Findet ICT-Verbandspräsident Programmier-Unterricht absurd?

"Dass Kinder in der Primarschule Quellcode schreiben, finde ich absurd" sagt Marcel Dobler, Digitec-Gründer und Nationalrat in der 'Schweiz am Wochenende'. Interessant und verblüffend, diese Aussage, denn Dobler ist auch Verbandspräsident von ICTswitzerland.
 
Was meint er konkret? Die Aussage sei aus dem Zusammenhang gerissen. "Mit dem Lehrplan 21 kann ich sehr gut leben", sagt Dobler auf Anfrage, "ich habe keine Differenzen zum Lehrplan 21 und auch nicht zum Verband." Quellcode schreiben, beziehungsweise Programmieren, sei ein Anwendungsfall von Informatik, nicht mehr und nicht weniger. "Man muss Programmieren nicht übergewichten", so Dobler.
 
Primarschüler müssten nicht primär Programmieren lernen, sondern Informatik in der ganzen Breite kennenlernen, dies umfasse beispielsweise zu verstehen, was ist eine Cloud, was ist ein Prozessor, was heisst Verschlüsseln. Dies seien weitere wichtige Anwendungsfälle.
 
"Informatik gehört in die Primarschule und in die Lehre", sagt Dobler, "aber nicht mit einem Schwerpunkt Programmieren." Nicht jeder müsse dies beherrschen. "Müssen Coiffeure wirklich Quellcode schreiben? Nein", wird er in der 'Schweiz am Wochenende' zitiert. Was muss ein Coiffeur denn können? Er müsse beispielsweise mit Tools umgehen können, die man für Websites brauche und anderes Basiswissen erhalten. "Meine Meinung ist, dass in einer Lehre beispielsweise jeder Excel und Word erklärt bekommt. Ist eine Excel-Funktion oder das Bilden einer Summe programmieren? Was unsere Gesellschaft verändern wird, ist der Aufklärungsunterricht oder das Fach Informatik oder Technologie generell. Und nicht das Programmieren."
 
Jean-Marc Hensch, Geschäftsleiter des Verbands Swico, sagt: "Ein Kind muss nicht unbedingt Quellcode schreiben lernen, es muss aber begreifen, was ein Algorithmus ist, es muss altersgerecht ins algorithmische Denken eingeführt werden."
 
"Informatik ist in Bezug auf den Arbeitsalltag inzwischen zu einer essenziellen Erweiterung der Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen geworden", so Alain Gut, Präsident der Kommission Bildung von ICTswitzerland kürzlich in einem Fachartikel.
 
Etwas weiter geht Matthias Kaiserswerth, Direktor der Hasler Stiftung, die unter anderem viele Informatik-Projekte finanziell fördert, die sich an Schulen richten. Die Stiftung trat zudem soeben ICT-Berufsbildung bei. Programmieren sollen auch Primarschüler lernen, so Kaiserswerth. "Wir lernen schreiben, auch wenn nicht jeder Journalist wird", sagt er. Könne man programmieren, so begreife man, dass und wie man einem Computer etwas beibringen könne. Programmieren sei ein Grundkonzept, dass jeder Mensch lernen müsse, unabhängig vom Beruf, den er später ergreife, ebenso wie Rechnen und Schreiben.
 
Mit Kaiserswerth einig geht Juraj Hromkovic, Informatikprofessor an der ETH Zürich, der entsprechende Kurse entwickelt und gibt. Er wünscht sich aber ein richtiges Fach Programmieren. "Ich reduziere Informatik nie auf das Programmieren", sagt er der 'Berner Zeitung'. "Programmiersprachen sind aber nötig dafür, mit dem Computer zu kommunizieren. Erst damit kann man ihm sagen, was er tun soll. Er kann dann gewisse Arbeiten für uns erledigen. Das ist der eigentliche Zweck des Programmierens."
 
"Der Lehrplan 21 sieht nicht vor, dass Programmieren ein Schwerpunkt ist", hält Dobler fest und das sei auch richtig so. "Dies ist die Position von ICTswitzerland und sie bleibt auch so", ergänzt Alain Gut auf Anfrage.
 
"Dass Informatik im Lehrplan 21 steht, reicht nicht", so Jean-Marc Hensch. Der Verbandsmann erinnert daran, dass nun Pädagogische Hochschulen und Universitäten Lehrkräfte ausbilden müssen. Da gäbe es noch viel zu tun. Und Kaiserswerth bedauert es, dass der Lehrplan 21 je nach Kanton sehr unterschiedlich umgesetzt werden wird. Eine Harmonisierung wäre wünschenswert, ebenso die Standardisierung der Qualität der Lehrerausbildung. (Marcel Gamma)