Grosse US-Kanzlei stellt KI-basierten Anwalt ein

Ersetzt Künstliche Intelligenz Anwälte oder sinken die Honorare? Ein Schweizer IT-Anwalt sagt: "Sowohl als auch, aber …"
 
Ross ist Anwalt und er hat nun eine feste Anwaltsstelle gefunden. Bemerkenswert ist dies, da Ross eigentlich ein Stück KI-Software ist, das auf IBM Watson basiert. Er ist der erste seiner Art, der als Festanstellung angekündigt wurde, und dies von BakerHostetler, einer mit 940 menschlichen Anwälten grossen Kanzlei. Andere US-Kanzleien zählen aber auch bereits zu den Kunden.
 
Ross kann alte Gerichtsurteile, also mögliche Präzendenzfälle, durchsuchen und kann laut 'Business Insider' in verständlicher Sprache seine eigene Meinung dazu sagen.
 
Dabei waren richterliche Gewohnheiten hilfreich. "Die Entscheidungen der Richter sind in Alltagssprache geschrieben und nicht in Spalten und Zeilen ausgegeben. Dies können die derzeitigen Computersysteme am besten verdauen", lässt sich Andrew Arruda, CEO und Mitgründer von Ross Intelligence im Text zitieren.
 
Das schwierigste am Programmieren des KI-Anwalts sei es laut Arruda gewesen, dass Ross natürliche Sprache verstehe und nicht nur Keyword-gespickte Sätze. Arruda hofft nun, dass in den USA teure menschliche Anwälte durch Ross ersetzt werden. Der Hersteller propagiert dies als Demokratisierung des Zugangs zu Anwaltswissen.
 
Zudem sieht er seine lernfähige Software auch vor Gericht auftreten.
 
"Ross hat einen Wert"
Und in der Schweiz? Würde Christian Laux, spezialisiert auf IT-Recht, Ross auch anstellen? "Wir würden Ross wahrscheinlich 'anstellen' (so wie man das Licht anknipst) und dann laufen lassen ;)", antwortet dieser amüsiert. Um dann, ernsthaft, nachzuschieben: "Ich würde Ross einen 'Arbeitsplatz' im Bereich "Rechtskenntnis/Erfahrung" zuweisen. Das ist OK und hilfreich, gerade in den USA. Und dies kann natürlich auch in der Schweiz sinnvoll sein. Big Data heisst 'zählen statt lesen' und daraus kann sich schon mal ergeben, dass die Grenze zwischen Schwarz und Weiss statt wie bisher 'grau und diffus' anschliessend enger gezogen werden kann. Also hat Ross schon einen Wert."
 
In den weiteren Tätigkeiten einer Anwaltskanzlei – Handling der Klientenbeziehung, Beratung oder dem Erstellen von Arbeitsresultaten, dem "Document Drafting" – dürfte sich Ross bei Laux Lawyers aktuell nicht betätigen. Aber letzteres, so seine Prognose, "wird in Zukunft auch immer mehr von Maschinen erledigt werden. Dies war lange Jahre die Kernkompetenz des Anwalts".
 
Ross und andere "Legaltech"-Lösungen werden die Anwaltstätigkeit auch andersweitig beeinflussen, zeigt sich Laux überzeugt: "Die Preise für die anderen Rechtsdienstleistungen (Know-how und Document Drafting) werden unter Druck geraten, je mehr die Maschinen gewisse Aufgaben ausüben können."
 
Wenn Rechtsinformationen und Anwaltsdienstleistungen billiger, und damit für Menschen zugänglicher werden, so Laux sei das "primär zum Vorteil der Bürger."
 
Sein Fazit angesichts von KI: "Die Zukunft des Anwalts liegt in der Beratung". Unser Fazit: auch der Anwaltsmarkt wandelt sich und man kann realistische Erwartungen an den KI-Einsatz bei Anwälten haben, wenn auch, so hoffen wohl viele, nur bei Spezialanwendungen. (Marcel Gamma)