop gespeichert werden.
 
Microsoft-Manager Naujoks bestätigt, dass die Unternehmen die Cloud-Diskussion inzwischen ohne grosse Emotionen führen. "Unternehmen aus der Schweiz sind mit den Microsoft-Rechenzentren in Amsterdam oder Dublin zufrieden, weil diese dem europäischen Datenschutz entsprechen. Sie freuen sich darüber, dass sie bei dieser Variante den 25-prozentigen Aufschlag sparen, der für den Datentreuhand-Service in der Microsoft Deutschland Cloud fällig wird, und dass sie dennoch rechtssicher unterwegs sind."
 
Microsoft bricht Dynamics 365 in Apps auf
Ausruhen auf den Erfolgen von Dynamics 365 will sich Microsoft nicht: Zum 1. Juli sollen zwei neue Versionen der Lösung erscheinen, die Funktionen aus den Bereichen Talent Management und Retail beinhalten. "Wir brechen Dynamics 365 in Module auf die wir Apps nennen", erklärt Naujoks. "Wir bündeln darin Funktionen, die nicht die Produktion betreffen. Wenn ein Unternehmen irgendwann auf die komplette Suite upgraden möchte, dann ist das problemlos möglich." (Jürgen Frisch)