Up! Startups schmerzt das Kontingent-System besonders

Überdurch­schnitt­licher Bedarf an Spezialisten, fehlende Personal­abteilungen: Kolumnist Joachim Hagger führt aus, warum Startups vom Kontingentsystem mehrfach benachteiligt sind.
 
Vor ein paar Monaten hatten wir die Suche nach zwei neuen Mitarbeitenden gestartet, die unser Startup-Team erweitern sollen. Bei den Bewerbungen waren Personen aus Indien, UK, Serbien, USA, Deutschland, Italien, Frankreich, Polen und ein paar weiteren Ländern dabei, aber praktisch keine Schweizer. Ich hatte mir überlegt, wieso das so ist, kann aber über die Gründe nur spekulieren. Studien aus den USA zeigen, dass Immigranten in erster und zweiter Generation überdurchschnittlich unternehmerisch tätig sind. Sie seien unternehmerischer, weil sie durch ihre interkulturelle Exposition in der Lage seien, Geschäftsideen besser über Domänengrenzen hinweg zu bewerten und neue Angebote in einen neuen Kontext zu stellen – Fähigkeiten, die es ihnen ermöglichen, vielversprechende Geschäftsmöglichkeiten leichter zu identifizieren. Untersuchungen aus der Schweiz zeigen ein ähnliches Bild über das Unternehmertum von Immigranten und führen das darauf zurück, dass der Arbeitsmarkt der Einheimischen für sie schwieriger zugänglich sei. Immigranten seien auch eher bereit, Risiken einzugehen.
 
Das Kernteam unseres Startups besteht aus einem US-Amerikaner, einem Italiener und einem Schweizer, mir. Der Amerikaner, unser CTO, war ursprünglich mit einem Studentenvisum in die Schweiz gekommen, hat hier promoviert, erarbeitete sich verschiedene Auszeichnungen und war der Treiber für die Gründung unseres Startups. Er spricht sehr gut Deutsch, versteht problemlos Mundart, ist voll integriert, kennt die Schweizer Berge besser als die Mehrheit von uns allen, zahlt Steuern, Sozialabgaben und Krankenkasse.
 
Und trotzdem: Er hat noch immer eine Kurzaufenthaltsbewilligung L, die jährlich neu begründet und erneuert werden muss. Wir müssen Businesspläne einreichen, aufzeigen, dass wir erfolgreich sind und Arbeitsplätze schaffen. Wir müssen belegen, wieso es unsere Firma ohne ihn nicht gäbe und wieso wir ihn nicht durch jemanden aus der EU oder einem EFTA-Staat ersetzen können. Wir zahlen brav die für diesen Prozess notwendigen Gebühren – Geld und Energie, die wir lieber für den Aufbau unseres Geschäftes und als positiver Beitrag zur Wirtschaftsleistung unseres Landes investieren. Und wir leben in der ständigen Gefahr, dass wir die notwendigen Nachweise nicht mehr erbringen können, gerade weil bei einem Startup die Businesspläne noch etwas wackelig sind, Dinge sich vielleicht zwischendurch nicht so entwickeln, wie sie seinerzeit in Powerpoint-Slides optimistisch dargestellt wurden oder die Geschäftsentwicklung mehr Zeit benötigt. Dann müsste er plötzlich innert drei Monaten ausreisen. Der Weiterbestand unseres Startups würde damit gefährdet, Arbeitsplätze vernichtet, gute Steuerzahler und Garanten für unsere Sozialversicherungen fallen weg.
 
Heute kennen wir in der Schweiz das Kontingentsystem für Arbeitskräfte aus Drittstaaten. Diese sollten eigentlich für das ganze Jahr hinhalten, tun es aber ganz und gar nicht. Schon im Februar 2017 war das Kontingent in den Kantonen Basel-Stadt und Genf ausgeschöpft, im März auch im Kanton Zürich.
 
Als Folge der Zuwanderungsinitiative wurden die Kontingente 2015 gesenkt und vom Bundesrat für dieses und das nächste Jahr wieder moderat angehoben. Fakt ist: Startups sind vom Kontingentsystem mehrfach benachteiligt. Erstens sind Personalentscheide immer kurzfristig und dringend. Sie können es sich nicht leisten, schon zu Beginn des Jahres jemanden einzustellen, der erst in der zweiten Jahreshälfte tatsächlich gebraucht wird, noch vertragen sie einen Aufschub für den Personalausbau. Auch haben sie weder etablierte Personalabteilungen noch -prozesse, um das Kontingentsystem optimal zu ihren Gunsten zu nutzen und sind auch weniger professionell im Erstellen der Bewilligungsgesuche. Und drittens benötigen Startups überdurchschnittlich viele hoch qualifizierte Mitarbeitende, an denen es sowohl im Inland wie auch in EU/EFTA-Staaten mangelt.
 
Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger der Schweiz haben es in der Hand, die richtigen Entscheide zu fällen, wenn es um Einwanderungsfragen geht, wer hier arbeiten und neue Unternehmen aufbauen darf. Sie steuern, ob unsere Nachbarn in Europa weiterhin von einem freiheitlichen Freizügigkeitssystem profitieren und uns zusätzliches Wirtschaftswachstum bringen. Sie bestimmen, ob Studierende aus aller Welt, die an unseren Hochschulen ausgebildet werden, hier bleiben und arbeiten möchten, die auch ohne weitere Komplikationen tun können. Sie entscheiden, wie einfach oder schwierig Personen aus dem Ausland, die sich integrieren, hier ihre Existenz aufbauen und damit auch Jobs für viele andere schaffen, die schweizerische Staatsbürgerschaft erringen können und damit nachhaltig für die Schweiz erhalten bleiben. Unser Wohlstand profitiert wesentlich von solchen Personen. Unser CTO kann diese Weichenstellungen im politischen Prozess nicht mitbestimmen, das müssen wir Schweizer für ihn tun. (Joachim Hagger)
 
Über den Autor:
Joachim Hagger ist Mitgründer und Partner des Medtech-Startups 4Quant. Der ETH-Spinoff entwickelt Produkte für die Automatisierung der Diagnostik mit Bildanalyse und künstlicher Intelligenz. Ausserdem gehörte Hagger zu den Gründern des Zürcher Software-Hauses Netcetera. Er ist im Nebenamt Geschäftsführer der Swiss Mobile Association (smama).
 
Über die Kolumne "Up!"
In der monatlich erscheinenden Kolumne schreiben ab sofort Startup-Experten exklusiv für inside-it.ch. Als Autoren für diese Kolumne konnten wir den Startup- und Fintech-Experten Damir Bogdan, Dominik Grolimund, der sowohl Wuala wie Silp gegründet und verkauft hat, und eben Joachim Hagger gewinnen.