Up! "Sie haben EUR 10’000 gewonnen!"

Joachim Hagger über Startup-Accelerator-Programme als modernes Raubritterum und Programme, die Jungfirmen wirklich helfen würden.
 
Täglich erreichen mich Mails, die zur Bewerbung für eine Teilnahme an ein Startup-Accelerator-Programm einladen. Viele der Programme haben eine ähnliche Struktur: 15’000 Euro cash pro Team, 450’000 Euro in exklusiven Partner-Angeboten, 3 Monate begleitetes Programm mit gratis Büroplatz sowie Zugang zu Mentoren und Investoren von Venture-Capital-Firmen.
 
Gucken wir uns das Programm etwas genauer an. Der Cash-Beitrag reicht knapp aus, um die Zusatzkosten für die Reise und den dreimonatigen Aufenthalt des Teams abzudecken. Die Kosten für die Wohnung zuhause laufen nämlich weiter. Die halbe Million an Partner-Angeboten stellt sich als buntes Gutscheinheft heraus, das Rabatte auf zweitklassige Cloud-Dienste für E-Mail-Marketing oder Website-Hosting verspricht. Ob wir für die vier Gratismonate nun unsere Website zum brasilianischen Webhoster zügeln sollen? Und das Team gleich für die terminlich fix vorgegebenen drei Monate in ein Büro in Berlin, Amsterdam oder Genf mitzügeln, auch wenn unser Kooperationspartner in Basel ist? Dann bleibt noch das Mentoring und der Zugang zum Investorennetzwerk. Ein nur bedingt attraktiver Gewinn. Werfen wir noch einen Blick auf das Kleingedruckte: “In return, we ask for 6% equity.” Modernes Raubrittertum!
 
Im Beuteschema der Grossfirmen
Andere Programme für Startups, hauptsächlich von Grossfirmen getrieben, funktionieren so: Man bewirbt sich anhand eines Sets von Powerpoint-Folien mit einer Produkt- oder Geschäftsidee, die in das Beuteschema der Grossfirma passt. Acht bis zehn aus den hunderten von Bewerbern werden dann für einen Pitch vor einer Jury von Mitarbeitenden eingeladen. Überzeugt die Idee, gewinnt das Startup dann zum Beispiel 30’000 Franken. Es darf mit Spezialisten der Grossfirma in Kontakt treten, den präsentierten Case zum Prototypen weiterentwickeln, wiederum einen Gratisarbeitsplatz benutzen und Mentoring erhalten.
 
Machen wir auch hier den Realitätscheck: Für 30’000 Franken – ein Klacks – erhält die Grossfirma einen Überblick über Startup-Innovationen in ihrem Geschäftsbereich, Zugang zu hellen Köpfen des Startups und lässt die Idee auch noch zu einem Prototypen weiterentwickeln. Wenigstens verbleiben die Rechte an der Lösung beim Startup. Ich bin der Meinung, dass der Deal aber hauptsächlich für die Grossfirma aufgeht.
 
Was Startups wirklich brauchen
Startup-Förderung mit solchen Programmen und Wettbewerben würde tatsächlich funktionieren, wenn die Bedürfnisse von Startups berücksichtigt würden:
  1. Geldbedarf ist ein immer ein Thema. Nicht, dass wir uns fürstliche Löhne bezahlen und ein repräsentatives Büro leisten wollen. Aber ein Minimalverdienst ist gerade für junge Mitarbeitende ohne Rücklagen wichtig. Zudem wollen Reise und Unterkunft für wichtige Konferenz- und Messebesuche bezahlt werden können.
  2. Zeit ist ein knappes Gut. Alles muss aufs Mal passieren: Produktentwicklung, Rekrutierung, Partnerschaften aufbauen, Netzwerk aufbauen, Dokumentieren und Publizieren, Pläne entwickeln, erste Kunden befriedigen. Gleichzeitig pivotiert die Geschäftsidee noch wild um alle Achsen. Investitionen in Wettbewerbe, wo nur der erste etwas gewinnen kann, werden somit zum gefährlichen Roulettespiel.
  3. Mentoren und Coaches gibt es viele und praktisch alle sind bereit, ein Dokument zu reviewen, ein paar Fragen zu beantworten oder einen Kontakt zu vermitteln, ohne gleich die Honorarliste zu zücken. Was einem Startup oft fehlt, ist der echte Zugang zum Markt, zu potenziellen Kunden.
Hier ein paar Änderungen des Förderangebots, mit dem Startups viel glücklicher und auch überlebensfähiger werden:
  • Alle Startups, die eine kurze Vorevaluation überstehen, erhalten ein Startgeld, um eine für das grosse Unternehmen passende Idee zu dokumentieren und diese vor einer Jury vorzustellen. Das Startgeld entschädigt das Startup für den Zeitaufwand der Ideenausarbeitung, für Anreise und Präsentation.
  • Besteht nach wie vor Interesse, offeriert das Startup der Grossfirma einen Proof-of-Concept oder einen Prototypen, allenfalls auch etappiert mit einem Vorprojekt zur weiteren Ausgestaltung einer Geschäftsidee. Das Startup lernt dabei, mit dem Unternehmen zu verhandeln und hat anstelle einer minimalen Ausgleichspauschale bereits ihren ersten zahlenden Kunden. Lizenzverträge oder ein gemeinsames Joint Venture können folgen.
  • Ein Accelerator soll sich über Sponsoren finanzieren, die im Gegenzug Zugang zur Startup-Community erhalten, zu Talenten, zu Know-how, Innovationen und Investitionsmöglichkeiten. Und auch das Startup findet dort potenzielle Kunden, Partner und Know-how für den Markt. Da beide Seiten profitieren, soll die investierte Zeit des Startups entschädigt werden – ein für eine Grossfirma vernachlässigbarer Betrag, der für das Startup allerdings enorm wertvoll sein wird. Gratis-Arbeitsplätze sollen ein Angebot sein, keine Verpflichtung. Discounts für weitere Services: weg damit! Deren Wert ist eh zweifelhaft.
Generell lässt sich zusammenfassen: Mit ein paar zehntausend Franken wird ein Projekt finanziert, nicht aber ein Startup. Dazu braucht es weit mehr – neben der soliden Finanzierung auch Kunden oder Partner, die bereit sind, gemeinsam mit dem Startup Innovationen zu entwickeln und dabei zu lernen. (Joachim Hagger)
 
Joachim Hagger ist Mitgründer und Partner des Medtech-Startups 4Quant. Der ETH-Spinoff entwickelt Produkte für die Automatisierung der Diagnostik mit Bildanalyse und künstlicher Intelligenz. Ausserdem gehörte Hagger zu den Gründern des Zürcher Software-Hauses Netcetera. Er ist im Nebenamt Geschäftsführer der Swiss Mobile Association (smama).
 
Über die Kolumne "Up!"
In der monatlich erscheinenden Kolumne schreiben ab sofort Startup-Experten exklusiv für inside-it.ch. Damir Bogdan macht den Start.

Als Autoren für diese Kolumne konnten wir den Startup- und Fintech-Experten Damir Bogdan, Dominik Grolimund, der sowohl Wuala wie Silp gegründet und verkauft hat, und eben Joachim Hagger gewinnen.