Weltes Welt: Das Verdikt von Mitarbeiter 17

Es ist David-gegen-Goliath: Arista gegen Cisco. Goliath strauchelt und ein Cisco-Guru applaudiert auch noch, konstatiert Kolumnist Beat Welte.
 
Zugegeben – es ist eine der ältesten Geschichten in der IT-Industrie: Alter, behäbiger Branchenprimus wird von kleinem, hungrigen Neuankömmling mit bahnbrechender neuer Technologie und abtrünningen Managern überholt. Und trotzdem verfolgen wir solche David-gegen-Goliath-Geschichten immer wieder gerne, vor allem wenn sie gewürzt sind mit persönlichen Fehden, juristischen Auseinandersetzungen, desertierenden Stammkunden – und einer Frau in der Besetzung des David.
 
Die Rede ist von Arista, der Nummer Zehn der eben veröffentlichten Fortune-Rangliste 2017 der am schnellsten wachsenden Unternehmen. 2004 mit dem Geld des Silicon-Valley-Turbos Andy Bechtolsheim gegründet, dümpelte das Unternehmen ein paar Jahre vor sich hin. Bis es 2008 bei Cisco zum grossen Eklat kam: Jayshree Ullal, bis anhin für das Brot-und-Butter-Geschäft beim damals unangefochtenen Branchenprimus zuständig, überwarf sich mit dem langjährigen Cisco-Chef John Chambers. Schnell übernahm sie das Ruder beim Winzling und setzte dem Goliath in der Folge mächtig zu. Vielleicht war es falscher Stolz, der dazu führte, dass Cisco fahrlässig unterliess, was sonst üblich war: nämlich den kleinen Konkurrenten kaufen.
 
Was für David die Schleuder, war für Arista ein neues Konzept: Bei Software Defined Networking wird, salopp gesagt, die Hard- und Software im Netzwerk entkoppelt. Und diese Entkoppelung lässt die Preise im bis anhin margenträchtigen Geschäft mit Routern und Switches purzeln, was Arista lautstark propagiert: Auf Slide 11 des letzten Quartalsberichtes vergleicht es den Preis eines "traditionellen" (sprich: Cisco) 100G-Routers mit dem eigenen Produkt: Ein Delta von 97'000 Dollar pro Port spricht eine deutliche Sprache.
 
Und das hat Folgen: Die Kundengewinne von Arista lesen sich wie das Who-is-who insbesondere der IT-Branche, selbst langjährige Cisco-Kunden wie Microsoft wenden sich dem Neuen zu. Der Marktanteil der strauchelnden Gigantin, in den allerbesten Zeiten bei monopolverdächtigen 80 Prozent und mehr, ist stark gesunken, während Arista munter mit über 50 Prozent wächst.
 
John Chambers tat, was Firmenchefs in solchen Fällen meistens tun: Erstens eine "brutale, brutale Konsolidierung in der Branche" vorhersagen (und dabei auf die Konkurrenz zeigen), zweitens den ungeliebten Herausforderer verklagen (was der beste Garant für den Erfolg des Verklagten ist), und schliesslich 2015 als CEO abtreten – noch rechtzeitig, um nicht den schrumpfenden Umsatz seit nunmehr acht Quartalen erklären zu müssen.
 
Am meisten schmerzen dürfte den vormaligen "Sonnenkönig" Chambers aber, dass sich nun auch Terry Eger gegen die strauchelnde Netzwerk-Königin wendet. Denn den kennt er gut: Eger war nicht nur einer der allersten Cisco-Mitarbeiter mit Badge-Nummer 17 und erster Verkaufschef, sondern auch justament jener Manager, der später John Chambers anheuern sollte. In seinen Kommentaren auf 'Seekingalpha' zerzaust er Cisco nach Strich und Faden und schreibt am 16. November 2017: "The last five plus years they have lost their way and while I agree with Robbins (der neue CEO, die Redaktion) strategy, the implementation has been poor at best." Autsch.
 
Einziger Trost für Cisco: Die Behäbigkeit der Netzwerk-Königin ist heute so fundamental und nachhaltig erschüttert, dass die Notwendigkeit zur Neuerfindung auch für alle Business-Unit-Regenten und veränderungsresistenten internen Kleingeister offensichtlich ist. Eine Chance für den Nachfolger des Sonnenkönigs. (Beat Welte)
 
Beat Welte war über 25 Jahre in führenden Positionen bei verschiedenen grossen und kleinen IT-Unternehmen tätig. Er arbeitet heute selbständig als Strategie- und Kommunikationsberater – und ist kritischer Beobachter der IT-Branche. Für 'inside-it.ch' und 'inside-channels.ch' kommentiert er monatlich tiefgreifende Marktveränderungen, bedeutsame Trends und Ankündigungen.