Von Hensch zu Mensch: Evaluation unter der Bundeskuppel

Kolumnist Jean-Marc Hensch entdeckt vor den Hearings vor der Bundesratswahl seine grenzenlose Naivität.
 
Natürlich mag man den medialen und sonstigen Aufwand bedauern, den eine Bundesratsvakanz jeweils verursacht. Aber das Tolle daran ist doch, dass ja der Bundesrat ein Kollektiv ist, das in allen Sachfragen jeweils als Gremium entscheidet. Daher wird jeweils auch bei Ersatzwahlen im ganzen Land heftig über die zukünftige Ausrichtung der Regierung und damit der ganzen Politik diskutiert.
 
Diese Woche finden die Hearings der Bundeshausfraktionen mit den drei Bundesratskandidaten statt. Aufgrund der Aktualität und der Zukunftsrelevanz des Themas werden in den Fraktionen zweifellos Fragen zur Digitalisierung im Vordergrund stehen. Wer die Medien verfolgt hat, kann sich heute schon vorstellen, mit welchen Fragen die Kandidierenden gegrillt werden:
  • Wie sorgen Sie dafür, dass das Kollegium endlich einmal so etwas wie eine Europa-Strategie definiert, um den „Möglichkeitsraum“ für Firmen
und Private aufzuspannen?
  • Wie passt der Bund die Rahmenbedingungen für alle Unternehmen an, um sie dynamischer zu machen, statt nur PR und Pflästerlipolitik für Startups zu betreiben?
  • Wo sehen Sie im Zeitalter von IS & Co in der Bundespolitik den Ausgleich zwischen Überwachungsstaat und Bürgerrechte, in der digitalen Welt wie in der analogen?
  • Wie würden Sie das Arbeitsgesetz reformieren, damit es im Berufsalltag eingehalten werden kann und die modernen Wissensarbeiter (und ihre Arbeitgeber) nicht ständig mit einem Bein im Gefängnis stehen?
  • Wie verändern wir die Gesetze, damit der Bund nicht weiterhin gezwungen ist, bei komplexen Beschaffungen auf der Basis überholter Anforderungen zu überteuerten Preisen einzukaufen?
Doch, liebe Leserin, lieber Leser, du hast alle diese Fragen und die Diskussionen darüber im Hinblick auf die Neubestellung des Bundesrats verpasst? Gar nichts mit bekommen? Vielleicht liegt das daran, dass sie leider nie stattgefunden haben. In meiner grenzenlosen Naivität habe ich völlig falsch eingeschätzt, was für die Zukunft unseres Landes wirklich die relevanten Fragen sind. Ich werde sie gerne verraten:
  • Warum sind Sie keine Tessinerin?
  • Sind Sie nicht ein heimlicher Ostschweizer?
  • Haben Sie nicht irgendwo noch einen kenianischen Pass?
  • Würden Sie ihn vor oder nach der Wahl abgeben?
  • Und vor allem: Ist es nicht etwas anbiedernd, im Bundeshaus vor der Kamera herzhaft in einen Gratis-Apfel des Bauernverbands zu beissen?
Jean-Marc Hensch (58) vertritt als Geschäftsführer von Swico die Interessen der Anbieterfirmen aus den Bereichen Hardware, Software, ICT-Dienstleistungen und Unterhaltungselektronik. Er äussert als Kolumnist für inside-it.ch und inside-channels.ch seine persönliche Meinung und twittert als @sosicles.