"Inländervorrang light": Wie das Matching-Tool des Seco funktioniert

Die Suchmaske von Job-Room, einem Matching-Tool des Seco (Screenshot)
Das Seco ist in der Kritik wegen seines Matching-Tools. Kann die IT-Lösung die MEI umsetzen? Inside-it.ch hat nachgehakt und kennt die Change Requests.
 
"Inländervorrang Light", "Stellenmeldepflicht" und die vorhandene, beziehungsweise nötige IT-Infrastruktur in den RAV: Es hagelte Interpellationen und Fragen von Parlamentariern, Stellungnahmen von Verbänden und Medienberichte dazu.
 
Alle Berichte drehen sich im Kern darum, welche IT-Lösung das Seco heute für das Matching von arbeitslosen Inländern und offenen Stellen hat. Diese wird benötigt, um die Masseneinwanderungs-Initiative (MEI) umzusetzen.
 
Was ist Matching eigentlich und wo sind die Möglichkeiten und Grenzen heute? Und wie soll es künftig funktionieren? Dazu äussert sich Seco-Projektleiter Mauro Tomeo exklusiv bei inside-it.ch.
 
Erste Erkenntnis: Es herrscht manchenorts eine Verwirrung zum Thema Matching. Konkret gibt es zwei IT-basierte Matching-Lösungen, um die es geht. Man dürfe diese nicht vermischen, so Tomeo im Gespräch.
 
Das erste System heisst AVAM und ist ein internes IT-System für die Arbeitslosenversicherung. Es beinhaltet seit 2009 Kandidaten-Dossiers ebenso wie offene Stellen. Die Haupt-User sind die RAVs.
 
AVAM aber hat Limiten. "Es wird den heutigen Anforderungen an ein Matching nicht gerecht", sagt Tomeo. "Zwar sind sämtliche erhobenen Berufsdaten und berufsspezifischen Fähigkeiten und Fachkenntnisse (Skills/Kompetenzen) der stellensuchenden Personen erfasst. Diese Skills/Kompetenzen der Stellensuchenden werden jedoch für das Matching im AVAM nicht miteinbezogen."
 
Schauen wir uns den Ist-Zustand der zweiten involvierten IT-Lösung an. Sie heisst Job-Room und ist eigenständig, denn sie ist öffentlich zugänglich: Sie wird von Stellensuchenden, Arbeitgebern und etwa 1500 privaten Arbeitsvermittlern genutzt. Unter anderem werden in Job Room etwa 80 Prozent der ausgeschriebenen Stellen vom Internet anzeigt.
 
Kommen wir zum Matching im Job-Room: Die Lösung verfügt über eine semantische Suche und vordefinierte Attribute, beispielsweise dem weiten Berufsfeld "Informatik/Ingenieure". Basis der Berufsbezeichnungen ist die Schweizer Berufsnomenklatur 2000 (SNB). Die Suche im Job-Room basiert auf den Daten, die im AVAM-Matching auch enthalten sind. Aber zusätzlich sind hier, und das ist natürlich bedeutsam, auch berufsspezifische Fähigkeiten und Fachkenntnisse such- und auffindbar.
 
Es ist ein Freitext-Feld und bei unserem Test finden sich aktuell unter dem Stichwort "Agile" 544 offene Stellen, vom Teamleiter Softwareentwicklung bis hin zum Requirements Engineer. "Auch bei der Kandidatensuche kann nach dem Stichwort gesucht werden, mit 91 Treffern. Man kann auch nach mehreren Stichwörtern suchen, etwa 'Agil' und 'Angular' (neun Treffer). Die bestehende Suchfunktion ist bereits sehr differenziert, nur wissen das die meisten nicht."
 
Das Matching ist in diesem Sinne mit Berufsbezeichnungen, Nomenklaturen und Skills im Freitext machbar.
 
Bei all den aktuellen Informatik-Berufen und der Titel-Vielfalt ist das Matching nicht völlig befriedigend, das weiss auch das Seco. Die eingesetzte allgemeine Schweizer Nomenklatur kennt nur die Lehrberufe und keine Stellentitel. "Es ist in der Tat so, dass wir aus unserem System nicht so einfach alle IT-Berufsbilder herausfiltern können. Diese sind zum Teil derart unterschiedlich, dass es eine Frage der Abgrenzung ist, was dazu gehört oder was nicht", so Seco-Mediensprecher Fabian Maienfisch. "Das stimmt momentan, allerdings wird es im Job-Room 2.0 möglich sein, etwa nach der Berufsgruppe 'Berufe der Informatik' zu suchen", und mit dieser Aussage kündigt Tomeo auch die Inbetriebnahme des neuen Job-Room 2.0 per Februar 2018 an. "Schon jetzt geht das im Prototyp. Mit der SBN funktioniert das durchaus."
 
Das Matching-Tool wird weiterentwickelt
Doch seit kurzem ist das Seco daran, das AVAM-Matching zu verbessern: "Das SECO hat in enger Abstimmung mit den Kantonen die Weiterentwicklung des AVAM-Matchings geprüft und ist zum Schluss gekommen, das bestehende AVAM-Matching mit der Suchfunktionalität nach berufsspezifischen Fähigkeiten und Fachkenntnissen (Skills) weiterzuentwickeln".
 
Dieser Quick-Fix wird von allen Seiten verlangt und begrüsst, in sechs Workshops wurden Fachleute, Arbeitgeberverbände, und RAVs einbezogen.
 
Aktuelles Zwischenfazit zum "Matching-Tool": "Grundsätzlich wurde der Nutzen der bestehenden Instrumente für die Umsetzung der Stellenmeldepflicht mit Fachspezialisten aus den RAV breit diskutiert. Diese erachten die bereits heute den öffentlichen Arbeitsvermittlungen zur Verfügung stehenden IT-Systeme mit den erhobenen Weiterentwicklungen als ausreichend für eine erfolgreiche Umsetzung der Stellenmeldepflicht (gemäss Vorschlag Bundesrat und Parlament)", sagt Tomeo.
 
Zentral ist bei der Freitext-Lösung natürlich, dass die Daten im AVAM auch in guter Qualität erfasst wurden und die RAV-Berater die Möglichkeiten lernen, mit fester Nomenklatur und freien Stellentiteln und Skills das Matching zu arbeiten.
 
In andern Worten: Auch dem Fünf-Tage-Vorsprung von arbeitslosen Inländern, sich um offene Jobs zu bewerben, steht aus IT-Sicht bald nichts mehr im Wege.
 
Der Entscheid zur Umsetzung dieses "Skills"-Change Requests ist vor kurzem gefallen und benötigt aktuell beim Seco beträchtliche Ressourcen für die Umsetzung noch im ersten Halbjahr 2018. Und 2018 ist vom Bundesrat als Launchdatum genannt worden. "Das Datum ist sportlich", sagt Tomeo, zeigt sich aber optimistisch.
 
"Das könnte eine grössere Kiste werden"
Und dann? Kommt beispielsweise ein automatisiertes Matching von Jobs und Profilen? Oder wird die Berufsnomenklatur beispielsweise für Informatikberufe neu angepasst? Bis auf weiteres hält das Seco an der aktuellen Schweizer Nomenklatur 2000 fest. Aus Sachzwängen, denn am AVAM- und Job-Room-System sind ja nicht Informatik-Berufsbezeichnungen zu berücksichtigen, sondern alle Berufe. Zudem basieren auch statistische Auswertungen auf der aktuellen Nomenklatur, beispielsweise die Arbeitslosenstatistik.
 
Bevor ein neues Tool kommt, so Tomeo, "müssen wir zuerst abklären, ob es überhaupt eine neue Lösung braucht oder ob wir die bisherige weiterentwickeln sollen."
 
Ein völlig neues Matching-System dürfte "eine grössere Kiste" werden, so Tomeos Prognose. "Und auch das beste Matchingtool kann die Kernaufgaben der Personalberatenden – insbesondere die persönliche Beratungstätigkeit – nicht ersetzen. Der persönliche Kontakt zwischen RAV-Beratenden und Arbeitgebern ist und bleibt ein erfolgskritischer Faktor zur Vermittlung von Stellensuchenden."
 
Soeben hat das Seco ein Projekt gestartet, das mit den Kantonen und Arbeitgebern prüfen soll, ob ein "erweitertes Matching-Tool" entwickelt werden soll oder nicht. Hier wird sich dann auch zeigen, welche ungedeckten Bedürfnisse effektiv existieren. "Gestützt auf diese Erhebungen werden danach die weiteren Arbeiten in Angriff genommen und allenfalls die Beschaffungsprozesse nach dem Bundesstandard ausgelöst werden."
 
Die Anbieter von Matching-Lösungen, und davon haben sich offenbar schon diverse beim Seco gemeldet, müssen sich gedulden. Ihre Lösungen werden noch nicht konkret begutachtet: "Die Bevorzugung eines einzelnen Anbieters wäre in einem Markt mit mehreren Anbietern beschaffungsrechtlich nicht erlaubt." (Marcel Gamma)
 
Hinweis in eigener Sache: ICT-Professionals können in unserer Jobplattform ictjobs.ch kostenlos ein sehr genaues Profil hinterlegen. Sie werden dann per Mail informiert, wenn eine passende Stelle ausgeschrieben wird.