Schweizer Banken richten Digita­lisierungs­strategie aus

Diese Geschäfte werden laut Befragten vom Strukturwandel am meisten betroffen sein. Grafik: EY
Die Digitalisierung ist im Bankensektor angekommen und verändert Strategien und Geschäftsprozesse, sagen die Berater von EY. Cybersecurity ist das Thema der Stunde.
 
Das Beratungshaus EY hat heute in Zürich die neuste Ausgabe seines jährlichen Bankenbarometers präsentiert. Wenig erstaunlich spielen die Digitalisierung und die damit verbundenen Veränderungen eine wichtige Rolle. Die Befragung von GL-Mitgliedern von 100 Schweizer Banken sowie den Schweizer Einheiten von CS und UBS haben zudem zu Tage gefördert, dass Cybersecurity das Thema Nummer eins ist.
 
Investitionen und Innovation in einem positiven Umfeld
Generell sehen die befragten Institute – Negativzinsen und Margendruck zum Trotz – im Vergleich zum letzten Jahr positiv in die Zukunft: 82 Prozent gaben an, die operativen Ergebnisse in den letzten Monaten gesteigert zu haben und genauso viele erwarten eine weitere Steigerung im laufenden Jahr. Die Banken hätten eine relativ hohe Widerstandsfähigkeit entwickelt und würden eine Verbesserung in den ökonomischen und regulatorischen Rahmenbedingungen erwarten, begründet Patrick Schwaller, Managing Partner Audit Financial Services von EY, die Einschätzung in den Führungsetagen.
 
Darum verschiebt sich auch der strategische Fokus der Banken. In den letzten Jahren hätten sie sich mit der Umsetzung von neuen Regulierungsvorschriften beschäftigt und sich insbesondere auf Kosten und Margenentwicklung konzentriert. Heute herrscht laut EY hingegen beinahe so etwas wie Aufbruchstimmung: Bei 47 Prozent der Institute sind Innovation und Wachstum in den Fokus gerückt. Zentral ist hierbei natürlich die Digitalisierung. Insbesondere Investitionen in neue Vertriebskanäle, Technologien und digitale Thinktanks sowie die Zusammenarbeit mit Nicht-Banken – etwa Fintechs – wurden genannt. Auch habe man mittlerweile einen Weg gefunden, mit letzteren umzugehen, so Schwaller. Statt von ihnen bedroht zu werden, übernehme man sie im Fall der Fälle einfach.
 
Der Aufwand für IT steigt
Die neue Situation widerspiegelt sich laut Studie auch in den Auslagen: Während der Personalaufwand seit dem Jahr 2000 um rund acht Prozent gewachsen sei, habe sich der Sachaufwand um 49 Prozent gesteigert. Insbesondere die Auslagen in der IT würden hier zu Buche schlagen, sagt Schwaller vor der Presse.
 
Diese Investitionen erklären möglicherweise auch, warum rund 67 Prozent der Institute ihre IT als "fit" für die Zukunft erachten. "Wir sind ein wenig erstaunt über das sehr positive Bild und freuen uns auf die Antworten im nächsten Jahr", so Olaf Toepfer, Leiter Banking & Capital Markets bei EY in der Schweiz.
 
Digitale Assistenten liegen im Trend… aber nicht an der Front
Überhaupt scheint die Digitalisierung spätestens dieses Jahr im Bankenbereich angekommen zu sein. Über die Hälfte der befragten Institute rechnen mit fundamentalen Auswirkungen auf Strategie, Geschäftsmodelle und Geschäftsprozesse. Im Vorjahr hatte erst ein Viertel der Befragten mit so grundsätzlichen
In welchem Bereich sollen künftig digitale Assistenten eingesetzt werden? Grafik: EY
Veränderungen gerechnet, während die Mehrheit die Digitalisierung als Ergänzung – etwa als zusätzlichen Vertriebskanal – betrachtet hatte. "Aus der Einschätzung der Banken lässt sich ablesen, dass die Digitalisierung längst nicht mehr nur ein Trend ist, sondern eine zunehmende Realität", erklärt Toepfer.
 
Die grosse Mehrheit von 75 Prozent will in Zukunft digitale Assistenten einsetzen. Insbesondere im Bereich Analyse und Entscheide, wie auch im Middle- und Backoffice sollen die Lösungen zum Einsatz kommen. Hierzu müsse es aber zunächst weitere Fortschritte in der Standardisierung und Industrialisierung von Geschäftsprozessen geben, so Toepfer. An der Kunden-Front will man die "Roboter" allerdings nicht, nur fünf Prozent der Befragten planen einen solchen Einsatz. Die Banken würden aber zwei Faktoren unterschätzen. Zum einen die Effizienz automatisierter Kontrolle etwa bei der Compliance sowie den Einsatz an der Front bei der Unterstützung von Kundenberatern.
 
Am stärksten vom Strukturwandel sei der Zahlungsverkehr betroffen, sagte über die Hälfte der befragten Führungskräfte. Dahinter folgt der letztjährige Spitzenreiter Anlageberatung, in dem noch 20 Prozent die stärksten Veränderungen vermuten. Diese Verschiebung beruhe darauf, dass heute verschiedene Zahlungssysteme Realität seien, so Schwaller. Aber sie sei auch auf kurzfristige Informationen aus den Medien zurückzuführen, ergänzt ihn Toepfer.
 
Wichtigstes Fokusthema ist die Cybersicherheit. Zwar werde dieses von Bank zu Bank unterschiedlich angegangen, aber es sei klar das Thema Nummer eins in den nächsten sechs bis zwölf Monaten. Dabei spiele die Sicherheit des Instituts wie auch der Kunden eine Rolle, erklärt Toepfer auch Nachfrage. Man sei mittlerweile von der reinen Abwehr dazu übergangen Schadensbegrenzung und Neutralisierung in den Fokus zu nehmen. Hier wie überall scheint sich das Resilienz-Paradigma durchzusetzen.
 
Widersprüchliche Einschätzung des disruptiven Potentials
Der Einschätzung der Veränderungen steht aber eine gewisse Skepsis in der Frage des Strukturwandels, also einer nachhaltigen Veränderung der Wertschöpfungskette, gegenüber. Während letztes Jahr noch 87 Prozent von einem fundamentalen Strukturwandel ausgingen, waren es dieses Jahr noch 73 Prozente. Auf Grund der guten Geschäftsentwicklung würden viele Institute die Strukturveränderungen vorsichtiger einschätzen, zudem beruhten die Annahmen auf komplexen Fragestellungen, interpretiert Toepfer den Widerspruch. Es gebe in diesem Bereich einfach viel Unsicherheit, auch wenn man den Hype hinausrechnen würde, so Schwaller.
 
Dies widerspiegelt sich auch in der Einschätzung der Technologien, die "eine Bedrohung für etablierte Finanzinstitute" darstellen. Hier zeigt sich ein relativ ausgeglichenes Bild. Die Befragten nannten als wichtigste Phänomene Blockchain (28 Prozent), mobile Zahlungssysteme (22 Prozent) und Peer-to-Peer-Lending (19 Prozent). (Thomas Schwendener)