Postfinance: "Big Bang" nach 7 Jahren und 150 Millionen Franken

Zum Erfolg verdammt – Postfinance führt bald das neue Kernbankensystem BaNCS von Tata Consultancy Services ein. inside-it.ch hat die Hintergründe recherchiert.
 
Es muss schon als sehr ungewöhnlich bezeichnet werden, wenn 63 Tage vor der Einführung einer neuen Software, das betroffen Unternehmen die Presse zu sich bestellt. Allen Beteiligten ist dann jedenfalls klar, dass es um sehr viel geht und auch kommunikativ ein möglicher Gau abgefedert werden muss. Es ist eine bedrohliche Situation wie beim sprichwörtlichen Pfeifen im Walde vor der diesmal Postfinance bei der Einführung der neuen Kernbankensoftware steht. Betroffen sind 4,8 Millionen Konten von 2,9 Millionen Kunden – 1,7 Millionen von ihnen sind E-Finance-Nutzer rund 3,2 Millionen Postfinance Cards.
 
Auch inside-it.ch war eingeladen, als diese Woche Postfinance über das Projekt zur Einführung des neuen Kernbankensystems BaNCS von Tata Consultancy Services (TCS) informierte.
 
Es handelt sich um die Ablösung des bisherigen Paranor-Kernbankensystems. Erstmals wurde Postfinance konkreter bei den Kosten. So stellte CEO Hansruedi Köng auf die Frage von inside-it.ch klar, dass der 2011 erstmals genannte, damals aber von Postfinance nicht kommentierte Preis von 50 Millionen Dollar sich mindestens verdreifache. Man bilanziere 150 Millionen Franken für die Ablösung der IT und werde diese Kosten ab 2018 über zehn Jahre hinweg abschreiben, so Köng. – Ein dreistelliger Millionenbetrag wurde erstmals 2013 in den Medien genannt, als bekannt wurde, dass sich das Projekt verteuerte.
 
Hinzu kommen jedoch noch Kosten für die in den letzten Jahren angefallen Arbeiten wie die Schulung der Mitarbeiter, die sich in den laufenden Rechnungen finden, aber nicht genau dem BaNCS-Projekt zugeordnet werden können, wie Köng sagte. Wie hoch dieser Betrag ausfalle, mochte der CEO allerdings nicht präzisieren. Auch hier handelt es sich aber nicht um Kleinigkeiten, denn allein 3200 von insgesamt rund 3850 Mitarbeitern werden seit letztem Dezember über 177 Lernmodule mit dem neuen System vertraut gemacht.
 
BaNCS hatte nichts mit den letzten Pannenserien zu tun
Wie gesagt, wird mit BaNCS das seit 1993 bestehende System, das mit Hilfe von Paranor entwickelt wurde, endgültig abgelöst. Beim Grosseinsatz am Ende des ersten Quartals dieses Jahres vom 29. März bis 2. April stehen 400 Mitarbeiter inklusive des CEO Hansruedi Köng im Einsatz, wie erklärt wurde. Es gehe darum rund zwei Drittel oder etwa 60 aller Applikation abzulösen. Die übrigen hätten nichts mit dem Kernbankensystem zu tun, führte CIO Markus Fuhrer aus. Man führe aber nicht nur BaNCS ein, sondern räume auch die Systemlandschaft auf. Insgesamt würden an dem langen Wochenende denn auch mehr als 1,2 Milliarden Datensätze migriert.
 
Zudem wurden auch die Vorarbeiten illustriert: 2013 habe man das Fondsgeschäft bereits auf BaNCS migriert und 2014 dann auch die Geldmarkt- und Devisengeschäfte sowie Kassenobligationen. 2015 kamen dann die Zahlungsformate ISO 20022 dazu, bevor Anfang 2016 das Testing des ersten Softwarepakets startete. Weitere Softwarepakete wurden dann Ende 2016 und im März 2017 getestet. Zudem habe man vor der Umstellung vier Generalproben mit BaNCS mit realen Kundendaten vorgesehen. Drei sind bereits abgeschlossen und sollen zur Zufriedenheit der Beteiligten abgelaufen sein, eine vierte steht in diesem Monat noch an. Zu bemerken ist, dass diese Migrations- und Testprojekte nichts mit der Pannenserie von Postfinance im letzten Jahr zu tun haben sollen, wie Fuhrer herausstrich.
 
Das 2011 gestartete, zeitlich verzögerte, ab 2013 von Accenture unterstützte und problemgeprüfte Projekt, das erst seit 2013 einigermassen im Plan läuft, muss im Gegensatz etwa zur sukzessiven Ablösung von Dialba durch Avaloq bei der Raiffeisen Bank auf einen Schlag umgesetzt sein. Wie Fuhrer erläuterte, laufen bei der Post alle Kunden auf einem System.

BaNCS von TCS liefert die nötige Performance
Das sei auch der Grund gewesen, warum der damalige Entscheid für eine sehr perfomante Plattform gefallen war und nach der Evaluation von 15 Lösungen eben nicht Avaloq, Finnova oder die zuletzt noch mit BaNCS im Rennen stehende Lösung von HP mit IBIS zum Zuge kam. TCS habe nachweisen können, dass die geforderten Leistungsansprüche erfüllt werden, unter anderem weil BaNCS bei der Bank of China und der State Bank of India im Einsatz sei, so Fuhrer am Montag. Allein die indische Bank verarbeite pro Jahr bis zu 22 Milliarden Transaktionen; bei der Postfinance sind es gut eine Milliarde pro Jahr. BaNCS verfüge zudem über eine offenen Architektur und moderne Komponenten, die gut in die IT-Landschaft von Postfinance zu integrieren sind, so Fuhrer weiter.
 
TCS und die Schweiz
Weltweit würden 1,7 Milliarden Konten über BaNCS abgewickelt stellte dann auch TCS-COO N. Ganapathy Subramaniam klar. Man erwirtschafte im Banking allein 20 Prozent des Konzernumsatzes. Und Heinz Gehri, TCS-Schweizchef betonte, dass hierzulande allein 15 Privatbanken das Kernbankensystem BaNCS im Einsatz haben. Auch mit UBS und Credit Suisse arbeite man zusammen, führte er aus. TCS sei seit 1985 in der Schweiz aktiv, habe hierzulande rund 65 Kunden wie etwa die SBB, wobei die Six Group zu den ersten Schweizer Kunden überhaupt zähle.

Das Postfinance-Projekt sei allerdings das grösste in der Schweiz, schob er nach. Und Gehri hielt auch nicht mit dem Anspruch zurück, zu den "Avaloqs" der Schweiz aufschliessen zu wollen. Derzeit würden im Konzern jedenfalls schon rund 5'000 Mitarbeiter für hiesige Kunden arbeiten und 500 von ihnen seien direkt in Zürich und Nyon stationiert. Am Postfinance-Hauptsitz in Bern seien heute 37 Mitarbeiter stationiert und 120 Mitarbeiter würden offshore für das Projekt arbeiten. (Volker Richert)