Up: "Mind the Gap!"

Als Startup gibt es nur einen Grundsatz: "Grow and Grow fast!" Wenn man sich an diese Regel hält, sich nicht verzettelt oder zu früh abbiegt, dann kann man als Erfolg hoffentlich auch einmal ein "SOLD"-Schild an das Logo hängen! Dazwischen gibt es verschiedene Gaps, welche es zu überbrücken gilt.
 
Ein untrügliches Zeichen der Maturität einer Industrie ist die Anzahl der unterschiedlichen Dienstleistungsanbieter. Gerade im Startup-Umfeld entstehen in rasendem Tempo neue Services und Begrifflichkeiten. Gab es früher eine klare Zuordnung Startup, Angel Investors, Venture Capitalists, Accelerators, Outposts und Corporates, so ist das Feld heute viel breiter. Fast jedes grosse Unternehmen innoviert heute mit Startup Garagen, Bootcamps, Hackatons, Tribes, Teilnahmen an Acceleratoren-Programmen und mehr. Es gibt inzwischen sogar Startups, welche darauf fokussiert sind, anderen Startups bei der Gründung zu helfen. Die Zahl neuartiger Anbieter, welche versucht, rund um das Startup-Thema mitzumischen und ihr Geld bei den grossen Unternehmen abzuholen, wird immer grösser. Lässt sich jetzt das Startup auf diese Verlockungen ein, geht der wichtigste Grundsatz verloren: "GROW AND GROW FAST!".
 
Woran teilnehmen?
Während der Euphorie der Gründungsphase gibt es für alle nur ein Ziel: die Realisation der Idee, der Bau des Minimum Viable Products (MVP), die Gewinnung des ersten Kunden. Diese Wachstumsphase braucht keine Führung. Die Entscheidungswege sind kurz, Entscheidungen werden während des Bezugs des Startup-Rohstoffs Espresso 'around the coffee-machine' getroffen.
 
Mit den ersten erfolgreichen MVP und Kunden schaut man sich um und sieht unzählige Opportunitäten. Einladungen zur Teilnahme an Accelerator-Programmen mit Geld-Zuschüssen, die Möglichkeit der Präsentation der Ideen an Grossfirmen-Veranstaltungen, die Teilnahme an Innovations-Tribes und vieles mehr. Profiteure sind hier jedoch meist die Anbieter.
 
Dabei sollte es bei den Startups nicht um Entscheidungen der Teilnahmen, sondern um Produkt und Wachstum gehen.
 
Triple "I" versus "ABC"
Die Zusammenarbeit von Startups mit Unternehmen ist wichtig. Für beide Seiten können Vorteile daraus entstehen. Unternehmen bringen Authorisation, Brand und Customers in die Beziehung ein (das "ABC"), Startup Insights, Intelligent Technology und Innovation (das Triple "I"). Die Zusammenarbeit mag für das Startup vordergründig verlockend sein. Aber es kann sich auch verlieren. Nur wenn Unternehmen Agilität, Risikobereitschaft und Mut zu Neuem in die Partnerschaft einbringen, kann dies gelingen. Schafft es das nicht, so tut sich wiederum ein grosser Gap zwischen dem Startup und dem künftigem Wachstum auf. Auch hier gilt nur eines: Speed, Speed & Speed!
 
Die Gefahr der fliessenden Grenzen
Die jungen, wilden Disruptionsjahre der Startups sind schon länger vorbei. Fintegration, die Zusammenarbeit von Fintech-Startups mit Finanzinstituten ist gang und gäbe. Kaum ein Institut, welches in den vergangenen 18 Monaten nicht die Nähe zu Startups gesucht und gefunden hat. Wie oben erwähnt, haben gerade die Banken unter dem Begriff 'Authorisation' die Lizenz
zum Geschäften und den Zugang zu den regulatorischen Erfordernissen. Die Fintegration zwingt aber die Kreativität, das freie Denken, die Try- & Error-Methoden dieser Jungen Wilden in fixe Bahnen, in Geschäftsprozesse, in Vorgaben und Methodiken.
 
Wer hier nicht aufpasst, kann wiederum den Fokus des eigentlichen Wachstums aus den Augen verlieren und zwischen Start und Exit verschwinden – plötzlich hängt ein Firmenbatch eines Finanzinstituts am Gürtel desjenigen Instituts, das man eigentlich disrumpieren wollte. Die Abgrenzung zwischen Startups und Unternehmen und deren unterschiedlichen Zielsetzungen, darf nie aus den Augen verloren werden.
 
Exklusivität
Das alte Credo geschlossener Türen in der Entwicklung hat sich überholt. In der heutigen Zeit verändert sich während eines Entwicklungszyklus so viel, dass die Idee des vor einem Jahr gestarteten Projektes bis zur Einführung schon wieder veraltet ist. Nur der ständige, offene Austausch auf dem Markt hilft, ein Produkt zu entwickeln, welches von einer breiten Masse akzeptiert wird. Von einem Startup, dass ein Angebot eines Unternehmens nach alten Denkmustern erhält, wird dann sogleich ein NDA (Non Disclosure Agreement) und Exklusivität verlangt.
 
Und wieder steht der Gründer vor der Entscheidung, auf einen auf den ersten Blick lukrativ scheinenden Deal einzugehen und somit allenfalls falsch abzubiegen. Denn wenn sein Produkt tatsächlich so attraktiv ist, dass ein Unternehmen es exklusiv für sich einsetzen möchte, scheint es einen guten Markt hierfür zu geben. Also auch hier: Mind the Gap! Nicht zu früh falsche Entscheide fällen, welche zur Lähmung künftigen Wachstums führen. Exklusivität ist nur in ganz wenigen Fällen nicht nur für das Unternehmen, sondern auch für das Startup von Vorteil.
 
Mind the Gap
Ein Startup-Unternehmer darf in diesem Umfeld sein langfristiges Ziel nicht aus den Augen verlieren und muss den kurzfristigen Verlockungen widerstehen. In dieser Zwischenphase zwischen Gründungs-Enthusiasmus und globaler Skalierung ist das 'Tal des Todes'. Nur wer grossräumig denkt und entsprechend grosse Schritte unternimmt, schafft es dieses Tal zu übersteigen. Einer, der es geschafft hat ist Patrick Barnert, CEO von Qumram. Er sagte mir im Oktober im Silicon Valley: "Wenn du auf eine Wand zufährst kannst du nur Vollgas geben. Wenn du Glück hast, bist du schnell genug und brichst durch. Wenn nicht, war es auch gut...". An seinem Startup hängt jetzt das Schild: "SOLD". Gratulation an das ganze Team mit Matthias Wegmüller und allen anderen! (Damir Bogdan)
 
Über den Autor:
Damir Bogdan, Gründer von Actvide, berät Unternehmen zu Digitalisierung und Innovation. Er ist sowohl in der Schweiz als auch im Silicon Valley aktiv und betreut Fintech-Startups. Zuvor war er lange Zeit CIO und Head of Operations bei Raiffeisen. Als Mitglied der Geschäftsleitung der Bankengruppe war er für die Modernisierung der IT und die Implementierung einer Standard-Core-Banking-Plattform verantwortlich.
 
Über die Kolumne "Up!"
In der monatlich erscheinenden Kolumne schreiben Startup-Experten exklusiv für inside-it.ch. Als Autoren für diese Kolumne konnten wir Dominik Grolimund, Joachim Hagger und eben den Startup- und Fintech-Experten Damir Bogdan gewinnen.