Schweizer KMU bekennen sich zur Informatiker-Ausbildung

Der Mangel an Fachkräften ist nach wie vor Dauerthema. Im Spannungsfeld zwischen billigem Arbeitskräfteimport und teurer Ausbildung, setzen KMU eher auf Ausbildung als internationale Grosskonzerne, zeigt eine Befragung. Ein Gastbeitrag von Christian Walter, Managing Partner bei Swiss Made Software.
 
Anfang 2017 machte Google im Schweizer Bildungskontext von sich reden: Das Unternehmen will in den nächsten vier Jahren jeweils fünf Lehrstellen schaffen, 20 insgesamt. Eine positive Entwicklung zweifellos, denn viele Grosskonzerne tun sehr wenig in Punkto Berufsbildung. Doch auch Google wird so der Forderung von fünf Prozent Ausbildungsquote von ICT-Berufsbildung nicht gerecht. Google hat mittlerweile etwa 2000 Beschäftigte in der Schweiz – angepeilt werden gar 5000.
 
Dies ist problematisch da ICT Berufsbildung im Rahmen einer Studie von 2016 einen Mangel von etwa 25'000 Fachkräften bis 2024 prognostiziert, wenn sich aktuelle Trends fortsetzen. Somit würde der ICT-Branche quasi der eigene Erfolg zum Verhängnis werden. Allein zwischen 2001 und 2015 stieg hier nämlich die Anzahl Beschäftigter um 50 Prozent – von 140'000 auf 210'000. Bis 2024 soll der Bedarf um weitere 75'000 Personen steigen. Wird nicht an den Schrauben Zuwanderung und/oder Ausbildung gedreht, könnte der erwähnte Mangel von 25'000 Fachkräften entstehen.
 
Die Annahme der Masseneinwanderunginitiative machte klar, was die Bevölkerung vom Thema Zuwanderung hält. Also muss auf Bildung gesetzt werden. Wirft man einen Blick auf die Grosskonzerne, sieht es eher düster aus. Gemäss einer Untersuchung der 'Netzwoche' von 2011 bilden nur acht der 22 grössten internationalen ICT-Player aus und nur vier davon in einem grösseren Umfang. Neuere Untersuchungen gibt es zurzeit leider nicht. Gemäss Barbara Jasch, Geschäftsführerin beim ZLI (Zürcher Lehrbetriebsverband ICT) gab es erst 2017 wieder positive Entwicklungen. "Sowohl Google als auch Accenture sind in die Ausbildung ein- bzw. wiedereingestiegen", so Jasch. Von weiteren Firmen kann sie leider nicht berichten. Es bietet sich an den Kanton Zürich als Mass für die Restschweiz zu nehmen, da er etwa 30 Prozent der ICT Lehrstellen schweizweit stellt.
 
Ausbildungssituation beim Mittelstand
Meckern ist natürlich einfach. Zumal wenn der Schuh am eigenen Fuss drückt. Zurzeit suchen etwa 66 Prozent der swiss made-Unternehmen aktiv nach neuen Mitarbeitern. Der Unterschied in den zur Verfügung stehenden Ressourcen zwischen Grossunternehmen und KMU befreit die kleinen deswegen aber trotzdem nicht von der Eigenverantwortung. Was tun also die KMU?
 
Swiss Made Software ging dieser Frage bereits 2011 zusammen mit inside-it.ch nach. Die Tatsache, dass heuer zumindest Google etwas tut, nahmen wir als Anlass, diese Untersuchung zu aktualisieren. Von den rund 450 beim Label registrierten Trägern nahmen 94 an der Umfrage teil. Das Spektrum reicht dabei von der klassischen Ein-Mann-Bude bis zum Unternehmen mit einigen 100 Mitarbeitenden, hört jedoch ein gutes Stück vor dem Volumen von Unternehmen wie Microsoft oder IBM auf.
 
Zurzeit bieten 63 Prozent der Labelträger Lehrstellen an (2011: 66 Prozent). Die Anzahl der Ausbildungsplätze liegt im Schnitt bei 2,4 (2011: 3,7). Prozentual liegt die Quote Lernender zu Gesamtmitarbeiterzahl somit bei knapp 4,3 Prozent (2011: 3,6 Prozent). Dabei kann man von Kleinstunternehmen eigentlich kein Ausbildungsengagement erwarten. Nimmt man aber Betriebe bis drei Personen heraus, fällt die Quote auf 4,1 Prozent. Mit anderen Worten: "Klein aber oho."
 
Damit verfehlt zwar auch Swiss Made Software die Forderung von fünf Prozent, kann aber gleichzeitig eine Steigerung von 0,7 Prozent gegenüber 2011 aufweisen. Trotzdem befindet sich das Label aber auf Augenhöhe mit der ICT-Kernbranche. Gemäss ICT-Berufsbildung liegt hier die Ausbildungsquote bei 4,5 Prozent. Zum Vergleich: Über alle Branchen lag die Ausbildungsquote gemäss Statistik der Unternehmensstruktur (STATENT) 2013 bei 5.1 Prozent. (Die Studie von ICT Berufsbildung beruht auf der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung 2016 (SAKE). Beide Studien sind für unsere Zwecke aber vergleichbar).
 
Zudem wollen immerhin 66 Prozent der befragten Unternehmen die Anzahl der Ausbildungsplätze weiter erhöhen (2011: 39 Prozent). Dazu gehören 15 Unternehmen, die bisher noch gar nicht ausgebildet haben. Knapp 43 Prozent der "Nichtausbilder" wollen also das Lager wechseln.
 
71 Prozent bieten zudem Praktika an (2011: 92 Prozent) und 76 Prozent die Möglichkeit zur Begleitung von Diplomarbeiten (2011: 79 Prozent).
 
Ebenfalls abgefragt wurde die Stossrichtung der Ausbildung. Besonders dominant ist dabei die Variante Informatiker/in Applikationsentwicklung: Fast drei Viertel der ausbildenden Unternehmen haben dieses Angebot. Beliebt sind aber auch Mediamatiker und Informatiker/in Systemtechnik. Ein Unternehmen sucht bereits nach Kandidaten für die erst 2018 beginnende neue Lehre zum ICT-Fachfrau/ICT-Fachmann.
 
Zeit und Geld so knapp wie qualifizierte Lehrlinge
Jenseits von harten Zahlen äusserten sich die Unternehmen auch zu den Problemen mit der Ausbildung. Dabei gab es immer wieder Kritik an der Qualität der Lehrlinge. "Die jungen Leute müssen in der Zwischenzeit auch im Verhalten und in Deutsch unterrichtet werden, was die Ausbildung nicht einfacher macht", so ein anonym bleibender Unternehmer. Genauso bemängelt wird immer wieder das generelle Niveau in Sachen Mathematik oder was für Vorstellungen zum Beruf die Schulen in die Köpfe der jungen Menschen pflanzten.
 
Aber auch auf anderer Ebene wurde mit dem Schulsystem gehadert: ERP-Hersteller Abacus zum Beispiel attestierte den Gewerbeschulen, nicht mit den neuesten Technologien Schritt halten zu können. Ein anderes Unternehmen äusserte sich kritisch zur Verschulung der Ausbildung: "Der Fokus liegt auf Lernen zum Reproduzieren, um Bewertbarkeit und Vergleichbarkeit zu schaffen. Dabei bleiben Motivation zu Neugier, Selbständigkeit und Kreativität auf der Strecke." In Zweifel gestellt wurde ausserdem mehrfach die Fähigkeit der Schulen, die Grundlagen der Informatik zu vermitteln. "In der Ausbildung wird nur Theorie vermittelt. Zum Arbeiten werden aber Tool-Kenntnisse benötigt und die müssen dann vermittelt werden. So kostet eine Lehrabschlussprüfung in der Vorbereitung und Begleitung durch den internen Fachvorgesetzten mehr Zeit, als der Lehrling selbst in die LAP (Lehrabschlussprüfung) investiert. Wir sprechen hier von massiven Missverhältnissen. Berufsschulen beschäftigen Lehrer, welche selbst unmotiviert sind und den Lehrlingen quasi nur als Coach zur Verfügung stehen – pure Faulheit – dadurch sind Lehrlinge zu sehr auf sich selbst gestellt, die Qualität der Ausbildung muss nun im Betrieb nachgeholt werden, ansonsten schreiben die Lehrlinge schlechte Noten", meint man beim Medtech-Unternehmen YouRehab.
 
Dass die Ausbildung als teuer und bürokratisch empfunden wird, ist leider ein Dauerbrenner: "Der Aufwand, einen Lehrling auszubilden ist zu hoch. Die Schulen und Ämter verlangen exorbitant hohen Effort", meint zum Beispiel Individualsoftwareentwickler Allix. In diese Bresche schlägt auch Diartis, ein Hersteller von Fallmanagement-Software: "Es ist eine Herausforderung genügend qualifizierte MitarbeiterInnen zu haben, die für die Fachausbildung der Lernenden Zeit und Geduld haben, so dass die Ausbildungsqualität sehr hoch gehalten werden kann."
 
Auch der liebe Kantönligeist fand immer wieder Erwähnung oder auch die Schwierigkeit, Lernende auf Projekte mitzunehmen.
 
Um die Situation zu revidieren wurde mehrfach gefordert mehr Frauen in die Branche zu holen oder auch auf die positiven Effekte der Ausbildung hinzuweisen: "Mentoring von Lehrlingen bietet auch neue Möglichkeiten für bestehende Fachkräfte", so Adobe Schweiz.
 
Schliesslich: "Es ist zu einfach geworden, schnell Applikationsentwickler im Ausland zu rekrutieren. Kurzfristig fehlt also ein Anreiz, dass Firmen in Lehrlingsausbildung investieren. Dabei geht vergessen, dass sich ein Applikationsentwickler über die Jahre viel Business-Know-how aneignen kann. Dieses Know-how ist effektiv das Wertvollste, was eine Firma ausmacht, und soll nicht leichtfertig aus der Hand gegeben werden", sagt man beim Fintech Expersoft.
 
Zusammenfassend gibt es aber eine klare Bekenntnis zur Ausbildungsverantwortung der Unternehmen. Die obigen Zahlen belegen, dass sich die Swiss-Made-Software-Träger dieser Aufgabe stellen. (Christian Walter)
 
Über den Autor:
Christian Walter ist Geschäftsführer und Redaktionsleiter von Swiss Made Software. Bis Ende 2010 arbeitete er als Journalist. Zuvor fand der Wirtschaftswissenschafter über das Consulting seinen Weg ins Qualitätsmanagement eines mittelständischen Logistikunternehmens, das er mehrere Jahre leitete.