Weltes Welt: Viele Frösche im Wasser

Können hiesige Cloud-Services-Anbieter mit globalen Hyperscalern mithalten? Mit einem "me-too"-Ansatz kaum, so Kolumnist Beat Welte.
 
Zugegeben: Auch ich kann sie nicht mehr hören – all die Angstmacher und Wichtigtuer, die mit der lexikalischen Allzweckwaffe "Disruption" schon seit über zehn Jahren den unvermeidlichen Siegeszug der Cloud prophezeien. Und genau im "nicht mehr hören können" liegt die Gefahr: denn das Wasser wird tatsächlich immer wärmer – und viele IT-Unternehmen werden jämmerlich eingehen, wie der sprichwörtliche Frosch, der nicht merkt, dass das Wasser mittlerweile kocht.
 
Denn das Cloud-Wachstum war zwar in den letzten Jahren tatsächlich so gigantisch wie die Schlagzeilen – allerdings auf der Basis sehr kleiner Marktzahlen, so dass es im auf zwei Billionen Dollar geschätzten IT-Markt noch nicht so weh getan hat. Mit den grossen Cloud "Hyperscalern", insbesondere Amazon, Microsoft und Google, wird sich das in den nächsten Jahren dramatisch und fundamental ändern: Sie wachsen mittlerweile bis zu 30 Prozent jährlich und werden 2020 einen Umsatz von 200 Milliarden Dollar (also rund 10 Prozent des heutigen Gesamtmarktes) erreicht haben.
 
Das trifft die Anbieter von IT-Infrastruktur wie auch deren gesamtes Partner-Ökosystem zunehmend härter: Denn die Investitionen in die traditionelle Unternehmens-IT sinkt parallel dazu um zwei Prozent pro Jahr. Und die Hyperscaler taugen als Kunden wenig bis gar nichts: Entweder schustern sie ihre Infrastruktur mittels "white boxes" selbst zusammen, oder sie spielen ihre Preismacht so unbarmherzig aus, dass Anbieter schon mal öffentlich darüber spekulieren, aus dem Geschäft mit den Hyperscalers auszusteigen.
 
Zunehmend eng wird es auch für lokale Cloud-Services-Anbieter. Sie haben zwar den Trend zur Cloud erkannt, aber ihre Strategie bietet mittelfristig nur allzu oft keine wirkliche "unique selling proposition" – es ist ein "me-too"-Ansatz, teilweise gar auf den Produkten der Hyperscaler basierend: Azure, Windows-Desktop aus der Cloud, oder auch bloss Server, Speicher und Fileshare aus der Wolke – genau jene Dinge also, die Hyperscaler auch und sehr viel kostengünstiger (der Skaleneffekt lässt grüssen) anbieten könnten. Klar: Datenhaltung in der Schweiz, Kundennähe, Angebot spezifischer lokaler Applikationen und ein Helpdesk in Zürich-Affoltern statt Mumbai helfen momentan. Doch ob es langfristig genügt, wird sich spätestens zeigen, wenn die XaaS-Servicekosten eines Hyperscalers massiv günstiger sind als die lokalen Anbieter, die Datenhaltung ausserhalb der Schweiz mittels zertifizierter Verschlüsselungslösungen vom Regulator bewilligt wird oder sogar einer der grossen Hyperscaler ein Rechenzentrum in der Schweiz öffnet.
 
Gibt es kein "happy end" für all diese Frösche im heissen Wasser? Doch – denn das Bild vom Frosch, der nichts merkt, ist ohnehin "fake news". Der Frosch springt nämlich, und lokale Cloud-Anbieter können es zumindest versuchen.
 
Denn im Schatten der Grossen wird es immer Platz haben für unzählige Cloud-Nischenanbieter, die eine ganz spezifische Dienstleistung bieten, die die Grossen nicht anbieten können oder wollen. Nischenanbieter für die Cloud-Integration wie elastic.io, Actian oder Adaptris etwa sind gefragt. Indes dürfte der Sprung aus dem kochenden Wasser für viele traditionelle IT-Anbieter ziemlich gross sein – und nicht wenige werden auf der heissen Herdplatte landen und verbrutzeln. (Beat Welte)

Beat Welte war über 25 Jahre in führenden Positionen bei verschiedenen grossen und kleinen IT-Unternehmen tätig. Er arbeitet heute selbständig als Strategie- und Kommunikationsberater – und ist kritischer Beobachter der IT-Branche.