Im Reisswolf: Das dumme Sor-Tier

Wie sollen Auswahllisten sortiert werden? Und wie nicht? Kolumnist Peter Wolf hat sich umgeschaut und fährt zum Schluss Lift.
 
Das Sor-Tier kann ein selten dämliches Vieh sein. Vor allem, wenn es gedankenlos falsch eingesetzt wird. Sortieren sollte ja beim Suchen helfen. Und nicht beim Fluchen.
 
Es gibt ja verschiedene Methoden, eine Auswahl übersichtlich anzuordnen: Das neueste Element zuoberst unterstützt kurzfristig orientiertes Arbeiten. Dateien nach ihrer Grösse zu sortieren kommt Leuten entgegen, die sich nur mit wirklich wichtigen Projekten auseinandersetzen wollen (oder dringend mal die Festplatte freischaufeln müssen). Und dann gibt es noch Sortierungen, die vom Prinzip her Sinn machen und solche, die wenig Nutzen stiften. Das Adressbuch beispielsweise sortiert man sich am ehesten alphabetisch – und selbst hier gibt es Verfechter der Sortierung nach Vornamen versus derjenigen nach Nachnamen. Manchmal würde es Sinn machen, es chronologisch nach Erfassungszeitpunkt anordnen zu können, damit man jenen Kontakt von diesem Kongress im vorletzten Frühling wiederfinden könnte. Nur für wenige Anwender ergibt jedoch eine Aufreihung nach dem Kriterium der Schuhgrösse irgendwelchen Sinn.
 
Und doch gibt es in der freien Wildbahn ähnlich blöde Beispiele:
 
Das Sortieren nach Grösse (z.B. dem Füllstand eines bestimmten Fotoalbums) ist genau dann nicht zielführend, wenn man mal rasch ein neues Album anlegt, um mit den darin abgelegten Bildern etwas zu machen (eine Collage oder ein Fotobuch) und die App dann die Dutzenden von Alben nicht nach Datum sortiert, also das soeben zwecks Arbeitsvorbereitung erstellte zuoberst anzeigt, sondern nach Grösse sortiert, was bedeutet, dass es irgendwo unten ist, aber eben nicht ganz zuunterst, weil man sicher noch einige Alben hat, in denen noch weniger Bilder liegen. Ein Beispiel für solche verquere Denkweise ist die iOS-App "KyCalc", mit der sich Bilder verschlüsselt verstecken lassen.
 
Ein weiterer Klassiker ist die umgekehrte chronologische Anordnung: Die an sich gute Fotomosaik-App "Diptic" sortiert in der Auswahl die Alben nach Aufnahmedatum, aber leider falsch herum: das neueste ist zuunterst. Was ja selten erwünscht ist, möchte man doch in aller Regel mit den gerade geschossenen Bildern etwas anstellen. Auch die gesamte Bildauswahl wird umgekehrt chronologisch sortiert – immerhin fährt "Diptic" gleich von sich aus ans Ende der Bilder-Liste (was es bei der Alben-Liste aber nicht tut).
 
Und dann gibt es noch die automatische Sortierung, gegen die man sich nicht wehren kann: LALALAB.-Fotodruck ist eine App, mit der man Fotobücher erstellen kann. Zum Beispiel von einer Reise. Dummerweise beginnt das Buch dann mit der Heimkehr und endet mit der Abreise, weil die App die selektierten Bilder automatisch chronologisch anordnet. Was sich bei E-Mails als nützlich erweist, ist es hier nicht: Man möchte nicht das Neueste zuerst sehen. Möchte man also ein Fotobuch in der richtigen zeitlichen Abfolge erstellen, muss man jede Seite einzeln umplatzieren. Falls man also nicht gerade einen Manga erstellen will, macht einem die App mehr Arbeit, als sie abnimmt. Der Lalalab-Support reagierte übrigens erstaunt auf mein Ansinnen, ein Fotobuch in der zeitlich richtigen Abfolge erstellen zu wollen.
 
Länder alphabetisch sortieren wird oft praktiziert und ist praktisch (so bleibt auch Schweiz oder Switzerland am mehr oder weniger selben Ort), ausser man macht es wie der "LINE"-Messenger und stellt seine "Hauptländer" an den Anfang der Liste, wo man sie auch anwählen muss, denn weiter unten in der alphabetischen Auflistung erscheinen sie dann gar nicht mehr. Eine "Arbeitserleichterung" also, die zusätzliche Arbeit macht, wenn man Kontakte aus den folgenden "Hauptländern" hinzufügen will, die in der folgenden mehrheitlich alphabetisch sortierten Reihenfolge erscheinen und mehr als eine Bildschirmseite füllen: Japan, China, Hong Kong, Indonesien, Republic of Korea, Malaysia, Mexico, Saudi-Arabien, Singapur, Spanien, etc.. "AliExpress" macht es übrigens richtig, indem am Listenkopf "Beliebte Länder" stehen, diese aber auch in der alphabetischen Liste noch einmal auftauchen.
 
Und dann kann man auch noch eine pseudosinnvolle Sortierung von Einträgen erstellen, die überhaupt keinen Nutzen bringt. So kürt ein Schweizer Marketingportal jeden Monat einen Kopf desselben, portraitiert ihn und stellt die früheren Portraits in einem Archiv zur Verfügung. Leider sind dort nur die Monate aufgelistet (immerhin schön chronologisch sortiert), nicht aber die Namen. Man muss also auf gut Glück jeden Link anklicken und die Liste abklappern und selber schauen, ob man auf jemanden stösst, den man kennt und/oder interessant findet.
 
Dies habe ich den Seitenbetreibern auch mitgeteilt: "Eure Rubrik 'Kopf des Monats' ist ja lesenswert, wie ich soeben feststellen durfte. Wenig sinnvoll jedoch ist das 'Kopf des Monats-Archiv' arrangiert (Hier finden Sie alle bisherigen Köpfe: Juni 2013, August 2013, September 2013 etc. ). Mich interessiert ja nicht, wer im Dezember vor zwei Jahren Kopf des Monats war, sondern der Kopf. Eine Auflistung mit Namen würde also mehr Sinn machen. Freundliche Grüsse, Peter Wolf"
 
Einen Tag später bekam ich folgende Antwort: "Guten Tag Herr Wolf. Vielen Dank für Ihr Feedback. Wir werden dies Intern besprechen und die für uns beste Lösung umsetzen. Wir sind immer dankbar für Verbesserungsvorschläge. Eine gute Woche wünscht marketing.ch"
 
Sehr schön. Folgenden Kommentar konnte ich mir jedoch nicht verkneifen: "Danke. Interessant übrigens, dass eine marketingorientierte Organisation die für sich beste Option wählt und nicht die für den Kunden optimalste… "
 
Die professionelle Retourkutsche lautete dann: "Die für uns beste Option beinhaltet verschieden Kriterien wie auch unter anderem, welche die beste Option für unsere Kunden ist."
 
Die beste Lösung für das Marketingportal und seine Kunden besteht dann übrigens, wie ein Augenschein über einen Monat später belegt: im Beibehalten der bisherigen Darreichungsform.
 
Ich warte ja bloss darauf, dass ich mal einen Lift antreffe, bei dem die Tasten für die Stockwerke alphabetisch sortiert sind:
  • Achter
  • Dritter
  • Erster
  • Fünfter
  • Neunter
  • Sechster
  • Siebter
  • Vierter
  • Zehnter
  • Zweiter
Peter Wolf (52) beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Technik. Zuerst eher mechanisch durch Aufschrauben und Nachschauen, später vermehrt auch mit elektronischen Produkten und mit Services. Seit 1985 war er immer wieder mal bei Ringier beschäftigt, zuletzt als Trend Scout und Social Media Evangelist. Heute arbeitet er als Research Analyst bei e-foresight im Swisscom-Geschäftsbereich Banking und als Kolumnist und App-Tester für diverse Publikationen – unter anderem für inside-it.ch.