Weltes Welt: Wieso die Schweiz unsmart ist

Es gibt zwar Initiativen, aber keine kohärente Strategie.
 
Seien wir ehrlich: Oft können wir uns eines leicht chauvinistischen, selbstzufriedenen Gefühls nicht erwehren, wenn es um internationale Rankings geht. Wir sind das innovativste und wettbewerbsfähigste Land der Welt, es lebt sich hier am Besten und die Reichsten sind wir eh.
 
Da kommt es einem Tiefschlag gleich, wenn die Unternehmensberater von Roland Berger in ihrem Smart City Strategy Index – ausgerechnet! – Wien als Nummer 1 noch vor Chicago und Singapur aufs virtuelle Siegerpodest hieven. Selbst Rio De Janeiro, dem wir höchstens das Attribut prickelnd, aber keineswegs smart zubilligen, oder Bhubaneswar – wo liegt das eigentlich? – sind offenbar smarter als Schweizer Städte. Denn die Schweiz existiert in der Studie gar nicht: Zum Zeitpunkt der Studie hätten schlicht und ergreifend keine Smart-City-Strategien von Schweizer Städten vorgelegen, wird von Roland Berger lakonisch beschieden.
 
Dabei ist das Thema Smart Cities keineswegs peripher: 2014 lebten 54 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, 2050 werden es 66 Prozent sein, und wer täglich durch den Gubrist muss, der weiss, dass der zunehmende Dichtestress nicht nur für Städte in Asien und Afrika gilt. Es gibt denn auch hierzulande unzählige, in einem Buch akribisch aufgelistete Initiativen, die Schweizer Städte smarter machen sollen. Aber offenbar keine kohärente Strategie.
 
Erkundigt man sich in der Branche, tönt es ganz ähnlich. Wirklich smarte Lösungen erfordern es, dass Silos eingerissen und ein abteilungsübergreifender Ansatz gewählt wird. Genau damit tut sich indes die von departementalen Budgetüberlegungen gesteuerte Schweizer Bürokratie schwer. Und da man Geld hat und sich profilieren muss, wird flugs eine smarte Anwendung für einen bestimmten Teilbereich in Auftrag gegeben. Bis man merkt, dass diese Anwendung in Abhängigkeiten mit vielen anderen städtischen, regionalen und nationalen Anwendungen steht und demzufolge mühsam zu integrieren ist.
 
Sehr viel zielführender wäre ein strategischer, ganzheitlicher Ansatz, der nicht von einzelnen Anwendungen, sondern von Daten ausgeht, die in einen einheitlichen Bezugsrahmen hinsichtlich Zeit, Raum und Inhalt zu bringen wären. Die Daten sind über Sensoren und Kommunikationsnetze automatisiert zu erfassen und dann in einem semantischen Kontext als Web-Services bereitzustellen, damit realweltliche Prozesse (Gubrist!) ganzheitlich gesteuert werden können. Das hierzulande verbreitete Kostenstellendenken verhindert fast naturgesetzlich solch smarte Dienstleistungen.
 
Intelligente Repositories mit Bezugsrahmen zu schaffen tönt nach ziemlich viel Denk- und Zusammenarbeit, und genau das ist wahrscheinlich das Problem: Das individuelle Profilierungspotenzial eines solchen Daten-getriebenen Ansatzes auf der Basis eines einheitlichen Datenmodells für alle smarten Anwendungen ist sicherlich sehr viel geringer als eine spezifische Individualentwicklung. Indes liessen sich massiv Kosten sparen, der unsmarte Integrationsaufwand des Anwendungs-Wildwuchses würde massiv gesenkt, und die Schweiz fände sich vielleicht auch auf dieser Rangliste ganz oben. (Beat Welte)
 
Der Autor Beat Welte war über 25 Jahre in führenden Positionen bei verschiedenen grossen und kleinen IT-Unternehmen tätig. Er arbeitet heute selbständig als Strategie- und Kommunikationsberater – und ist kritischer Beobachter der IT-Branche.