Weltes Welt: Watson ist (k)ein Witz

Kolumnist Beat Welte über IBM-Watson-Zweifler und -Enthusiasten. Kann Watson dem Unternehmen zum alten Glanz verhelfen?
 
"IBMs Watson ist ein Witz", liess sich Chamath Palihapitiya, CEO des Wagniskapital-Unternehmens Social Capital, vor einigen Wochen in einem Interview auf 'CNBC' verlauten. Der nach IBMs Firmengründer benannte Supercomputer Watson sei ein reines Spielzeug und nicht vergleichbar mit "echter" Artificial Intelligence (AI) aus den Laboren von Google oder Amazon. Damit steht Palihapitiya in einer langen Reihe öffentlicher und teilweise prominenter Watson-Zweifler. Watson sei reine Folklore, lautet das vielfach wiederholte Mantra der IBM-Kritiker.
 
Nichts könnte falscher sein. Bestes Indiz: Selbst die von Palihapitiya aufgeführten "seriösen" Anbieter von AI sehen Konkurrent IBM als durchaus ebenbürtig an, und dies nicht nur hinter vorgehaltener Hand, sondern ganz öffentlich: "Industry Leaders Establish Partnership on AI Best Practices" lautet die im September letzten Jahres publizierte Medienmitteilung von Amazon, Google, Facebook, IBM und Microsoft. Potenzial und Einsatzgebiete von Watson werden an vielen Hochschulen und nicht zuletzt an der Universität Zürich erforscht. Man nehme IBM Watson sehr ernst, liess Kursleiter Professor Gerhard Schwabe verlauten. Noch weiter geht Ronnie Vuine, KI-Wissenschaftler und Gründer des Berliner Startups Micropsi Industries: "Watson ist schlicht spektakulär, etwa was Sprachverarbeitung oder Wettervorhersagen anbelangt", ist seine Einschätzung. Last but not least: IBM gewinnt weltweit immer mehr Kunden für Projekte mit Einsatz von Watson, auch in der Schweiz.

Der weitverbreitete Zweifel am Potenzial der IBM-Technologie lässt sich einfach erklären: Es ist eine akute Anti-Hype-Reaktion, ausgelöst durch das völlig überzogene Marketinggeschwafel der obersten Firmenlenkerin, Ginni Rometty, die nach 20 Schwundquartalen mit dem Rücken zur Wand steht: All unsere Entscheidungen würden in Bälde von AI beeinflusst, und in den nächsten zehn Jahren werde ein neuer Zwei-Billionen(!)-Dollar Markt entstehen, gibt sie sich überzeugt. Das steht in deutlichem Widerspruch zu den Kunden, die sehr viel bescheidener von Einsatz-Evaluation und ersten Erfahrungen sprechen.
 
Dass AI das "nächste grosse Ding" ist, scheint indes klar: Auch Branchenlokomotive Google setzt mittlerweile voll darauf, und baut momentan in Zürich ein Forschungsteam für den Bereich Maschinelles Lernen in Europa auf. Unklar ist, wie schnell der Markt reift – und wer das Rennen machen wird.
 
In ferner Zukunft wird IBM sicherlich für sich in Anspruch nehmen können, den Braten mit AI als erstes grosses Unternehmen gerochen zu haben. Ob dies zu altem Glanz führt, wird sich zeigen müssen, denn nicht selten gilt in der Branche "die Ersten werden die Letzten sein". Prominentes Beispiel: Die erste Internet-Volltext-Suchmaschine Alta Vista von Digital Equipment Corporation (DEC) begeisterte bereits 1995 die Web-Gemeinde. Kommerzialisieren konnte DEC die Technologie nie – erst drei Jahre später begründete Google mit der eigenen Suchmaschine die Basis für den beispiellosen Aufstieg des Unternehmens. (Beat Welte)
 
Beat Welte war über 25 Jahre in führenden Positionen bei verschiedenen grossen und kleinen IT-Unternehmen tätig. Er arbeitet heute selbständig als Strategie- und Kommunikationsberater – und ist kritischer Beobachter der IT-Branche.