Alle Daten in die Cloud – Marsch, Marsch!

Veritas-CEO Bill Coleman in Las Vegas.
Der klassische Storage-Markt bricht zusammen. Die Zukunft gehört vor allem dem Cloud-Storage. Doch die Umstellung des Portfolios und die Akzeptanz im Markt verlangen von den Anbietern Geduld, Zeit und Geld. Das spürt man auch beim einstigen Backup-Primus Veritas.
 
Veritas' Weg in die Unabhängigkeit von Symantec verläuft für den einstigen Backup-Primus weiterhin äusserst steinig. Zwar zeigt der neue Ansatz eines kompletten Speichermanagements für Multi-Cloud-Umgebungen erste Erfolge, doch noch sind diese nicht auf breiter Front im Markt angekommen. Andererseits geht der klassische Speichermarkt zurück, da Storage immer mehr aus der Cloud genutzt wird und folglich geht auch der Absatz der zugehörigen Management- und Backup-Produkte weiter zurück. Das aber ist genau der Bereich, der traditionell das Kerngeschäft von Veritas ausgemacht hat.
 
On-Premise Backup: Performance up, Bedarf down
Auf der jüngsten Kundenveranstaltung "Vision" in Las Vegas stellte das Unternehmen unter anderem die neue NetBackup Appliance 5340 vor, die mit beachtlichen Performance-Daten aufwarten kann. Für die integrierte Deduplizierung wird ein Durchsatz von 52 Terabyte pro Stunde angegeben und das System kann bis zu 1,92 Petabyte an Daten managen, das ist immerhin mehr als das Doppelte von EMCs Data Domain 9800. Trotzdem ist damit der Niedergang von In-House-Storage nicht aufzuhalten. "Der Trend geht eindeutig dahin, dass wir in Zukunft nur noch zwei Storage-Bereiche haben werden: In-Memory für alle Anwendungen, die dies aus Performance-Gründen benötigen, beispielsweise Realtime-Analytics – und alles andere geht dann in die Cloud", sagt Dave Vellante, Chief-Analyst bei Wikibon.
 
Schulterschluss mit Microsoft Azure
Darauf stellt man sich auch bei Veritas ein, denn der Schwerpunkt der diesjährigen Neuigkeiten betraf das Datenmanagement von Multi-Cloud-Umgebungen. "86 Prozent der Fortune-500-Firmen sind Veritas-Kunden und 56 Prozent davon verfolgen eine Cloud-first-Strategie", sagte Veritas-CEO Bill Coleman in seiner Eröffnungsrede.
 
Veritas bietet hierzu seine sogenannte 360-Data-Management-Plattform an. Hierbei handelt es sich um eine Suite von sieben Produkten, mit denen die Datenbestände wahlfrei vom eigenen Rechenzentrum in eine Public-Cloud und zurück verschoben werden können. Vor allem mit Microsofts Azure-Plattform soll das besonders einfach möglich sein. Hierzu stellten beide Unternehmen eine weitreichende strategische Partnerschaft vor.
 
"Unsere gemeinsamen Kunden bekommen jetzt das Beste aus beiden Welten: Die Flexibilität und Agilität der Azure-Cloud-Plattform und das erprobte Toolset von Veritas' 360 Datenplattform" sagte Mark Russinovich, CTO der Azure-Plattform bei Microsoft, in seiner Keynote. Das heisst, Microsofts Zielrichtung ist genau umgekehrt zu der von Veritas. Russinovich schielt auf die vielen Veritas-Kunden, die schon seit langem eine abstrakte Speicherverwaltung betreiben und die jetzt auch an die Azure-Plattform heran geführt werden sollen. Wogegen Veritas händeringend nach Cloud-Providern Ausschau hält, die sich nahtlos in deren Software-definierter Speicherverwaltung einbetten lassen.
 
Google, IBM und Oracle sind mit im Boot
Deshalb darf sich die Kombination von On-Premise und Cloud nicht nur auf Azure
Mark Russinovich, CTO der Azure-Plattform bei Microsoft.
beschränken sondern muss mit allen grossen Providern vorangetrieben werden. Dazu zeichnen sich auch schon erste Erfolge ab. So gehörten zu den diesjährigen Event-Sponsoren unter anderen auch IBM, Oracle und Google. Interessanter Weise aber fehlte Amazons AWS.
 
Die beiden Kernprodukte der 360-Suite sind "Access" und "Resiliency". Bei Access handelt es sich um eine Software-Defined-Storage-Suite, die um den Cloud-Zugriff ergänzt wurde. "Mit wenigen Mausklicks können die Daten jetzt wahlfrei auf In-House- oder Azure-Storage verteilt werden", sagt Mike Palmer, Chief Product Officer bei Veritas. Die Resiliency-Plattform ist dann die logische Ergänzung in Richtung Verfügbarkeit. So lassen sich damit Vorkehrungen zum Application-Failover und zum Disaster-Recovery einrichten, bei denen die Azure-Plattform als Backup dient. Das Prinzip dieser Cloud-Management-Tools ist also einfach: Die Flexibilität einer einheitlichen In-House-Verwaltung von heterogenen Storage-Landschaften wird um die virtuelle Speichereinheit "Cloud" aufgebohrt. Wobei dieses dann sowohl die Anwendungs- als auch die gesamten Systemdaten umfasst.
 
Integriertes Daten-Management noch in den Kinderschuhen
Noch hat das alles aber seine Grenzen. Da sind zunächst die operativen Einschränkungen. So gibt es noch kein Regel-basiertes Load-Balancing, bei dem man mit Hilfe von verschiedenen Variablen festlegen kann, wo, was, wann gespeichert sein soll. Diese Kontrollvariablen könnten die Netzwerkperformance, die Read-Write-Geschwindigkeit der jeweiligen Cloud-Storage-Unit oder auch der aktuelle Preis sein. Damit aber würde Cloud-Storage zu einer echten Commodity degradiert werden und das ist ein Horrorszenario für alle Cloud-Anbieter. Folglich versuchen sie sich so weit wie möglich zu differenzieren. Doch im Speicherbereich ist das schwierig, wie man schon in der Vergangenheit bei den Anbietern von In-House-Storage beobachten konnte.
 
Die zweite Einschränkung einer integrierten Datenverwaltung von Cloud- und On-Premise-Storage ist darin zu finden, dass das hin-und-her-Schieben der Daten zwischen verschiedenen Cloud-Providern nur bei IaaS- oder PaaS-Plattformen funktioniert. Die Applikationen, und folglich auch alle SaaS-Plattformen, sind davon ausgenommen. Beispielsweise lassen sich die Daten von Salesforce nicht zu SuccessFactors oder zu Oracle verschieben. Dazu bedarf es einem Mapping, das nicht trivial ist. Und selbst wenn das Mapping ausreichend genau definiert ist, so ist der damit verbundene Transformationsaufwand sehr umfangreich und erfordert eine Reihe an Testläufen.
 
Knappe Ressourcen: Zeit und Geld
Mit herkömmlichen Technologien werden sich beide Probleme kaum lösen lassen, aber mit Hilfe von KI und Machine Learning könnte man auch hier weiter kommen. Doch das braucht Zeit und Geld. Letzteres scheint bei Veritas immer knapper zu werden. Das Unternehmen ist zwar in privaten Händen und somit gibt es keine öffentlichen Geschäftszahlen, aber es gibt Indizien. Bereits im vergangenen Dezember gab es umfangreiche Entlassungen. Damals wurden in Europa und den USA 30 Prozent der Vertriebspositionen gestrichen. Soeben wurde bekannt, dass man weitere "Umstrukturierungen" plane. Davon werden unter anderen die Büros in China, Kalifornien, Florida und UK betroffen sein.
 
Bei den Kunden macht sich inzwischen auch erster Ärger breit. "Sie drücken die Support-Kosten, um sich für einen Börsengang hübsch zu machen", sagte ein US-Anwender am Rande der Veranstaltung, ohne dass er genannt werden wollte. (Harald Weiss, Las Vegas)