Bloss keine Angst!

Roland Siegwart ist Professor für autonome Systeme an der ETH. (Bildquelle: ETH Zürich / Giulia Marthaler)
ETH-Professor Roland Siegwart wünscht sich eine realistische Diskussion, was Digitalisierung in den nächsten Jahren zu leisten vermag und was nicht. Dies helfe, Ängste abzubauen.
 
Wo steht die Digitalisierung in zehn Jahren? Eine äusserst schwierige Frage. Wenn es um die Zukunft der Digitalisierung geht, vermischen sich realistische Ideen und utopische Vorstellungen mit Ängsten und Hoffnungen. Ich finde, es ist höchste Zeit, etwas Struktur in die Diskussion zu bringen, und wage einen Versuch.
 
Digital all überall
Die Digitalisierung durchdringt schon weite Teile unseres Lebens. Gemeint ist damit, dass Daten effizienter und sicherer analysiert, miteinander vernetzt und überall auf mobilen Geräten genutzt werden können. Niemand mag mehr auf die Vorteile von Google Maps oder des elektronischen SBB-Fahrplans verzichten.
 
Diese Art der Digitalisierung wird voranschreiten und das Leben von Menschen weiter erleichtern – einfach, weil die Menschen das wollen und die Technologie hier immer neue Lösungen liefern kann. Wenn wir in zehn Jahren keine langweiligen Formulare mehr ausfüllen müssen und sicher per E-Voting abstimmen können, dann bin ich der Letzte, der etwas dagegen hat.
 
Was kann die künstliche Intelligenz?
Des Weiteren gibt es die hitzige Debatte um die künstliche Intelligenz (KI) und selbstlernende Systeme. In der Tat, KI zeigt immer eindrücklichere Fähigkeiten: Vor einem Jahr haben beispielsweise Google's DeepMind Algorithmen den weltbesten Spieler im sehr komplexen Brettspiel Go besiegt. Deep Learning kann einen optimalen Output (wie die Identifikation von Krebsgewebe) auf der Basis eines entsprechenden Inputs (viele Bilder von Krebsgewebe) generieren. Darin sind Computer besser als wir Menschen, weil sie viel schneller auf grosse Datenmengen zugreifen und sie verarbeiten können.
 
Meiner Meinung nach gehen aber einige KI-Experten, und vor allem Nicht-Experten, zu weit, wenn sie die Errungenschaften der KI übermässig preisen und falsche Erwartungen wecken. Heutige KI-Systeme sind sehr eingeschränkt in ihren Fähigkeiten und nur auf strukturierbare Probleme anwendbar. Zurzeit kenne ich kein KI-Programm, das in der Lage ist, die Komplexität unserer realen Umgebung nur ansatzweise zu verstehen oder völlig neue Ideen zu entwickeln. Wir werden sehen, was in zehn Jahren möglich ist und was eben nicht.
 
Der Traum vom autonomen Fahren
"Werden wir in ein paar Jahren autonome Fahrzeuge auf den Strassen haben?" – eine Frage, die mir oft gestellt wird und die ich mit einem beherzten "Jein" beantworten kann. Technologisch ist es heute möglich, dass ein Auto selbständig auf der Autobahn fährt oder im Parkhaus einen Parkplatz findet. Aber Autos werden noch lange nicht in der Lage sein, bei Stossverkehr korrekt ums Central im Zentrum von Zürich zu kurven. Warum?
 
Autobahnen und Parkhäuser sind sehr strukturierte Umgebungen, die spezifisch für Autos gebaut wurden. Ein autonomes Fahrzeug muss deshalb nur eine beschränkte Anzahl von Objekten und Situationen zuverlässig erkennen. Im Gegensatz dazu trifft ein autonomes Fahrzeug am Central in Zürich auf eine schier unbegrenzte Zahl von Herausforderungen: Fussgänger, Velofahrer, Hunde, Trams, Zeichen anderer Verkehrsteilnehmer und vieles mehr, das es zuverlässig interpretieren müsste. Auch die neusten Versuche und Erfolge können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Weg zu selbstfahrenden Autos, die überall herumfahren können, noch lang ist.
 
Roboter verstehen ihre Umwelt noch nicht
Kurz zusammengefasst: Trotz der sehr umfangreichen Forschungsanstrengungen in der KI und der Robotik, sind Roboter in den letzten Jahrzehnten noch immer nicht "intelligent" geworden. Im Gegensatz zur Daten-Analyse und strategischen Spielen benötigen autonome Roboter ein menschenähnliches Verständnis ihrer Umgebung. Robotik ist mehr als nur gute KI-Algorithmen: es geht um multi-modale Wahrnehmung, um zuverlässige Entscheidungen basierend auf Teilinformationen, um präzise Interaktion mit einer komplexen und dynamischen Umwelt. Davon sind wir noch weit entfernt.
 
Übertriebene Prognosen
Wenn also Prognosen vorhersagen, dass Roboter in den nächsten 10 oder 20 Jahren den Menschen vielerorts ersetzen werden, dann halte ich das für übertrieben und lächerlich. Wie viele Roboter haben Sie schon getroffen, die Ihnen die Haare schneiden, Ihre Waschmaschine reparieren oder in Ihrem Bad die neuen Plättli verlegen?
 
Ich sehe vielmehr Folgendes: Die Digitalisierung, KI – und im speziellen Roboter – werden uns in kleinen Schritten ermöglichen, gewisse Aufgaben effizienter und zuverlässiger auszuführen. Sie werden aber in den nächsten Jahrzehnten sicher nicht gleich kreativ und interaktiv wie Menschen sein. Es gibt daher keinen Grund, Angst zu haben, dass Roboter all unsere Jobs oder sogar die Weltherrschaft übernehmen werden.
 
Wir sollten daher die KI- und Robotik-Technologie zwar kritisch beobachten, aber ihre Möglichkeiten nutzen, damit sie gefährliche Jobs übernehmen, unsere Strassen sicherer und die Landwirtschaft effizienter und nachhaltiger machen. Sinnvoll eingesetzt, können KI und Robotik unsere Welt zu einer besseren Welt für alle machen. (Prof. Roland Siegwart, Zukunftsblog der ETH Zürich)