InsurTech: Die nächste Stufe der Digitalisierung

Überlegungen zur Datenverarbeitung und dem Einsatz von Fitnesstrackern in der Versicherungswirtschaft.
 
Für Versicherungen ist Digitalisierung nichts Neues. Die gibt es schon seit Jahrzehnten und wird laufend ausgebaut. Jetzt geht es darum, die neuen Möglichkeiten sowohl im operationellen Bereich als auch im Angebot und der Kundeninteraktion voll auszunützen.
 
Christoph Jaggi erkundigte sich für inside-it.ch bei der Mobiliar nach dem Stand der Digitalisierung. Sie ist mit 191 Jahren die älteste private Versicherungsgesellschaft der Schweiz, gehört auch aktuell zu den Grössen im Geschäft und kann deshalb gut als Gradmesser dienen.
 
Jürg Thalmann, Mediensprecher der Schweizerischen Mobiliar, gab auf Anfrage folgenden Überblick: "Die Mobiliar hat sich für ein Vorgehen entschieden, das auf drei Säulen basiert. Die wichtigste Säule ist die laufende Verbesserung des Geschäftsbetriebs und des Geschäftsmodells mittels Digitalisierung der Kernprozesse, zu denen auch die Kundenschnittstellen zählen. In diese Säule fliessen 90 Prozent des jährlich 100 Millionen Franken schweren Projekt-Portfolios.
 
Die zweite Säule fokussiert sich auf neue, rein digitale Geschäftsmodelle. Zur dritten Innovations-Säule der Mobiliar gehört der Kauf von oder die Partnerschaft mit digital erfolgreichen Unternehmen.
 
In allen drei Säulen ist und bleibt trotz Digitalisierung der Mensch ein zentraler Faktor. Menschen machen den Unterschied. Das gilt auch für die Digitalisierung. Es sind denn auch Menschen, die sich mit neuen Technologien, Lebensstilen, Mobilitätskonzepten und Geschäftsmodellen auseinandersetzen. Die gewonnenen Erkenntnisse fliessen dann in das Versicherungsgeschäft ein."
 
Das Spannungsfeld von Quantität und Qualität der Daten
Dies führt zum Thema “Datenverarbeitung”, einem wichtigen Faktor bei der Digitalisierung des Versicherungswesens. Es geht dabei darum, wie man Daten erfasst, verarbeitet, in Prozesse integriert und präsentiert. Dafür ist die detaillierte Kenntnis der vorhandenen Daten, deren Bedeutung und deren Zusammenspiel eine Grundvoraussetzung. Für die Beantwortung neuer Fragen sollte auch die Möglichkeit bestehen, die vorhandenen Daten mit extern verfügbaren Daten anzureichern und so zusätzlichen Nutzen zu generieren. Digitale Daten lassen sich einfach kombinieren und vergleichen, sofern sie nicht in Silos gehalten werden. Zusammen bilden Daten und Datenverarbeitung die Grundlage für verbesserte und neue Angebote.
 
Eine gute Datenverarbeitung ist Mittel zum Zweck und führt zu vielen Vorteilen. Im operationellen Bereich steigert sich – auch durch Automatisierung komplexer Abläufe – die Effizienz. In Bezug auf das Angebot ergeben sich neue kundenzentriert ausgelegte Möglichkeiten, die auf den Datenbestand zugreifen und ihn mit zusätzlichen neuen Daten ergänzen können.
 
So zum Beispiel Versicherungen für Neuanschaffungen, bei denen in Echtzeit geprüft wird, ob effektiv eine Zusatzversicherung benötigt wird oder ob die bestehende Hausratversicherung bereits genügend Deckung bietet. Je nach Ergebnis dieser Prüfung kann das System dann den Kunden entweder auf den bereits genügenden Versicherungsschutz hinweisen oder ihm die Wahl zwischen einer Erweiterung der bestehenden Versicherungspolice oder einer separaten Zusatzversicherung geben.
 
Auch im Bereich Schadensmeldung und Schadensregulierung kann die Datenverarbeitung dabei helfen, die Abläufe für alle Beteiligten zu vereinfachen und einen guten Informationsfluss zu gewährleisten.
 
Datenverarbeitung ist auf Daten angewiesen. Deren Aussagekraft hängt von der Qualität und der Vollständigkeit ab. Letztere umfasst auch die Datenmenge. Qualitativ minderwertige Daten führen zu falschen Ergebnissen. Es gilt das GIGO-Prinzip (“garbage in, garbage out”). Unvollständige Daten bieten eine mangelhafte Datenbasis und führen zu unvollständigen, falschen oder gar keinen Ergebnissen. Auch eine grosse Quantität an Daten führt nicht zwangsläufig zu einer Vollständigkeit der Daten. Nicht erhobene oder verlorene Daten stehen für Berechnungen nicht zur Verfügung und verringern die Aussagekraft.
 
Was Daten von Fitness-Trackern und Blackboxes zeigen
Es gibt Versicherungen, die der Ansicht sind, dass risikominderndes Verhalten von Kunden gefördert werden muss. Mittels ausgelobter Belohnungen werden Kunden dazu ermutigt, ein risikominderndes Verhalten an den Tag zu legen und dies mittels Übertragung von Daten zu belegen. Für die Belohnung zahlt der Kunde mit seinen Daten und der damit zusammenhängenden Überwachungsermächtigung.
 
Etliche Krankenkassen animieren ihre Kunden dazu, mittels Bewegung ihre Gesundheit zu fördern und bieten dafür auch finanzielle Anreize. Es ist unbestritten, dass Bewegung für Mensch und Tier gut und nötig ist. Ob und wieviel Gesundheitskosten bei nach Versicherungsvorgaben belegter genügender Bewegung im Gegensatz zu nicht belegter genügender oder ungenügender Bewegung eingespart werden, ist allerdings unklar. Schliesslich sind die entscheidenden Faktoren die Gesundheit des Kunden und die durch den Kunden verursachten Krankheits- und Unfallkosten.
 
Gesammelt werden die Daten über Fitness- und Activity-Tracker und Smartphone Apps. Allerdings hängt weder die Fitness noch die Gesundheit von der aufgezeichneten Aktivität ab. Dafür braucht es noch weitere Daten. Die korrekte Messung von Puls und Blutdruck ist nur mit speziellen Vorrichtungen möglich. Blutwerte kann weder ein Fitness- oder Health-Tracker noch eine Smartphone App messen.
 
Solche Geräte sind deshalb nicht in der Lage, den effektiven Fitness- und den effektiven Gesundheitszustand des Anwenders zu ermitteln. Es gibt auch keine Korrelation zwischen Fitness und Gesundheitszustand. Dafür gibt es eine starke Korrelation zwischen sportlichen Aktivitäten und Unfällen. Das hindert aber etliche Krankenkassen nicht daran, ihre Kunden gegen Preisgabe der Aktivitätsdaten zu belohnen.
 
Bei Autoversicherungen wird Telemetrie herbeigezogen. Eine Blackbox zeichnet Bewegungsdaten auf und leitet diese an die Versicherung weiter. Bei konformem Verhalten gibt es eine Prämienreduktion. Die Aussagekraft der gesammelten Daten ist beschränkt.
 
Für das Steuern des Kundenverhaltens durch eine Versicherung zwecks besserer Kontrolle und erhoffter Risikominderung braucht es willige Kunden. Bei näherer Betrachtung erweisen sich die Vorgehensweisen aber als komplizierte und kostspielige Angelegenheit, die nur bei fehlender Kundenhistorie eine ansatzweise Berechtigung hat.
 
Die Verwendung von bereits vorhandenen Kundendaten ist viel effizienter. Die vorhandenen Kundendaten sind zudem aussagekräftiger, weil sie die effektive Inanspruchnahme von Versicherungsleistungen und damit das verursachte Schadenvolumen aufzeigen.
 
InsurTech-Konferenz will Möglichkeiten der Digitalisierung diskutieren
Am 24. Oktober findet im Kosmos in Zürich im Rahmen der Finance 2.0-Konferenzen die InsurTech '17-Konferenz statt. Rino Borini, CEO des Organisators Financialmedia: "Neue digitale Technologien haben eine starke Auswirkung auf das Versicherungsgeschäft. Auf der einen Seite bilden sie die Basis für den Markteintritt von neuen Anbietern und für neue Geschäftsmodelle. Auf der anderen Seite schaffen sie in vielen Bereichen auch neue Möglichkeiten für die etablierten Versicherer, die diese nutzen und integrieren können. An der Konferenz wollen wir einige der neuen Möglichkeiten aufzeigen und die Diskussion zwischen den Akteuren fördern." (Christoph Jaggi)
 
Interessenbindung: Inside-IT ist Medienpartner der Finance 2.0-Konferenzen, zu denen auch die InsurTech '17 gehört.