Was ist los im Markt für Gemeinde-Software?

Im Markt für Gemeindesoftware gibt es einige Turbulenzen. Dialog-Chef Stefan Fellmann erklärt im Interview seine Sicht der Situation.
 
Es ist Unruhe aufgekommen im Markt für Software in der öffentlichen Verwaltung. Gerichts­streitigkeiten und Fusionen der Anbieter machen mehr Schlagzeilen, als die doch angeblich so nötige Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung. Wir haben mit einem Anbieter gesprochen, der selten ins Rampenlicht gerät. Stefan Fellmann, Chef von Dialog Verwaltungs Data im luzernischen Baldegg erklärt für einmal, wie er die aktuelle Situation einschätzt.
 
Das schriftlich geführte Interview zeigt, dass der digitale Wandel bei der Gemeinde-Software ein echtes Problem für die Anbieter darstellt. Fellmann stellt zwar klar, dass man sich Mitten im digitalen Wandel befindet, doch ihm scheint, dass die Mehrheit der Anbieter Mühe hat, von den alten Softwarelösungen Abschied zu nehmen und den bevorstehenden Wandel als Chance zu nutzen.
 
inside-it.ch: Wo ist das Problem beim digitalen Wandel der öffentlichen Verwaltung?
Stefan Fellmann: Grundsätzlich schreitet die Digitalisierung voran und Erneuerungen sind notwendig. Ausgelöst durch die Digitalisierung des privaten Alltags der Bürgerinnen und Bürger fordert die öffentliche Verwaltung innovative Lösungen. Allgemein werden IT-Organisationen in noch stärkerem Mass daran gemessen, wie sie die neue Arbeitswelt unterstützen und damit zum entscheidenden Erfolgsfaktor in der digitalen Transformation werden. Konkret sehen wir das beispielsweise in den Pflichtenheften der Ausschreibungen, in denen vermehrt Browser-basierte Anwendungen gefordert werden, die auf allen Geräten wie PC, Mac, Tablets oder Mobiles zu funktionieren haben. Oder es werden Auskunftssysteme verlangt, die Daten für Entscheidungsträger im Gesamtzusammenhang visuell darstellen. Mit Dialog G6 läuft derzeit eine solche Lösung in Pilotprojekten bei zwei grossen Stadtverwaltungen, diese wird ab 2018 bei unseren 300 Gemeinden schrittweise eingeführt. Ich betone das, weil wir der einzige Anbieter in der Schweiz sind, der den Mut hat, eine neue Lösung anzubieten.
 
Ansprüche der öffentlichen Verwaltung
 
Abgesehen von diesem Werbeblock, worum geht es konkret?
Stefan Fellmann: Noch vor wenigen Jahren genügte es, wenn Software- und IT-Anbieter solide Programme lieferten, die funktionierten. Heute sind die Ansprüche höher, die Anforderungen komplexer. Die Bevölkerung hat immer höhere Erwartungen an die Dienstleistungen öffentlicher Verwaltungen. Deshalb sind umfassende, durchgängige und medienbruchfreie Lösungen, die voll integriert ins E-Government eingebunden sind, notwendig. Haben früher die Gemeinden aufwendige Schnittstellen zwischen den Fachanwendungen und der Homepage realisiert, geschieht die Integration heute viel leichter mit geeigneten Web-Technologien.
 
Dann verlangen die Gemeinden die volle Durchgängigkeit in allen Bereichen. Zum Beispiel werden Spesenbelege mit der G6-App fotografiert und erfasst, auf Knopfdruck wird der Spesenbeleg zur Genehmigung an den Vorgesetzten gesendet und danach zur Auszahlung der Buchhaltung bereitgestellt. Oder der Einwohner meldet seinen Umzug oder Wegzug über die kantonale Plattform, der ganze Geschäftsfall wird vollständig elektronisch abgewickelt, ohne dass der Einwohner an den Schalter gehen muss. Weiter sollten die Fachbereiche den Entscheidungsträgern übergreifend verknüpfte und verdichtete Informationen zur Verfügung stellen können. So lässt sich zum Beispiel einfach ermitteln, wieviel Steuergelder durch Wegzüger verloren und wieviel durch Zuzüger gewonnen werden. Solche Auskünfte ermöglichen aber nur integrierte Gesamtlösungen.
 
Womit begründen Sie die Bemerkung, dass Anbieter von Gemeinde-Software Mühe mit dem digitalen Wandel hätten?
Stefan Fellmann: Ich bin weder Wirtschafts- oder Technologieanalyst, aber es gibt doch deutliche Zeichen und beispielsweise in den Pflichtenheften der Ausschreibungen auch klare Fakten, die zeigen, dass der digitale Wandel je länger je mehr zwingend eingefordert wird. Es sollte also klar sein, dass diejenigen, die sich nicht in Richtung Digitalisierung bewegen und sich nicht von ihren Altsystemen verabschieden, früher oder später nicht mehr im Markt vertreten sein werden.
 
Die aktuelle Situation
 
Woran machen Sie das fest?
Stefan Fellmann: Insbesondere daran, dass Lieferanten mit veralteten, wenn auch bewährten Lösungen Mühe haben, gesetzliche Änderungen zeitgerecht umzusetzen. Zudem wird es je länger desto schwieriger, Ersatz für ältere Programmierer zu finden, die die veralteten Technologien überhaupt noch verstehen. Weiter schleppen 20-jährige oder noch ältere Monolith-Lösungen eine Vielzahl von alten, nicht mehr benötigten Funktionen mit. Erweiterungen und gesetzliche Anpassungen in solchen Spaghetti-Programmen sind eine grosse Herausforderung und zeitaufwendig. Zudem bestehen bei manchen Anbietern als Resultat von Wachstumsstrategien via Zukäufe Zweiproduktstrategien. Das macht Erweiterungen und Anpassungen doppelt schwierig, müssen doch immer zwei Produkte angepasst werden. Einproduktstrategien sind hier sicher im Vorteil.
 
Wie sieht die Situation bei den wichtigsten hiesigen Anbietern hierzulande aus?
Stefan Fellmann: Es ist anspruchsvoll, öffentlich über die Konkurrenz zu sprechen. Aber man kann wohl sagen, dass Ruf seine Bedeutung insbesondere durch Zukäufe von Mitbewerbern in den 90er Jahren aufgebaut hat. Heute bietet Ruf aber doch zwei eher als veraltet einzustufende Produkte an und hat die Entwicklung seines Zukunftsproduktes PubliWeb eingestellt. VRSG präsentiert sich derzeit etwas geschwächt, verfolgte zudem eine "Buy-Strategie" etwa mit der Finanz-Anwendung von IT&T und ist blockiert durch den Streit mit Abacus. Abzuwarten bleibt aber, was die Fusion mit Abraxas bringt.
 
IT&T selbst bietet mit Navision eine auf KMU ausgerichtete Finanzlösung an, Kernmodule wie Steuern oder Werke und Gebühren werden nicht abgedeckt. Bei Nest/Abacus darf man wohl sagen, dass mit Abacus, ISE, KMS oder CMI viele Parteien engagiert sind, was Gesamtanwendungen teuer und aufgrund der verschiedenen Benutzeroberflächen kompliziert macht. Andere Anbieter wie Hürlimann, NRM oder DuMo sind vergleichsweise klein und haben nur wenige Kunden in wenigen Kantonen. Ob die kritische Grösse erreicht werden kann, um langfristig Weiter- und Neuentwicklung zu gewährleisten, ist bei ihnen offen.
 
Zentral ist die passende Strategie
 
Kommen wir zurück zum digitalen Wandel. Welche Knackpunkte sehen Sie noch?
Stefan Fellmann: Die Lieferanten müssen die Frage nach dem "make or buy" für sich beantworten. Das sind strategische Entscheide, die etwa bei so renommierten Unternehmen wie VRSG mit "buy" beantwortet wurden. Das heisst, die Finanzlösung wird nicht mehr selber realisiert sondern von IT&T zugekauft. Klar ist dabei, dass ein Produkte-Einkauf die Abhängigkeit zum Lieferanten mit sich bringt.
 
Wie sieht die "make" Version aus?
Stefan Fellmann: Unser Verwaltungsrat hat vor drei Jahren diesen strategischen Entscheid getroffen. Wir hatten den Mut, in eigene Produkte zu investieren, was für uns zum Erfolgsrezept geworden ist. Gerade Finanzlösungen für öffentliche Verwaltungen sind ja ein Kernprodukt. Konkret adressiert, um beim Beispiel zu bleiben, die IT&T-Finanzlösung in erster Linie KMU. Die Integration in Gebühren, Steuern, Inkasso und so weiter ist also aufwendig und natürlich nicht mehr so optimal. Die Folge ist zudem, dass VRSG kein Gesamtlösungsanbieter mehr ist, sondern sich zum Integrationspartner entwickelt, der verschiedene Lösungen betreibt. Sich also vom Hersteller zum Dienstleistungsunternehmen wandelt. Was ja durchaus sinnvoll sein kann.
 
Hört sich nicht so an, als ob Dialog diesen Weg gehen will.
Stefan Fellmann: Ja, wir verfolgen den Grundsatz, alles aus einer Hand zu liefern. Bekannt ist, um auch hierfür ein Beispiel zu nennen, dass Nest/Abacus eine Vielzahl von verschiedenen Lösungen wie Abacus Finanzen, ISE Gebühren, KMS Steuern, Axioma Geschäftsverwaltung und so weiter kombiniert. Jede Lösung hat ihre eigene Datenhaltung, Benutzerverwaltung und so weiter. Das wirkt sich dann auf Kundenseite bei den Kosten für Installation und Pflege inklusive sämtlicher Schnittstellen aus. Und in der öffentlichen Verwaltung sind bekanntlich die Kosten massgebend. Zudem gilt, "never touch a running system", ein Release-Wechsel wird also zur Lotterie und birgt Instabilitäten in sich.
 
Machen Sie hier nur Werbung für Dialog?
Stefan Fellmann: Wohl auch, aber nicht nur. Dialog hat zuletzt namhafte Gemeinden von Nest/Abacus wie die Berner Gemeinden Halse bei Burgdorf und Uetendorf abgelöst und im September wird Walkringen folgen. Gründe dafür waren oftmals die Kosten und die Benutzerakzeptanz. Es existieren zu viele verschiedene Benutzeroberflächen und die Bedienung ist nicht einheitlich. Zum Grundsatz, alles aus einer Hand zu liefern, gehört aber auch, dass komplizierte Supportanfragen direkt durch den Hersteller und somit kompetent beantwortet werden können. Kurz gesagt bietet, wer alles aus einer Hand liefert, neben Kosteneinsparungen auch qualitative bessere Services. Damit schlagen wir in die bisherige, übrigens durchaus bewährte IT-Welt der öffentlichen Verwaltung eine Schneise für die Digitalisierung aus einer Hand. Unabhängig von der Schnelllebigkeit der Technologie ist bei der Digitalisierung die Anpassung der Technologie an den Menschen die wettbewerbsentscheidende Konstante. (Interview: Volker Richert)