Swisscom auf der steinigen "Journey to the Cloud"

Swisscom Cloud-Produkte. Screenshot einer Folie aus der Präsentation heute Morgen.
Zum ersten Mal wird eine Cloud-Strategie des grössten Schweizer ICT-Providers sichtbar. Doch wie "fertig" ist die Enterprise Service Cloud?
 
Der Aufmarsch der Swisscom-Top-Manager heute Morgen war eindrücklich. Der frisch gebackene Chef des Geschäftskundensegments, Urs Lehner, war ebenso da wie Marcel Walker (Cloud and Network) sowie die beiden Produkt-Verantwortlichen Christian Mugg und Heiko Timmerkamp. Zu sagen gab es an dem Medienanlass viel, denn Swisscom stellte nicht nur zwei neue Cloud-Produkte vor sondern erläuterte zum ersten Mal die Cloud-Strategie des Konzerns. Und Marcel Walker nannte erstmals Zahlen zum Swisscom-Cloud-Business.
 
Enterprise Service Cloud und Enterprise for SAP
Anfang Jahr enthüllten wir exklusiv, dass Swisscom das Projekt zum Bau der "Enterprise Cloud" für den Pilotkunden SRG abbrechen musste. Das Projekt wurde neu aufgleist und erreichte nun einen ersten Meilenstein: Marcel Walker stellte heute Morgen die Enterprise Service Cloud vor.
 
Mit der Enterprise Service Cloud richtet sich Swisscom an Unternehmenskunden, die ihre Applikationen und ihre IT-Infrastruktur in einer Cloud ausrollen wollen, aber einen Schweizer Partner möchten und die Daten immer und garantiert in der Schweiz halten wollen. Die Enterprise Service Cloud wird auch die Plattform sein, in der Swisscom wenn möglich die Applikationen der Outsourcing-Kunden betreibt. Walker: "Wir können als einziger Anbieter in der Schweiz sagen, dass die Daten unser Netz garantiert nie verlassen."
 
Das Angebot ist aber noch elementar. Denn aktuell enthällt es nur Virtuelle Server, Firewall-Services, Netzwerk und Load Balancing.
 
Erst im Herbst sollen weitere Managed Services zum Cloud-Angebot und die Anbindung an die Hyperscaler (AWS und Microsoft Azure) möglich sein. Swisscom will als Managed Service Provider für AWS und Microsoft Azure auftreten.
 
Wie fertig ist die Enterprise Service Cloud wirklich?
Auffallend heute Morgen war, dass Swisscom für die Enterprise Service Cloud keinen Kunden präsentieren konnte. Der erste produktive Kunde sei Swisscom selber, sagte Christian Mugg, der bei Swisscom des Produktmanagement im Cloud-Business verantwortet.
 
Ein weiterer Kunde, den er nicht nennen dürfe, sei am internen Launch der Enterprise Cloud aufgetreten, so Walker. Dass es sich beim nicht genannten Kunden um Swiss Re handelt, ist in der Branche kein Geheimnis.
Doch der Rückversicherer scheint seine Applikationen noch nicht in die neue Swisscom-Cloud migriert zu haben, sondern will dies erst tun. Die Enterprise Service Cloud wird ihre Feuerprobe also erst noch bestehen müssen.
 
Mit der SRG habe man ein gutes Verhältnis, sagte Marcel Walker auf unsere Frage: "Wenn wir liefern, haben wir eine faire Chance, den SRG-Auftrag zu gewinnen."
 
Viel Potential für Enterprise Cloud for SAP
Ebenfalls heute Morgen lancierte Swisscom die Enterprise Cloud for SAP. Hier sieht Swisscom wohl zu Recht enormes Potential. Da der in der Schweiz dominante Business-Software-Hersteller den Support für die aktuelle Version Business Suite 7 nur bis 2025 sichert, erwartet Swisscom eine Migrationswelle und massiv erhöhten Bedarf nach Services.
 
Die neue Version der SAP-Software, S/4HANA, baut auf der In-Memory-Datenbank auf und braucht neue Infrastrukturen. Der Gedanken, diese aus einer Cloud zu beziehen, liegt nahe. Die Enterprise Cloud for SAP sei für die Schweiz einzigartig und neu, so Produktmanager Heiko Timmerkamp. Swisscom könne in wenigen Minuten bis zu 4 TB RAM aus der Cloud für die In-Memory-Datenbank HANA zur Verfügung stellen, so Timmerkamp. Zudem sei die Cloud Audit-fähig und redundant ausgelegt.
 
Viele viele Clouds - und zusamenwachsende Plattformen
Swisscom operiert gerne mit dem Modewort "journey". Die "journey to the cloud" scheint ein Leidensweg. So heisst es in der Medienmitteilung von heute: "Der Weg in die Cloud war für Swisscom lehrreich. Beim Bau kam es auf halber Strecke zu einem architektonischen Richtungswechsel." In der Tat hat man den Weg, eine eigene Cloud-Infrastruktur auf Basis der Open-Source-Cloud-Plattform Cloud Foundry zu bauen, aufgegeben. Man setzt nun auf (teure) Hardware von Dell EMC und Software von VMware.
 
Swisscom hat nun eine ganze Reihe von Cloud-Angeboten auf unterschiedlichen Plattformen. Es gibt die Dropbox-Alternative myCloud, die Backup-Lösung Storebox und Office365 sowie das IaaS-Angebot Dynamic Computing Services. Dazu kommen nun die Enterprise Service Cloud und die Enterprise Cloud for SAP Solutions sowie die auf Open-Source aufbauende Application Cloud für Entwickler.
 
Es sei in der Tat zu teuer, langfristig mehrere Plattformen zu betreiben, so Marcel Walker. Doch die verschiedenen Clouds würden zusammenwachsen. So würde man die Netzwerkvirtualisierung in der Application Cloud künftig mit VMware nsx machen.
 
Die Zahlen
Zum ersten Mal nannte Marcel Walker heute Morgen einige Zahlen zum Swisscom-Cloud-Business. So hat Swisscom 280 Kunden und 151 Partner, die die Dynamic Computing Services benützen, es gibt 30'000 Instanzen in der Application Cloud und 8000 Entwickler arbeiten damit (oder haben zumindest ein Login). Für myCloud zählt Swisscom 200'000 Privatkunden.
 
Wieviel Geld Swisscom auf dem steinigen "journey to the cloud" bisher liegen liess, wollte niemand sagen. Urs Lehner sagte, Swisscom habe "substantiell" investiert und habe "einiges" gelernt. Auch der Verwaltungsrat des grössten Schweizer ICT-Dienstleisters sei überzeugt, dass sich die Mühen lohnten. (Christoph Hugenschmidt)