Alle reden von Multi-Cloud - aber nicht Amazon

Andy Jassy an der Keynote in Las Vegas. Foto: Harald Weiss
Amazons Cloud-Business AWS feierte sich an der Kundenkonferenz Re:Invent in Las Vegas selbst. Inside-it.ch war dort und nutzte die Gelegenheit zu einem Hintergrundgespräch mit Jim Fanning.
 
Vorige Woche stieg AWS mit seiner diesjährigen Kunden-Veranstaltung Re:Invent erneut für ein paar Tage aus seiner Erfolgswolke auf die Erde hinab. Ganz Las Vegas war von den 43'000 Teilnehmern sowie von den vielen AWS-Mitarbeitern und den häufig mitgereisten Partnern in Beschlag genommen. Es gab 1300 Vorträge, die sich auf das Convention-Center und drei der grössten Hotels verteilten. Damit demonstrierte das Unternehmen auch im allgemeinen Stadtbild, dass man die Nummer eins unter den Cloud-Providern ist. AWS-Chef Andy Jassy eröffnete dann auch das Event mit einem kurzen, aber deutlichen Hinweis darauf, dass die Konkurrenz weit abgeschlagen ist. "Wir haben Millionen an Kunden und verfügen über einen Marktanteil von 44,1 Prozent. Basierend auf dem Ergebnis des dritten Quartals erreichen wir einen Jahresumsatz von 18 Milliarden Dollar, das entspricht einem Plus von 42 Prozent gegenüber dem Vorjahr", verkündete er stolz zu Beginn seiner Keynote. Dabei nutzte er noch konservative Zahlen, denn laut Synergy Research beträgt der AWS-Marktanteil 45 Prozent und Gartner meint sogar, dass es 47,1 Prozent seien. Das ist ein deutlicher Abstand zu Microsofts Azure-Plattform, die mit zehn Prozent den zweiten Platz belegt. Zum Vergleich: Die drei grössten AWS-Verfolger Azure, Google und IBM haben zusammen weniger Marktanteil als AWS.
 
Gigantische Werte auch bei den Kunden
Aus den Millionen an Kunden wählte Amazon zwei aus, die ihre AWS-Nutzung auf der Keynote-Bühne vorstellen durften. Einer davon war Expedia, der derzeit seine gesamte IT-Infrastruktur in die AWS-Cloud verschiebt. Das zugehörige Mengengerüst ist beachtlich: 750 Millionen Suchanfragen und neun Milliarden Angebotsänderungen pro Tag sowie 14'000 Milliarden automatische Übersetzungen in 40 Sprachen pro Jahr. Der zweite Kunde war die weltweit besonders erfolgreiche Investmentbank Goldman Sachs, die nahezu ihre gesamte IT auf AWS umgestellt hat. "Wir sind wahrlich ein digitales Unternehmen", sagte deren IT-Chef Roy Joseph. So seien ein Viertel der Mitarbeiter Ingenieure, die rund 7'000 Anwendungen betreuen, die auf 200'000 Cloud-Servern mit 1,2 Millionen Compute-Cores laufen.
 
AWS-Schweiz: Erfolg bei Grossen und bei Kleinen
Auch in der Schweiz ist man erfolgreich und inzwischen mit zwei Niederlassungen vertreten. Country-Manager ist Jim Fanning, der von Zürich aus zusätzlich auch für Zentral- und Osteuropa verantwortlich ist. "Die Schweiz ist ein ganz wichtiger Markt für uns, weil es hier eine Reihe an weltweit führenden Konzernen gibt", sagte er in einem Gespräch mit inside-it.ch. Diese Grossunternehmen aus den Bereichen Pharma, Lebensmittel, Finanzen und Chemie haben eine globale Leadfunktion. "Wenn sich ein solches Unternehmen für eine Cloud-Nutzung entscheidet, hat das weltweite Auswirkungen", so Fanning weiter. Sein Vorzeige-Kunde ist Novartis. "Da kommt es schon mal vor, dass die für eine neunstündige Analyse 87'000 Compute-Kerne benötigen, erläutert er den Grund, warum Cloud-Computing nicht nur der Ersatz des eigenen Rechenzentrums ist, sondern darüber hinaus neue IT-Nutzungen und neue Geschäftsmodelle ermöglicht.
 
Nicht nur bei den Grossen ist Amazon in der Schweiz erfolgreich. Auch der mittelständische Schweizer Sportgeräte-Hersteller und -Distributor Scott Sport SA, mit Sitz in Givisiez nutzt intensiv die AWS-Plattform. Hier hat man bereits vor sechs Jahren begonnen, den gesamten Online-Shop darauf anzulegen. "Einer der Hauptgründe war die Einfachheit, mit der sich ein
Viele viele Cloud-Services. Foto: Harald Weiss
solcher E-Commerce-Shop bei Amazon einrichten lässt", sagt Steve Murith, der für die Cloudnutzung verantwortlich ist. Obwohl es sich bei Scott um ein mittelständisches Unternehmen handelt, kann auch er auf stolze Zahlen verweisen. "Black-Friday hatten wir 2000 Bestellungen und am Cyber-Monday waren es immerhin noch 1400", berichtete er voller Stolz. Durchschnittlich gehen etwa 50 Anfragen pro Sekunde ein und es werden pro Tag rund 12'000 Pageviews abgerufen. Die AWS-Plattform ist bei Scott Teil einer Hybrid-Cloud deren Kernstück SAP Hana ist. "Auf Dauer wollen wir mehr aus dem eigenen Rechenzentrum auf die AWS-Plattform verlagern", sagt er über seine Zukunftspläne. Als Cloud-Provider soll auch weiterhin nur AWS zum Einsatz kommen. "Multi-Cloud ist für uns kein Thema, denn wir wollen alles so einfach wie möglich haben", gibt Murith als Begründung an.
 
3952 neue Features in fünf Jahren
Das Thema Multi-Cloud hat auch nach Einschätzung von Jim Fanning keine grosse Bedeutung in der Schweiz. "Hybrid ist ganz klar der Normalfall, aber Multi-Cloud ist selten", sagt er über seine Kunden und begründet das damit, dass die Funktionsumfänge bei den einzelnen Providern sehr unterschiedlich seien. Dieses ist in der Tat ein wichtiges Argument für die AWS-Cloud. Laut Amazon-CTO Werner Vogels habe man in den letzten fünf Jahren 3952 Neuheiten oder Verbesserungen herausgebracht, allein in diesem Jahr sollen es rund 1300 gewesen sein. "Wir sind das beste Beispiel dafür, wie man DevOps erfolgreich implementieren kann", lobte Vogels sich und das Unternehmen in seiner Keynote.
 
Neuer Schwerpunkt im Bereich KI
Bei so vielen Neuheiten waren natürlich auch die Keynotes von Jassy und Vogels mit Ankündigungen übersät. Einen besonderen Schwerpunkt bildete dabei die Künstliche Intelligenz (KI). Hier baut Amazon eine Art "KI-as-a-Service" auf. Das Kernprodukt heisst SageMaker und es soll den Software-Entwicklern, die erst wenige Erfahrungen mit Machine-Learning (ML) haben, eine Plattform bieten, auf der sie ML-Anwendungen entwickeln, trainieren und in die Produktionsumgebung überführen können. Jassy verglich die Entwicklung von ML-Anwendungen mit dem Einkaufen bei Amazon: Alles ist nur noch "ein Klick" – Mit einem Klick den Algorithmus auswählen, ein weiterer Klick für das Training der Anwendung und ein letzter fürs Deployment.
 
Webshop und AWS wachsen zusammen
Basierend auf Alexa soll die Verbindung von Amazons Online-Shop mit AWS zukünftig wesentlich enger werden. "Sprache ist das zukünftige Interface von Mensch und Maschine. Maus und Tastatur waren nötig, weil die Maschinen nichts anderes verstanden, doch es ist nicht sinnvoll den Mensch an die Maschine anzupassen, sondern es muss umgekehrt erfolgen: Die Maschine muss sich dem Menschen anpassen", meinte Vogels über diese neue Entwicklung. Hierzu kündigte er "Alexa für Business" an. Damit lassen sich Videokonferenzen auf Kommando einrichten, oder Standard-Abfragen am Desktop erledigen. Als Beispiele nannte er Börsenabfragen, Termine sowie die Verfügbarkeitsprüfung von Konferenzräumen oder Kollegen. Zur Sprachverarbeitung gehören dann auch automatische Übersetzungen, Speech-to-Text und Sentiment-Analysen von unstrukturierten Texten. Von der Sprache zum Bild ist der Weg nicht weit und folglich ist man jetzt auch auf diesem Gebiet sehr aktiv. Im Mittelpunkt steht die smarte Video-Kamera "DeepLens", die über eine integrierte Deep-Learning-Funktion verfügt. Damit kann man sie auf das Erkennen von bestimmten Bildmuster trainieren. In Jassys Keynote wurde das mit dem Cover von Musikalben demonstriert, die mit einer Genauigkeit von 98 Prozent erkannt wurden. Ergänzend dazu gibt es eine Bild- und Video-Interpretation als Batch- oder in Echtzeit-Verarbeitung.
 
Jassy: Oracles Zeit ist abgelaufen
Schliesslich musste Andy Jassy noch einen Seitenhieb auf Oracle austeilen, nachdem Larry Ellison auf der jüngsten OracleWorld massiv gegen Amazon geschossen hatte. "Die Zeit proprietärer Systeme und den 'One-Size-Fits-All' Datenbanken ist endgültig abgelaufen. Hunderte Anwender arbeiten tagtäglich daran auf die AWS-Datenbanken umzustellen", sagte er über Oracles-Datenbank. (Harald Weiss aus Las Vegas)
 
Ergänzung vom 6.12.2017: AWS bat uns um folgenden Hinweis: "Expedia und Goldman Sachs waren zwei von drei Kundenpräsentationen."