Die Versicherungs­welt im Wandel

Anders Hvid, Mitgründer und CEO von Dare Disrupt.

 
An der InsurTech'17 traf die "alte" Versicherungswelt auf die "neue". inside-it.ch hat mit dem Anbieter einer Blockchain-basierten Versicherungsplattform gesprochen.
 
An der InsurTech'17 ging es gestern im Zürcher Kino Kosmos um die sich beschleunigende Veränderungen des Marktes. Die Kombination von sich ändernden Kundenbedürfnissen und -Präferenzen sowie dem technologischem Wandel bietet neue Möglichkeiten. Für die etablierten Versicherungen ist das eine Herausforderung. Ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit und Marktrelevanz lässt sich nur dann vermeiden, wenn Angebot und Organisation konsequent kundenzentrisch ausgerichtet sind und die organisatorische Effizienz verbessert wird. Informationstechnologien können dabei helfen.
 
Der Wandel und wie man damit umgeht
In der Keynote von Anders Hvid von Dare Disrupt ging es um die Problemstellung durch den Marktwandel und auf den organisatorischen Lösungsansatz. "Die Digitalisierung der Versicherungsbranche lässt sich nur schwer vom Zentrum der bestehenden Strukturen aus lösen. Um auch in Zukunft erfolgreich zu sein, müssen sich Versicherer an einen Markt anpassen, in dem Verfügbarkeit wichtiger wird als Eigentum und in dem Produkte dank Sensoren, Netzwerkverbindungen und Algorithmen änderbar und aktualisierbar werden".
 
Der Versicherungsmarkt sei hoch reguliert, was radikale oder disruptive Innovation erschwere. "Firmen lancieren neue Produktinitiativen vorzugsweise ausserhalb der Kernstrukturen der Organisation und in Zusammenarbeit mit dem Startup-Ökosystem, sagte Hvid.
 
Blockchain oder nicht?
Distributed Ledger Technologies kommen auch im Versicherungswesen vermehrt zum Einsatz. Sie bieten neue Möglichkeiten, sind aber nicht in allen Fällen die beste Grundlage für eine Lösung. Entsprechend auch die Einschätzung von Tom Sprenger, CTO von AdNovum: "Der Entscheid, ob besser eine Blockchain oder eine traditionelle Datenbank eingesetzt werden soll, ist nicht trivial und muss für den spezifischen Anwendungsfall jeweils sorgfältig geklärt werden. Dabei spielen die involvierten Parteien und deren Vertrauenskonstellation, Anwendungsanforderungen aber auch nicht-funktionale Aspekte wie Performanz eine Rolle. Generell kann aber gesagt werden, dass die Blockchain-Technologie insbesondere dann einen Mehrwert bietet, wenn ein verteiltes Ökosystem von Parteien ohne zentrale Vertrauensinstanz bedient werden soll."
 
Versicherungsmodell und Ausgestaltung
Die Ursprungsform einer Versicherung ist das Tragen des Risikos durch eine selbstorganisierte Risikogemeinschaft statt durch den Einzelnen. Dafür müssen sich Einzelne zu einer Gemeinschaft zusammenfinden. Das Risiko besteht sowohl aus den jährlich zu erwartenden Schadenkosten wie auch den Kapitalkosten zur Abdeckung für eine unerwartete Häufung. Die Prämien decken das Risiko ab.
 
Weil dezentrale Organisationmodelle nicht gut skalieren, findet man heute vorwiegend zentralisierte Organisationen. Für die Betreuung und Verwaltung einer grossen Anzahl Versicherter braucht es professionelle Strukturen, was zu zusätzlichen Verwaltungskosten führt. Dies sind Transaktionskosten, welche bei einer grossen Anzahl Versicherter und standardisierten Produkten gut skalierbar sind und von Mengeneffekten profitieren. Die vom Einzelnen zu zahlende Prämie besteht so aus dem Wert des Risikos und den Verwaltungskosten. Dies ist unabhängig von der verwendeten Technologieplattform.
 
Die drei Grundprobleme traditioneller Versicherungsverhältnisse
Im Verhältnis zwischen Versicherung und Kunde gibt es drei Grundprobleme. Das erste sind die Koordinationskosten. In einem Betrieb gibt es Leute, welche die eigentliche Arbeit machen und Leute, welche das Ganze koordinieren. Je grösser die Firma, desto grösser der Anteil der Koordination, da auch die Koordinatoren koordiniert werden müssen. Das erhöht die Kosten für den Kunden.
 
Das zweite Grundproblem findet sich in den inhärenten Interessenkonflikten. Das zeigt sich insbesondere bei der Schadenregulierung. Die Versicherung hat ein ökonomisches Interesse, Schadenskompensationen zu minimieren. Die Versicherung kontrolliert und bestimmt den ganzen Prozess der Schadensregulierung. Dabei helfen aber auch unabhängige Experten, die von den Versicherungen bezahlt werden.
 
Das dritte Problem liegt in der Informationsasymmetrie: Versicherungen sammeln Daten. Diese Daten werden in der Regel nicht geteilt, da sie einen Wettbewerbsvorteil bieten. Entscheidungen, die aufgrund dieser Daten gefällt werden sind undurchsichtig und nicht nachvollziehbar. Die fehlende Nachprüfbarkeit kann zu Ineffizienzen, unangemessenen Prämien und erhöhten Transaktionskosten für den Kunden führen. (cj)
 
Lesen Sie auf Seite zwei unser Interview mit Etherisc-Mitgründer Stephan Karpischek, der eine Blockchain-basierte Versicherung erklärt.

Stephan Karpischek, Mitgründer von Etherisc. Bild: Financialmedia

 
Im Gespräch mit inside-it.ch zeigt Etherisc-Mitgründer Stephan Karpischek ein konkretes Beispiel einer Blockchain-basierten Versicherung.

Mit einer Blockchain-basierten Versicherung lassen sich die Grundprobleme traditioneller Modelle verringern oder gar komplett lösen. Die Koordinationskosten können mittels Smart Contracts minimiert werden. Das mindert die Transaktionskosten und reduziert die Prämien. Die Vorgehensweise bei der Schadensregulierung ist im Smart Contract geregelt. Die Gestaltungsfreiheit des Versicherers ist reduziert. Wo eine externe Schadensfeststellung benötigt wird, steht den Versicherten eine Auswahl an versicherungsunabhängigen Experten für die Schadenbemessung und –regulierung zur Verfügung.
 
Deren Arbeit wird von den Versicherungsnehmern bewertet und kann eingesehen werden. Informationssymmetrie wird durch die Verfügbarkeit und Einsehbarkeit aller Fundamentaldaten gewährleistet. Auch die Entscheidungen, die auf diesen Fundamentaldaten basieren sind extern validierbar.
 
Etherisc: Eine Blockchain-basierte Versicherungsplattform
Etherisc entwickelt eine Blockchain-basierte Versicherungsplattform. Auf ihr lassen sich dezentrale Versicherungsapplikationen bauen, Kauf und Verkauf von Versicherungspolicen effizienter ausführen, die Betriebskosten senken und die Transparenz und Fairness von Versicherungspolicen erhöhen. Das Ziel sei eine Versicherungsplattform, die gleichzeitig hochautomatisiert, standardisiert, interoperabel, transparent und leicht nachprüfbar ist. Gleichzeitig soll sie die Basis für nachweisbar faire Angebote und Leistungen bilden. Erste Versicherungen, die auf dieser Plattform laufen, sind schon auf dem Markt. Mit der vollen Verfügbarkeit aller geplanten Funktionen ist in zwei Jahren zu rechnen.
 
Wie funktionieren Blockchain-basierte Versicherungen?
Biockchain-basierte Versicherungen sind etwas Neues, weshalb sich inside-it.ch mit Stephan Karpischek, Co-Founder von Etherisc, unterhielt:

inside-it.ch: Wie bietet Etherisc Versicherungen an?
Stephan Karpischek: Etherisc bietet als erstes Produkt eine Flugverspätungsversicherung an, die vollständig auf der öffentlichen Ethereum Blockchain läuft. Kunden können ihren Flug direkt im Web unter fdd.etherisc.com versichern lassen, und die Versicherungsprämie entweder in traditioneller Währung mit Kreditkarte oder direkt mit Kryptowährung bezahlen.
 
inside-it.ch: Was passiert in einem Schadensfall?
Stephan Karpischek: Die Abwicklung der Versicherung erfolgt vollständig automatisiert. Die Entscheidung über eine Auszahlung im Schadensfall erfolgt ausschliesslich nach vordefinierten Regeln aufgrund einer objektiven Datenquelle und unabhängig von Unternehmensinteressen. Derzeit arbeitet Etherisc mit Atlas, einer Versicherungsgesellschaft in Malta zusammen, um die regulatorischen Auflagen zu erfüllen. Eine eigene Versicherungsgesellschaft ist im Aufbau.

inside-it.ch: Welche Vorteile ergeben sich für Kunden? Welche Vorteile haben Smart Contracts bei der Schadensregulierung?
Stephan Karpischek: Die Kunden profitieren von automatisierten, transparenten Prozessen durch schnelle Abwicklung und nachweisbar faire Versicherungsbedingungen. Die Auszahlung im Schadensfall erfolgt unmittelbar und sofort nach Landung des Flugs. Die Versicherungsbedingungen sind direkt in einem Stück Software, dem Smart Contract definiert, und können nicht verändert werden.
 
inside-it.ch: Wie wird das Problem der Regulation gelöst?
Stephan Karpischek: Es gibt kein regulatorisches Problem. Die Versicherung wird mit einer lizensierten und regulierten Versicherungsgesellschaft abgeschlossen.

Zufriedenheit bei den Veranstaltern
Rino Borini, CEO des Organisator Financialmedia, zeigte sich über den Ausgang der Konferenz erfreut: Auch in diesem Jahr haben wir es geschafft, die 'alte Welt' mit der 'neuen Welt' zu verbinden. Die Finance 2.0 – InsurTech ist inzwischen der Dreh und Angelpunkt, wenn es um die digitale Transformation in der Versicherungsindustrie in der Schweiz geht. Die 'Makers & Shakers' aus Versicherungen, von Dienstleistern und der Startup-Community treffen sich bei uns und es entstehen meist interessante Partnerschaften." (cj)