Apples iPhone X ist mehr als "noch ein Smartphone"

Atli Mar Sveinsson vom Game-Hersteller Directive Games zeigt ein AR-Spiel. Foto: (c) by Apple.
Wird Apples iPhone X einen neuen, riesigen Markt schaffen? Was Medien und Analysten zu Apples Produktelaunch sagen.
 
Gestern registrierte der Frankfurter Internet-Knoten DE-CIX in Frankfurt einen Weltrekord: Der Knoten, in dem Internet-Service-Provider die Datenströme ihrer Netzwerke miteinander verknüpfen, registrierte einen Spitzenwert von 5,88 Terabit pro Sekunde. DE-CIX führt den Weltrekord auf den gestrigen Produkte-Launch an Apples Hauptsitz im kalifornischen Cupertino zurück.
 
Das weltweite Interesse ist riesig. Zu Recht, denn der wertvollste US-Techkonzern hat mehr als einmal gezeigt, dass er fähig ist, die Art und Weise wie wir leben, zu verändern. Haben das gestern gezeigte neue Smartphone (iPhone X) und die neue Apple Watch das Potential, die gestalterische Macht und enorme Profitabilität von Apple zu erhalten oder gar zu stärken? Wir haben erste Stimmen von wichtigen Medien und Branchenbeobachtern gesammelt.
 
Durchbruch für "Augmented Reality"?
Die grosse Überraschung gestern Abend ist ausgeblieben, denn die wichtigsten Neuigkeiten des iPhone X sind zuvor schon bekannt geworden. Das nächste iPhone wird einen riesigen, randlosen und hochauflösenden OLED-Bildschirm haben. Und die Besitzer des Gerätes werden sich über Gesichtserkennung als berechtigte Benutzer identifizieren. Das Gehäuse wird aus Stahl und Glas bestehen und das Gerät drahtlos aufladbar sein. Es wird etwa 1200 Franken kosten und erst ab November erhältlich sein.
 
Das alles tönt zwar interessant, hat aber die Anleger in den ersten Stunden nach der Ankündigung nicht begeistert. Der Kurs der Apple-Aktie gab etwas nach.
 
Denn der riesige Gewinn von Apple ist zu einem grossen Teil vom Erfolg im Smartphone-Markt abhängig, wie viele Kommentatoren betonen. Das iPhone X stehe nicht für Innovation, schreibt beispielsweise Christiane Hanna Henkel in der 'NZZ'. Trotzdem werde es wohl den Lebenszyklus des Geräts verlängern und Gewinn und Aktienkurs weiter befeuern.
 
Euphorie löst das neue Smartphone nicht aus. Und trotzdem könnte das neuste Produkte aus der Apple-Küche die Tech-Welt verändern. Denn es könnte dem Markt für Augmented Reality (AR) zum Durchbruch verhelfen, wie Alex Webb und Mark Gurman von 'Bloomberg' schreiben. Das teure Gerät ist voll mit Funktionen, die man für Augmented-Reality-Apps braucht. Der neue Bildschirm, 3D-Sensoren und die zwei Kameras des Smartphones sind Dinge, mit denen man AR-Videospiele realisieren kann. Vor Monaten hat Apple folgerichtig eine Entwicklungsumgebung namens ARKit veröffentlicht, mit denen man Software für das iPhone X entwickeln kann.
 
Apple war nicht der erste Hersteller, der ein Gerät mit Touchscreen auf den Markt warf und auch nicht der erste, der einen App-Store lancierte. Und trotzdem haben iPhone und Appstore die ICT-Industrie umgewälzt. Ein ähnlicher Effekt könnte nun eintreten. Google und Microsoft arbeiten schon länger an Augmented Reality. Doch Apple könnte nun Software für AR-Erfahrungen zum Massenphänomen machen.
 
Mit einem iPhone der Abhängigkeit vom iPhone entrinnen
Apple hat sich eine so grosse Entwickler-Community geschaffen. Entsprechend kann man eine grosse Menge von guten und trotzdem günstigen Apps erwarten, die AR-Erfahrungen bieten. Der AR-Markt könnte 2020 bereits über 400 Milliarden Dollar gross sein. Davon, so 'Bloomberg', könnten 286 Milliarden auf neue Geräte entfallen.
 
Walter Niederberger erwähnt in seiner Analyse im 'TagesAnzeiger' einen weiteren Aspekt: Das Betriebssystem iOS soll überall zum Einsatz kommen. Sei es beim Einkaufen, im Sport, beim TV-Konsum, in der Uhr oder im Gesundheitswesen. Die ebenfalls gestern gezeigte neue Apple Watch könnte zum generellen Sensor für Gesundheitsapplikationen werden. Man untersuche zusammen mit der Universität Stanford, ob die Uhr als Sensor für Herzrhythmen eingesetzt werden könne. Das Marktpotential für die Uhr wäre atemberaubend. Sie hat eine eigene SIM-Karte und einen Höhenmesser – ist also nicht mehr vom iPhone abhängig.
 
Haben die gescheiten Analysten recht, so könnte es Apple gelingen, mit dem neuen Smartphone der Abhängigkeit vom Smartphone-Markt zu entringen und die Erfolgsgeschichte weiter zu schreiben. (hc)