"Funktional sind wir mit der Dialba-Ablösung fast fertig"

Der Raiffeisen-CIO Rolf Olmesdahl über den Stand des 500-Millionen-Franken-Projekts "Rainbow".

"So eine Aufgabe findet man nicht jeden Tag", sagt Rolf Olmesdahl, CIO und Geschäftsleitungsmitglied von Raiffeisen Schweiz. Er hat die Aufgabe, bei der drittgrössten Schweizer Bank die IT des Retail-Banking-, und des Private-Banking-Business zusammenzuführen und zu konsolidieren. Das heisst, diverse RZs zusammen zu bringen, den Arbeitsplatz zu modernisieren, die Systeme ebenfalls und all dies aus einer Hand zu managen. Zweite Aufgabe ist das "Rainbow" genannte Programm, welches das Kernbankensystem Marke "Eigenbau" durch Avaloq ablösen soll. Als Drittes soll er die Digitalisierung mit der gesamten Geschäftsleitung parallel dazu vorantreiben. Schliesslich soll er die Effizienz steigern und die IT-Ausgaben senken.

Beginnen wir von vorn. Allein Rainbow gilt laut Medien als "eines der momentan grössten IT-Projekte der Schweiz" und als sehr komplex. Unter anderem dafür wurde von Avaloq und Raiffeisen ein Joint-Venture namens "Arizon" gegründet. Zugleich bilde die Ablösung auch für Avaloq eine "Herkules-Aufgabe", so die 'NZZ'. Bisherige Versuche der Dialba-Ablösung waren entweder verschoben worden, weil man nach der Finanzkrise 2008 andere Prioritäten hatte. Oder 2013 ein Projekt, mit IBM Dialba auf Java umzuschreiben, abgebrochen wurde.

Der 54-jährige Olmesdahl soll, nein muss die Ablösung dieses Mal schaffen.
 
inside-it.ch: Herr Olmesdahl, ist 'Rainbow' so komplex?
Rolf Olmesdahl: "Die Aussage ist nicht ganz falsch. Das Investitionsvolumen beträgt eine halbe Milliarde Franken und Raiffeisen besteht aus 270 selbständigen Banken sowie sechs Niederlassungen. Das heisst, wir arbeiten an einem System mit 270 Mandanten. Das hat es so noch nie gegeben. Das treibt die Komplexität in verschiedenen Dimensionen. Einerseits haben wir als Service-Organisation 270 Kunden und andererseits muss man ein solches Projekt mit entsprechender Governance unterstützen.

Hinzu kommt die technische Komplexität. Wir führen nicht einfach das Standard-Avaloq-System ein, wir bauen das ganze Frontend neu. Dies umfasst weit über 200 GUIs und sehr viele Funktionalitäten. Die ganzen Spezifikationen, Prozesse und so weiter wurden mit uns neu definiert.

Rainbow ist aber nicht nur ein Software-Projekt, es handelt sich auch um ein Infrastruktur-Grossprojekt. Wir haben kürzlich 6000 24-Zoll-Bildschirme ausgerollt und an 900 Standorten müssen wir die Netzwerkkapazität erhöhen. Dazu ziehen wir zusammen mit Swisscom Glasfaser ein. Hinzu kommen Printer, denn viele der bisherigen Modelle sind nicht PDF-fähig und wir müssen sie ersetzen. Zudem haben wir in eine wirklich imposante Server-Installation investiert, und wir haben, 1,5 Peta Flash installiert, um möglichst schnelle IO-Zeiten zu erhalten. Alleine die Logistik hinter den Infrastrukturthemen ist ziemlich gross."

Schauen wir uns noch Dialba an, das genauer "Dialba2000" heisst. Der Name klang bei der Entwicklung 1994 (!) zukunftsträchtig , heute wirkt schon der Name als Bürde. Und einige Fakten zeigen, was ein "Legacy-System" eigentlich bedeuten kann: Dialba umfasst die Kontoführung, das Frontend, die Stammdaten und alle Funktionalitäten für den Schalter wie Kontoeröffnung oder Bankkarte. Laut unseren Kenntnissen gibt es rund 3000 solcher Funktionalitäten mit einer grossen Anzahl von Interaktionen. Dialba ist dezentral auf den individuellen Rechnern der Banken installliert.

Herr Olmesdahl, wie beschreiben Sie Dialba?
Rolf Olmesdahl: "Dialba ist ein klassisches System, das 1994 entwickelt worden ist. Seither wurden jedes Jahr Rucksäcke angehängt, man sieht, dass darauf 20 Jahre Maintenance gemacht worden ist. Die Funktionen haben verschiedene Logiken und GUIs mit unterschiedlicher Benutzerführung. Es gibt auch keine wirklich konsistente funktionelle Abbildung in diesem Konstrukt. Auch die Technologie ist End-of-Life. Man muss Dialba sowohl aus der technischen Optik wie auch der operationellen Risiko-Optik ablösen. Zudem fehlt der ganze Wertschriftenteil."

Ein bisschen genauer möchte man es doch noch wissen. Dialba ersetzen, heisst auch ein Uralt-System (in Delphi geschrieben) ablösen. Hinzu kommen mittelalte (in einem "Atlas-Delphi"-Framework) und neue Systeme, die zum Teil in Java geschrieben sind.

inside-it.ch: IT-Experten sagen, das sei ein Albtraum. Ist es ein Albtraum?
Rolf Olmesdahl: "Schaut man sich dies von aussen an, ist Dialba von den Tools und Produkten her etwas komplizierter, weil das niemand mehr so machen würde, da bin ich einverstanden. Aber das System ist sehr stabil. Wir haben im täglichen Betrieb keine Probleme damit."

inside-it.ch: Nun, der Albtraum könnte auch sein, alle diese Systeme auf das neue Avaloq zu bringen. Stecken da nicht viele Risiken im Projekt?
Rolf Olmesdahl: "Das Programm beinhaltet gewisse Risiken. Wir haben deshalb ein umfassendes Risk Control System aufgebaut. Einerseits überwacht das Programm PMO die Risiken, andererseits der CRO als 'second line of defense'. Und wir haben auch schon externe Drittmeinungen zum Projektstatus und den Risiken eingeholt."

inside-it.ch: Wie wird die Migration konkret umgesetzt?
Rolf Olmesdahl: "Wir haben einen Datenbestand und eine Migration-Factory. Der erste Teil der Migration umfasst die Datenbereinigung. Aktuell werden Dutzende Bereinigungsaufträge bei den Raiffeisen-Banken durchgeführt, weil die Datenqualität teilweise ungenügend ist oder Informationen fehlen etcetera. Die Migration-Factory macht quasi einen Unload der Dialba-Datenbank, nimmt darauf gewisse Verifikationen vor, konvertiert ins Avaloq-Format und lädt dann die Oracle-Datenbank von Avaloq. Damit verbessern wir zuerst die Datenqualität, um weniger Fehler in der Migration zu haben.

Unser Ziel war nicht, zuerst eine Komplett-Spezifikation von Dialba zu machen, und dann zu sagen 'wir müssen das in Avaloq wieder neu bauen'. Es lief umgekehrt: Wir haben uns beispielsweise bei einer Schalteraktion gefragt, wie das Avaloq machte und ob wir dies so brauchen können oder nicht. Es war also quasi eine 'Gap-Spezifikation'. Im Hypothekargeschäft fehlte einiges dazu, wie wir es gerne gehabt hätten, oder es ist für das Raiffeisen-Business zu wenig umfassend. Also haben wir spezifiziert, was zusätzlich abzubilden ist."

inside-it.ch: Und wo steht man aktuell?
Rolf Olmesdahl: "Wir sind jetzt so weit, dass wir die Mitarbeitenden in 18 regionalen Ausbildungszentren ausbilden können. Die Ausbildungsmodule sind "Grundfunktionen", "Kundenbetreuung", "Operations/Backoffice", "Anlegen" und "Finanzieren". Bei "Grundfunktionen" ist die Ausbildung vorbei, 2000 Leute haben sie hinter sich. "Anlegen" ist in der Deutschschweiz fast abgeschlossen und soeben haben wir das Kundenbetreuungs-Modul gestartet. Die letzten beiden Module starten ebenfalls bald, denn August ist der letzte Ausbildungszeitpunkt. Tausende von Bankmitarbeitern gehen in diese Ausbildung und wickeln dabei Geschäfte ab. So erhalten wir eine weitere Verifikation, ob das neue System funktional auch komplett ist. Wir machen drei Dinge fast parallel: Gewisse Funktionen sind noch im Bau, aber das sind nur wenige. Funktional sind wir fast fertig. Das Ausbildungsprogramm läuft parallel und drittens sind wir intensiv am Testen. Bevor wir migrieren, wird ein Parallelbetrieb von Avaloq und Dialba als allerletzte Verifikation der funktionalen Abdeckung durchgeführt."

inside-it.ch: Wie testet man in einem solchen Projekt?
Rolf Olmesdahl: "Wir haben einen spannenden Ansatz, das Crowd-Testing. An einem Testtag sind über 50 Vertreter von den Raiffeisenbanken über Telefonkonferenz miteinander verbunden und arbeiten Testfälle ab. Daraus ergeben sich einerseits Fehlermeldungen. Wir haben schon einige Tausend rapportierte Fehler abgearbeitet. Gleichzeitig stellen wir wiederum sicher, dass wir funktional alles abdecken können. Die Crowd-Tester geben uns zudem Feedback was 'nicht intuitiv verständlich' oder funktional fehlerhaft ist. Mit mehreren Hundert Testern läuft diese Phase über mehrere Monate hinweg."

Die einzelnen Raiffeisenbanken geniessen viel Eigenständigkeit. Das manifestiert sich höchst wahrscheinlich auch in den extrem vielen Spezialfällen, weil Banken von Raiffeisen vorgeschlagene Prozesse frei interpretiert und eigene Lösungen selbst implementiert haben.
 
inside-it.ch: Wie ist es wirklich? Ein Klassiker wären Fremdwährungstabellen.
Rolf Olmesdahl: "Das ist ein Spezialfall, aber es gibt komplexere. Für die Tragbarkeitsberechnungen einer Hypothek haben viele Banken eine eigene Excel-Lösung gebaut. Das ergibt mehr als Hundert Spezialfälle. Raiffeisen Schweiz erlässt zwar Anleitungen und Anweisungen, aber natürlich bleibt den Banken Spielraum. Wir bauen nun ein neues Tragbarkeits-Modul für Hypotheken, denn für diese Funktionalität eignete sich die Avaloq-Lösung nicht vollends. Wir bauen eine Art 'Konglomerat' aus Dialba und Hundert Excel-Files. Auch mit dieser neuen Lösung kann man nicht 100prozentig ausschliessen, dass eine Bank im Rahmen ihres Spielraums doch noch eine Excel-Lösung baut. Aber im Idealfall haben wir nachher keine mehr."

inside-it.ch: Was haben Sie bislang bei Rainbow gelernt?
Rolf Olmesdahl: "Die Haupt-Lektion ist, dass sich die Erfahrungen immer wiederholen. Man hat immer wieder Governance-Issues, man kann nie genug in Kommunikation und Information investieren, zudem löst Technologie alleine keine Probleme und Menschen sind extrem wichtig." (Interview: Marcel Gamma)
 
Teil 2: Wie läuft die Kooperation mit Avaloq? Was hat die Arizon-Gründung gebracht? Und was ist in der Raiffeisen-Pipeline?