"Wir hatten mit Avaloq harte Diskussionen"

Das Raiffeisen-Kernbankensystem wird gemeinsam mit Avaloq in einem Joint-Venture namens Arizon abgelöst. Raiffeisen-CIO Rolf Olmesdahl über Ziele, Zeit, Budget, Qualität und Innovation.

Bislang ging es im Gespräch primär um die Vergangenheit, komplexe Legacy-Fragen. Plus um das Ausrollen neuer Bildschirme und Skype for Business sowie anderes mehr. Nun kommen weitere komplexe Aspekte zur Sprache: Erfahrungsmangel des Partners, GUIs und Usability. Natürlich stellt sich die Frage: Bleiben vor lauter Renovation und technologischer Aktualisierung noch Zeit, Geld und Personal für Innovationen?

Aber von Anfang an. Seit Mitte 2014 ist bekannt, dass das Avaloq-System Dialba ablösen soll. Eine Entscheidung, die manche überrascht hat, verfügen die Zürcher Banken-Informatiker doch vor allem über Erfahrung mit Privatbanken und deren Volumen. Im Retailbereich hingegen gibt es primär die Luzerner Kantonalbank als Referenz. Und die Einführung des Avaloq-Frontends der LUKB mit einem "Big Bang" im September 2016 lief alles andere als rund. Im Gegenteil: Es gab beim E-Banking Fehlentscheide, Unterbrüche und viel Kritik an der LUKB und den diversen Partnern, darunter Avaloq. Erst im Mai war das Gröbste mit einem Major Release abgearbeitet, so erklärt man uns bei der LUKB.

Olmesdahl setzte 2016 das Avaloq-Frontend auf den Projektstatus "rot". Zeigt sich da die mangelnde Avaloq-Erfahrung?
 
inside-it.ch: Die Statusänderung klingt, als hätten Sie auch einen roten Kopf gehabt.
Rolf Olmesdahl: "Die Entwicklung des Frontends ist effektiv eine schwierige Geschichte. Wir haben seit etwa eineinhalb Jahren eine Task Force dafür. Bis Mitte des letzten Jahres sah das auch nicht sehr gut aus. Im Herbst fanden wir den Turnaround. Wir arbeiten seit Dezember 2016 in einer spezifikationen- und absprachenbasierten Form und mit monatlichen Releases mit Avaloq. Jeder Release wurde besser. Die Dezember-Lieferung war befriedigend, die März-Lieferung war dann gut."

inside-it.ch: Ist Raiffeisen nicht eine wahnsinnig nette Firma? Sie zahlen mit Rainbow auch noch die Frontend-Ausbildung von Avaloq.
Rolf Olmesdahl: (Denkt nach) "Beim Thema Kernsystem hat Avaloq viel Erfahrung und es läuft stabil. Avaloq hat auch die entsprechende Anzahl Leute, die Support leisten können. Beim Frontend war es ein gemeinsamer Lernprozess. Das ist für beide Seiten nicht einfach. Doch haben wir beide dasselbe Interesse: Wir wollen Dialba mit Avaloq ablösen. Es gibt keine Widersprüche in der Zielsetzung. Aber wir haben im Spätsommer 2015 auch einen sehr detaillierten Projektplan gemacht. Und der ist aufgrund der Frontend-Verspätung natürlich aus dem Ruder gelaufen, was zu Diskussionen führte. Mit dem Approach monatlicher Lieferungen wurden auch Resultate erzielt. Das zeigt sich jetzt. Wir könnten nicht mehrere tausend Mitarbeitende auf einem System schulen, das nicht einigermassen stabil ist. Wir sind schon einen grossen Schritt weiter als Mitte letzten Jahres."

inside-it.ch: Sind Sie denn aktuell zufrieden mit Avaloq in Sachen Qualität, Zeit und Budget?
Rolf Olmesdahl: "Wir sind noch nicht ganz am Ziel angekommen und benötigen noch weitere, monatliche Lieferungen bis im Spätsommer. Aber dann sollten wir dort sein, wo wir sagen können: jetzt sind wir zufrieden."

inside-it.ch: Das Ziel war initial, per Mitte 2017 ein innovatives, voll integriertes Frontend zu haben. Ist dieses Ziel erreicht?
Rolf Olmesdahl: "Das ist so nicht ganz korrekt. Wir hatten seit Sommer 2015 vier relativ einfache Hauptzielsetzungen. Erstens: Der Zeitpunkt ist der 1. Januar 2018, dann sind zweitens alle Banken migriert, das neue System ist drittens funktional mindestens so gut, dass wir Dialba abschalten können und wir halten viertens den Budgetplan ein. Diesen Hauptzielsetzungen hat sich bislang alles untergeordnet.
 
Wir haben nur eine der vier Zielsetzungen angepasst: Unsere Idee war, dass wir am Übergang eine Big-Bang-Einführung machen und alle Banken migrieren. Letzten Januar hatten wir einen Workshop mit allen Gremienvertretern aus den Arizon-, Raiffeisen- und Avaloq-Organisationen. Wir haben uns mehrere Stunden mit den verschiedenen Einführungsvarianten beschäftigt und dann entschieden, dass wir aus Risikogründen eine Tranche mit 60 Banken am ersten Januar 2018 machen, eine Tranche Ende Februar 2018 und eine dritte Tranche im Verlaufe des Frühjahres. Alle werden dann denselben Software-Status haben, nicht andere Releases."

inside-it.ch: Was waren denn die Risiken beim Big-Bang-Konzept?
Rolf Olmesdahl: "Man kann keinen Pilot durchführen und bei einem 'Big Bang' wäre die ganze Gruppe betroffen wenn etwas schiefläuft. Ausserdem stellte die Finma Fragen, wie wir die Risiken mitigieren wollen.

Nun haben wir mit diesem Wellen-Approach eine gemeinsame Lösung, die von allen Parteien unterstützt wird, und dies wollten wir auch so. Wir haben in den beiden Monaten zwischen der Einführung und der zweiten Welle die Möglichkeit, allenfalls Bugs zu fixen. Auch bei Operations wäre der Aufwand zur manuellen Bereinigung von Fehlern kleiner, weil das Volumen geringer ist.
 
Aber es gibt auch Nachteile. Wir müssen während einer gewissen Zeit beide Umfelder parallel unterhalten. Zudem dauert das Programm länger. Das sind alles Kostenfaktoren. Zudem dauert das Programm länger, dies ist ein weiterer Kostenfaktor. Und nicht zuletzt müssen noch immer mehr als 50 Umsysteme in der Lage sein, mit beiden Backendsystemen zu interfacen. Dies ist technisch auch nicht ganz ohne."

inside-it.ch: Als Zwischenbilanz: Werden Sie plus-minus ihre drei weiteren Ziele erreichen?
Rolf Olmesdahl: "Die funktionalen Ziele und die Ausbildungen sind machbar bis Ende Jahr. Der Finanzplan sah immer eine Reserve vor und diese deckt nun auch die längere Roll-Out-Zeit ab. Die Reserven sind zwar langsam aufgebraucht, aber ich habe das Gefühl, wir werden plus-minus im Finanzplan liegen. Der Termin 1. Januar wird eine Herausforderung. Wir sind funktional aktuell sehr weit, aber wir müssen nun zum Beispiel für 270 Mandanten die Tagesverarbeitung durchführen und sicherstellen, dass die Nacht dafür ausreicht. Auch die Stabilisierung von knapp 200 Interfaces zählt zu den Punkten, die wir noch nicht hinter uns haben."

inside-it.ch: Zum Setup: Anfangs war Rainbow unseres Wissens bei Arizon aufgehängt und dann ist die Leitung freiwillig oder unfreiwillig wieder zu Raiffeisen und zu Ihnen gewandert. Warum?
Rolf Olmesdahl: (lacht) "Unmittelbar nachdem ich meine Stelle angetreten habe, habe ich neben anderen Analysen eine Analyse der Governance als Ganzes gemacht. Ich kam zur Auffassung, dass die Programmleitung personell stärker besetzt werden muss. Dies führte dazu, dass wir einen neuen erfahrenen Programmleiter bei der Raiffeisen angestellt haben. Meine zweite Überzeugung ist, dass ein solches Programm durch den Kunden geführt werden muss. Diese Verantwortung kann man nicht outsourcen."

inside-it.ch: Und bedauern Sie dies?
Rolf Olmesdahl: "Nein, auf keinen Fall. Zumindest auf Seiten von Raiffeisen hatte es eine extrem positive Wirkung, weil zum Beispiel meine Geschäftsleitungskollegen nun viel enger eingebunden sind. Jeder erachtet Rainbow nun auch als sein Programm, sein Projekt und nicht als etwas, das jemand anderem zur Realisierung übergeben worden ist. Dies stärkt das Verantwortungsempfinden und die Beteiligung massiv."

inside-it.ch: Auf der andern Seite übernehmen Sie jetzt einen grossen Teil der Risiken und der Verantwortung, während Arizon eigentlich dazu gedacht war, das Risiko zu sharen.
Rolf Olmesdahl: "Es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass wenn ein Kunde die ganze Finanzierung übernimmt, er nicht sowieso das ganze Risiko trägt. Geht das Programm schief, so wäre das Geld weg. Natürlich kann man nachher noch vor Gericht gehen, aber das hilft in der Regel niemandem, denn das gewünschte Resultat hat man ja trotzdem nicht erreicht. Da übernimmt man klugerweise Mitverantwortung oder die Verantwortung von Anfang an und kann auch aktiv mitsteuern."

inside-it.ch: Meines Wissens soll, wenn das Raiffeisen-Avaloq bei Ihnen erfolgreich eingeführt ist, Arizon mehrheitlich zu Avaloq übergehen. Ist das korrekt?
Rolf Olmesdahl: "Der Begriff 'mehrheitlich' ist korrekt. Avaloq hat dann die Möglichkeit, die Mehrheit von Arizon zu übernehmen."

inside-it.ch: Dann hat Raiffeisen immer noch nichts von Arizon.
Rolf Olmesdahl: "Doch, wir haben eine lauffähige Lösung. Ausserdem betreibt Arizon ja schon heute Komponenten der Plattform und trägt somit zur Effizienz bei."

inside-it.ch: Aber sie haben einfach dafür bezahlt, Cash-out.
Rolf Olmesdahl: "Ja, aber in einem anderen Konstrukt hätten wir dafür auch bezahlen müssen…"

inside-it.ch: Als normaler Kunde von Avaloq hätten Sie doch bei Verzögerungen und Qualitätsproblemen Bussen einfordern oder Anwälte einschalten können.
Rolf Olmesdahl: "Daran glaube ich nicht. Wenn Sie die IT-Gerichtsfälle betrachten, dann sehen Sie, dass diese nie schwarz-weiss verlaufen. In der Regel enden sie in einem Vergleich. Zudem ist nie eine Partei alleine an einem Scheitern schuld. Und genützt hätte es uns nichts. Wir hätten immer noch Dialba und wären fünf Jahre lang mit Avaloq vor Gericht gestanden. Wir versuchen deshalb, Gerichtsfälle zu vermeiden."

inside-it.ch: Rainbow dürfte viele Ressourcen fressen. Fehlt Ihnen nicht das Geld oder das Personal für Innovationen?
Rolf Olmesdahl: "Nein. Wir haben ein Projektportfolio für die Digitalisierungs-Themen, das fast so gross ist wie das Budget des Kernbankensystems. Und wir haben letztes Jahr viel gebaut: Eine Crowdfunding-Plattform, eine Online-Kontoeröffnungs-Plattform, die Online-Hypotheken-Abwicklung und wir haben ein Personal-Finance-Management neu im E-Banking implementiert. Diese Projekte wurden parallel umgesetzt. Heute kann man sagen, dass diese Lösungen alle funktionieren. Im Bereich 'Digital' im weitesten Sinne haben wir nicht weniger gemacht als andere Banken, aber ich glaube, wir kränkeln alle am selben: Alle diese Lösungen haben den Charakter von Versuchsballons und die Kunden springen bislang noch nicht massiv darauf an. In diesem Sinne haben wir nichts verpasst."

inside-it.ch: Es gibt Stimmen, die besagen, dass monolithische Kernbanken-Systeme wie dasjenige von Avaloq Innovationen eher erschweren. Wieso glauben Sie, dass der Weg mit der Avaloq-Technologie der richtige ist? Oder müssen Sie in zwei Jahren wieder umstellen?
Rolf Olmesdahl: "Nein. Wir haben eine IT-Strategie, die diese Frage adressiert. Wir haben eine Art 'Factory' für die Transaktionsabwicklung. Dazu zählen der Payment Process, Security Operations etcetera. Und hier bietet Avaloq eine sehr gute Lösung. Im Bereich Frontend hat Avaloq mittlerweile auch ein eigenes E-Banking-System, sie haben ein eigenes System für das Onboarding von Kunden, um diese Prozesse zu unterstützen.
 
Unsere IT-Strategie besagt klar: Wir haben ein stabiles Backend-System und wir haben einen entkoppelten Frontend-Layer, auf welchem wir Innovationen schneller umsetzen können. Und diese Innovationen können wir, aber müssen wir nicht zwingend im Avaloq-Konstrukt machen. Wir haben nach wie vor andere Software-Produkte, die wir ohne Avaloq nutzen."

inside-it.ch: Was haben Sie denn noch in der Pipeline? Oder hat die mangelnde Kundenakzeptanz Ihnen einen Dämpfer versetzt?
Rolf Olmesdahl: "Wir haben all die Versuchsballons starten lassen, mit, ich sage mal, zögerlichem Response von der Kundenseite her. Wir werden noch einen, wie ich ihn nenne, digitalen Marktplatz zur Verfügung stellen. Er wird noch dieses Jahr lanciert und wird digitale Piazza heissen: jede unserer Banken und die Raiffeisen-Gruppe kann eigenständig lokale Angebote oder Events aufschalten, ebenso können dies Kunden. Dahinter steht die Idee, dass wir über diese Piazza später eine zentrale Authentisierung zur Verfügung stellen können, mit der man auch eine Basis für die Transaktionsabwicklung hat. Beispielsweise könnte man das E-Banking andocken oder einen Chat mit dem Berater. Auch das GV-Management von Raiffeisen lässt sich auf Piazza unterstützen. Das ist für uns interessant, denn wir haben ja sehr viele eigenständige Banken mit eigenen Generalversammlungen und laden dazu Millionen von Kunden ein. Piazza läuft jetzt in der Pilotphase und wird auch nach dem Live-Gang funktional noch erweitert werden."

inside-it.ch: Zum Schluss: Haben Sie die Komplexität Ihrer Aufgaben zu Beginn richtig eingeschätzt?
Rolf Olmesdahl: "Ja – ich glaube schon. Mich hat genau diese Komplexität gereizt, um zu Raiffeisen zu kommen. Die grosse Anzahl von parallelen Herausforderungen hat mich fasziniert. Ich war mir bewusst, was zu erwarten ist und das hat sich auch so bewahrheitet. Es war und ist wirklich sehr anspruchsvoll." (Interview: Marcel Gamma)
 
Teil 1: "Funktional sind wir mit der Dialba-Ablösung fast fertig." Raiffeisen-CIO Rolf Olmesdahl über den Stand des 500-Millionen-Franken-Projekts "Rainbow".