DSI Insights: So macht uns die Smart City nicht dumm

Sara Irina Fabrikant, Professorin an der Uni Zürich, reflektiert Ängste vor Technologie und Konzernen.
 
So sieht Zukunft aus: Der "Taxibot" holt Sie von der Haustüre ab und fährt Sie ins Theater. Unter der Strasse zirkulieren Müllroboter und transportieren Ihren Abfall ab. Für eilige Lieferungen sind Drohnen zuständig. Ihr Smartphone leitet Sie sicher durch alle Quartiere und schlägt Ihnen vor, welches Restaurant am besten zu Ihrer Stimmung passt. Zu Hause sind die Gerätschaften für ihre alltäglichen Annehmlichkeiten selbstverständlich vernetzt und regeln Lichteinfall, Temperatur sowie Hintergrundmusik passend zu ihren jeweiligen Launen. Was will man mehr?
 
Ein solches Konzept eines "intelligenten Quartiers" hat vor wenigen Wochen die Alphabet-Tochter Sidewalk Labs präsentiert. Diese Konzernsparte will sogenannte "Smart Cities" (intelligente Städte) schaffen, in denen Digitalisierung das Leben prägt und angenehmer machen soll. Vergangenen Oktober hat die vor gut zwei Jahren gegründete Gesellschaft ihr bislang ehrgeizigstes Projekt angekündigt: Sie will im kanadischen Toronto mit Quayside einen ganz neuen Stadtbezirk schaffen, der durch und durch digitalisiert ist; Autos sollen dabei weitgehend Platz machen, denn weniger als 20 Prozent der künftigen Bewohner von Quayside sollen ein eigenes Auto haben dürfen.
 
Über dieses und ähnliche Projekte ist schon viel geschrieben worden. Unklar ist beispielsweise, was genau Sidewalk Labs mit diesem Stadtbezirk für ein Geschäftsmodell verfolgt. Alphabet – der Mutterkonzern von Google – verdient sein Geld vor allem mit dem Verkauf von Werbung, die durch die Auswertung von Daten personalisiert wird. Ein derart digital aufgerüstetes Viertel in Toronto wird Sidewalk Labs eine Fülle von Daten liefern, und das wirft die Frage auf, was mit diesen Daten geschieht und inwiefern sie kommerziell verwertet werden könnten. Andere fürchten, dass digitalisierte Städte diese anfällig für Havarien, aber auch für Angriffe von Hackern und Terroristen machen. Dazu kommt die Sorge, dass smarte Planung und Betrieb von Städten Probleme ignorieren könnten, die sich technisch nicht lösen lassen – wie etwa Armut und soziale Ausgrenzung.
 
Hier soll aber eine andere Frage im Fokus stehen: Ein alter Witz besagt, dass ein Navi der erste Schritt zum betreuten Wohnen sei. Der renommierte US-Soziologe Richard Sennett warnte einst davor, dass Menschen verlernen könnten, mündige Stadtbürger zu sein, wenn ihnen die Technik zu viel an Aufgaben abnehme. Oder zugespitzt: müssen wir uns davor fürchten, immer dümmer zu werden, wenn die Städte immer intelligenter werden?
 
Diese Frage ist nicht von der Hand zu weisen. Die technologische Erweiterung der Handlungsmacht des Menschen führt oft dazu, dass sich das Kompetenzspektrum des Individuums verändert: der Mensch verliert die Fähigkeiten, die für die direkte Lösung des Problems relevant sind und gewinnt dafür die Fähigkeit, das technische Gerät zu bedienen, das nun das Problem löst. So werden wir zwar besser darin, die zahlreichen technischen Apps zur Orientierung im Raum zu bedienen, können uns aber ohne diese selbst nicht mehr orientieren, so die Befürchtung. Die tieferliegende Besorgnis ist dabei, dass wir immer weniger verstehen, was es überhaupt bedeutet, sich im Raum zu orientieren, wenn wir es selbst mit unserem Körper nicht mehr tun und die zahlreichen damit verbundenen Sinnesmodalitäten auf die visuelle Wahrnehmung eines Bildschirms reduziert werden. Der Ersatz von einer Fähigkeit mit einer anderen wäre dann viel tiefgreifender und käme tatsächlich einer Verdummung gleich.
 
Ist diese Angst berechtigt? Was wäre, wenn ein smarter digitaler Assistent nicht nur dem Menschen Aufgaben abnähme, sondern sie oder ihn gleichzeitig – auch ohne es zu merken – trainieren würde, sich in diesen Aufgaben stetig zu verbessern? Smarte digitale Navigationssysteme der Zukunft werden auf die Diversität der Nutzer und Nutzerinnen eingehen können. Diese digitalen Assistenten werden merken, wenn Menschen gestresst sind, unaufmerksam, in Eile, und entsprechend die Information dynamisch, dem Nutzungskontext und der menschlichen Wahrnehmung angepasst, aufbereiten können. Zentral dabei wird sein, eine optimale Balance zu finden zwischen Systemunterstützung und Autonomie des Menschen, der dann wieder eingreifen kann, wenn das System ausfallen sollte.
 
Diese Überlegungen zeigen: eine Smart City muss uns als Individuen nicht notwendigerweise dümmer machen, wenn wir die Technologie so ausgestalten, dass unsere ursprünglichen Fähigkeiten erhalten bleiben und vielleicht sogar mittels digitaler Assistenten besser trainiert werden. Allerdings bleibt auch dann ein Element einer möglichen Entmündigung erhalten: Je mehr Städte intelligente Infrastrukturen von Konzernen betreiben lassen, umso mehr geraten Aufgaben der öffentlichen Verwaltung in private Hände, warnt beispielsweise der Stadtplaner Anthony Townsend von der New York University. So müssen wir uns auch als Gemeinschaft unsere politische Autonomie als Bürgerinnen und Bürger erhalten, damit die "Smart City" weiterhin unsere Stadt sein wird. (Sara Irina Fabrikant)
 
Sara Irina Fabrikant ist Professorin am Geografischen Institut der Universität Zürich und Mitglied des Direktoriums der UZH Digital Society Initiative.
 
Zu dieser Kolumne: Unter "DSI Insights" äussern sich regelmässig Forscherinnen und Forscher der "Digital Society Initiative" (DSI) der Universität Zürich. Die DSI fördert die kritische, interdisziplinäre Reflexion und Innovation bezüglich aller Aspekte der Digitalisierung von Wissenschaft und Gesellschaft.