EFK warnt bei teurem ASTRA-Projekt vor fehlender Strategie

Seit 2010 läuft ein ASTRA-Projekt, bei dem die Kosten explodierten. Die Finanzkontrolle warnt erneut. Und das ASTRA erklärt inside-it.ch exklusiv den Projektstand.
 
2010 sollte es acht Millionen Franken kosten, 2012 wurden es dann 32,6 Millionen Franken. Zwischendurch wurde Einsparungspotential von 6,5 Millionen Franken angekündigt. Das ist alles Altpapier. Und der Go-Live musste im Laufe der Zeit von ursprünglich 2014 auf irgendwann zwischen 2018 und 2020 verschoben werden.
 
Die Rede ist von einem anfangs überschaubar wirkenden Projekt des Bundesamts für Strassen (ASTRA). Die Eidgenössische Finanzkommission EFK musste es nun aber bereits zum dritten Mal prüfen.
 
Wer die wechselvolle Geschichte kennt, dem seien nur die aktuell aufgelaufenen Kosten genannt: Bis Ende Juni 2017 wurden rund 48 Millionen Franken ausgegeben. "Die Gesamtkosten des Projektes (inklusive Betrieb und internen Kosten) sind bis Ende 2018 mit 73,6 Millionen Franken ausgewiesen", bilanziert die EFK.
 
Gelauncht ist für das Geld bis jetzt noch gar nichts, doch dazu später.
 
Worum geht's eigentlich beim Projekt mit dem vielsagenden Titel "Datenmanagement 2010 (Informationssystem Verkehrszulassung)"? Das ASTRA hat drei Systeme, nämlich MOFIS (Fahrzeugzulassung), FABER (Führerzulassung) und ADMAS (Administrativmassnahmen), in Betrieb. Das System MOFAD ist die Datendrehscheibe für die drei Systeme. Vieles stammt aus den 1980er Jahren, es gibt Doppelspurigkeiten in der Datenhaltung, beispielsweise ist dieselbe Person in verschiedenen Strassenverkehrs-Datensystemen gespeichert.
 
Natürlich würde man diese Systeme und Redundanzen gerne loswerden und ersetzen durch eine neue Software des Informationssystems Verkehrszulassung (IVZ).
 
Das ist offenbar nicht ganz so einfach, das mussten das ASTRA und der Lieferant Trivadis, unterstützt von e3 und AWK sowie später auch von CSP, im Laufe der Jahre herausfinden.
 
Trivadis? War da nicht etwas? Ja, die Firma ist seit Ende 2016 wieder an Bord. Dies nachdem das ASTRA die Zusammenarbeit mit Trivadis 2015 gestoppt hatte und gar über einen Gerichtstermin geraunt wurde. In einem ausführlichen Bericht wurde vom ASTRA vorgerechnet, dass es zeitlich und aus Gründen des Investitionsschutzes am besten sei, Trivadis eine Comeback-Chance zu geben.
 
Für weitere rund 7,1 Millionen Franken, so rechnete Trivadis, könne man die IVZ-Software fertigstellen. Daran ist man nun und inzwischen habe sich nach einer Reorganisation auch die Zusammenarbeit aus Sicht aller Beteiligten (ASTRA, BIT, Kantone, Trivadis) "deutlich verbessert".
 
Klappt der Go-Live diesmal?
Neben der besseren Zusammenarbeit hätten sich auch die Performancewerte auf den Systemen bundesseitig positiv entwickelt, so die EFK, die zur Absage des letzten Launchtermins stark beigetragen hatten. Aber Achtung, nur seitens Bund. Denn es gibt ja auch noch die Kantone mit ihren Ämtern, die eine wichtige Rolle spielen als Datenlieferanten, aber auch mit "sehr unterschiedlichen kantonalen Infrastrukturen".
 
Ganz abgesehen davon stehen die Beteiligten offensichtlich unter sehr hohem Druck, IVZ endlich zu launchen und dies erfolgreich.
 
Unter diesen Bedingungen kommen offenbar dann gewisse Dokumentationen wie eine Gesamtplanung und mehrere Teilkonzepte zu kurz, so dass die EFK von einer Prüfung absehen musste.

So lag im Sommer 2017, dem EFK-Prüfungstermin, noch kein vollständiges, aktualisiertes Go-Live-Konzept für einen Launch für Ostern 2018 vor. "Das ASTRA sieht sich zum Prüfungszeitpunkt planmässig unterwegs", zeigen sich die Projektverantwortlichen überzeugt.
 
Einen weiteren kritischen Erfolgsfaktor für den Launch sieht die EFK auch darin, dass bei allen Beteiligten permanent genügend Ressourcen verfügbar sind. Dem ASTRA war dies zum damaligen Zeitpunkt laut Bericht ebenfalls klar. Der Projektabschluss des "Teilprojekts 1" mit dem Titel "Fertigstellung & Einführung" sei Ende Juli 2018 beendet.
 
ASTRA präzisiert und konkretisiert den Projektstand
Wie sieht dies heute aus? "Gemäss aktueller Projektplanung ist die Einführung an Ostern 2018 vorgesehen, der formelle Projektabschluss per Ende Juli 2018", so ASTRA-Sprecher Benno Schmid auf Anfrage von inside-it.ch.
 
Auch sonst liege man im Plan: "Im Rahmen der Produktionsfreigabetests im Februar wird die Betriebsorganisation hochgefahren, um bis zum Einführungstermin die neuen Prozesse zu verifizieren. Mit der Inbetriebnahme von IVZ geht die Verantwortung an die Betriebsorganisation über, das Projektteam steht jedoch noch während rund drei Monaten zur Verfügung", so Schmid.
 
Wie steht es mit der Sicherheitskonformitätsprüfung (SKP) mit dem BIT, welche die EFK thematisiert: Wurde sie erfolgreich abgeschlossen? "Die Sicherheitskonformitätsprüfung wurde bereits einmal durchgeführt. Diese wird nochmals wiederholt, da die Produktionsumgebung neu aufgebaut sowie Architektur- und Konfigurationsanpassungen durchgeführt wurden. Diese Prüfung wird bis Ende Februar 2018 abgeschlossen."
 
Ist das IVZ dereinst auch gelauncht, so hat das ASTRA vor, es in einem weiteren, separaten Teilprojekt weiterzuentwickeln. Nachdem all die Jahre verstrichen sind, hat man diverse gesetzliche Änderungen nicht integrieren können. Und weil der "Freeze" nun schon Jahre dauert, muss erst eine Fallstudie zeigen was, wie, wann, wo. Wer ist schon mal klar: Trivadis erhält 2,1 Millionen Franken für dringende Massnahmen.
 
Weiterentwicklung ohne nationale Strategie?
Und dann? Für die Folgephase plante das ASTRA, mehr oder minder sofort die auf einer "serviceorientierten Architektur" (SOA) basierende nigelnagelneue IVZ-Lösung umzubauen und weiterzuentwickeln.
 
Ob dieser ASTRA-Plan sehr klug ist, dies bezweifelt die EFK mit Verweis auf externe Gutachten. Bevor man an der SOA Verbesserungen vornehme oder gar eine Alternative beschaffe, soll doch das ASTRA etwas völlig anderes tun: Sich nämlich mit den Kantonen – keine Statisten – zusammen zu setzen und die Prozesse und Aufgaben sauber zu strukturieren.

Die Befürchtung der EFK: Doppelspurigkeiten, Unklarheiten, Mehrkosten, wie sie in der föderalistischen Schweiz kürzlich der Prüfbericht zu IV-Rechnungen in krassem Ausmass aufgezeigt hat.
 
Erst wenn alle Player eine schweizweite Strategie samt Zielen und Massnahmen vorweisen könne, solle das ASTRA darüber nachdenken, die rund 80-Millionen-IVZ-Lösung umzubauen. Das ASTRA sieht das laut Prüfbericht ein: "Die Empfehlung wird umgesetzt", erste Grundlagen für eine Zusammenarbeit Bund-Kantone sollen ab Juni 2018 entstehen.
 
Frage ans ASTRA: Was ist seitens politischer Führung des UVEK seit der EFK-Prüfung konkret unternommen worden, damit Bund und Kantone gemeinsam die Aufgabenteilung und Prozesse klären können? Das ASTRA sagt: "Über Fragen an die UVEK-Führung kann das ASTRA keine Auskunft geben. Das ASTRA selber hat speziell für diese Aufgabenteilung den Fachausschuss Zulassungswesen gegründet. Über diesen Fachausschuss sowie auch über weitere Gremien (z.B. Vorstand der Vereinigung der Strassenverkehrsämter asa) ist das ASTRA ständig mit den Vertretern der Kantone und weiteren Stakeholdern im Austausch und behandelt hierbei die strategische Fragestellung zur Zusammenarbeit."
 
"Auf die redundante Datenhaltung angewiesen"
Wie plant das ASTRA, Doppelspurigkeiten mit den Kantonen zu vermeiden (Daten, Prozesse)? "Redundant sind heute die Daten in den Bereichen Motorfahrzeuge, Fahrzeugführer und Administrativ-Massnahmen, wobei das ASTRA die Informationen für die ganze Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein führt, die Kantone jeweils nur ihre eigenen Daten. Die heute geltenden Prozesse im Zulassungswesen (z.B. Abrechnung der Steuern, Aufgebot zu medizinischen Kontrollen usw.) sind auf die redundante Datenhaltung angewiesen. Dies gilt weiterhin nach Einführung von IVZ per Ostern 2018. Inwiefern diese aufgelöst werden kann/soll, wird im Rahmen der strategischen Diskussionen zwischen ASTRA und asa geklärt", so der ASTRA-Sprecher.
 
Optimalerweise, so der naive Laie, würde man sogar eine zentrale Lösung anstreben. Die EFK empfiehlt dies nicht explizit. Aber es schimmert die Hoffnung durch, dass es die Eidgenossenschaft bei diesem einst überschaubaren IT-Projekt – Identifikation eines Autobesitzers, Fahrausweis-Entzug oder Nummernschild-Management etcetera – doch noch klappt.
 
Irgendwann. Aber es könnten Gesetze anzupassen sein, aber man sollte Kantone an den Kosten beteiligen, aber … (Marcel Gamma)