Die Debatte um das künftige sichere Daten­verbundnetz (Teil 2)

Kommerzielle Anbieter haben getestete dBBk-Systeme und wollen ins Milliarden-Geschäft mit kritischer Infrastruktur kommen.
 
Bei den in "Teil eins" dieses Artikels angesprochenen kommerziellen Anbietern im dBBk-Umfeld handelt es sich um Axpo WZ-Systems in Lupfig mit der BLUnet genannten Lösung und Swisscom mit dem Angebot Public-Safety-LTE.
 
Beide Systeme sind bereits getestet worden.
 
Nach eigenen Aussagen setzt Axpo WZ-Systems mit seinem Produkt auf das Netz von Sunrise, das mit über 95 Prozent Abdeckung der gesamten Schweizer Landesfläche und über 99,98 Prozent der Bevölkerung die höchste 4G-Abdeckung biete. Swisscom gibt hingegen an, mit seinem Netz heute 99 Prozent der Bevölkerung erreichen zu können. Beide stellen übrigens klar, dass sie die geforderte Härtung ermöglichen können.
 
So heisst es in Lupfig, die Härtung eines Netzes sei "im Endeffekt eine reine Fleiss- respektive Geldfrage“. Grundsätzlich könne das gesamte Netz analog zu Polycom schweizweit gehärtet werden, so der CEO Rainer Zürcher. Die Frage sei jedoch, ob dies sinnvoll und schlussendlich auch bezahlbar ist. Mit BLUnet verfolge man deshalb den Ansatz, das Netz bedarfsgesteuert zu härten. Also genau dort, wo Härtung tatsächlich benötigt wird. Das sind typischerweise die Städte mit ihren Agglomerationen, wichtige Verkehrsachsen oder auch wichtige Grenzabschnitte, so Axpo WZ-Systems-CEO Zürcher.
 
Er begrüsst übrigens ausdrücklich, dass das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) Alternativen anstrebt. Das sei "richtig und kann im Sinne aller Beteiligten nur begrüsst werden", hält er fest. Denn für die BORS-Bedürfnisse (Behörden und Organisationen für Rettung und Sicherheit) brauche es "kein eigens dediziertes BORS-Netz mit proprietären Technologien und mit eigenen BORS-Frequenzen", betont Zürcher. Vielmehr seien sämtliche technischen Möglichkeiten zu prüfen und unter den Gesichtspunkten Nutzen und Wirtschaftlichkeit zu würdigen.
 
Die Priorisierung ist ein erster wichtiger Baustein, um den BORS bei Überlastsituationen die benötigten Ressourcen zur Verfügung stellen zu können. Der zweite wichtige Baustein ist die Härtung des Netzes, so dass die BORS auch im Fall des Blackouts das mobile Datennetz nutzen können. Der dritte Baustein wäre, wie auch vom BABS vorgeschlagen, die zusätzlich für die BORS reservierten Frequenzressourcen, (2x3 und 2x5 MHz), in das Konzept einzubinden.
 
Und genau deshalb habe man von Anfang an "das Konzept und die Systemarchitektur von BLUnet" dafür ausgelegt, Priorisierung in Kombination mit einer wirtschaftlichen Härtung des Netzes zu realisieren.
 
Raphael Aebersold, Head of Public Safety Communication von Swisscom Broadcast, stellt ebenfalls zunächst klar: "Die End-zu-End Priorisierung, die Funkfeldversorgung (Coverage) und die Härtung (Stromautonomie) sind Schlüssel zum Erfolg für den Betrieb von missionskritischen Diensten". Klar sei auch, dass diese sich mit unterschiedlichen Szenarien umsetzen lassen. "Eine hybride Variante, mit welcher die Vorteile des öffentlichen Netzes voll ausgenutzt und mit einem privaten Netz, wo notwendig und sinnvoll, ergänzt werden", so Aebersold, "bietet maximale Synergien für die BORS".
 
Aber eine Frage stellt sich: Könnte die Bereitstellung des "Polydata"-Netzes durch private Anbieter zum Kostentreiber werden? Der CEO wiegelt ab. BLUnet basiere auf der Philosophie "bereits bestehende – und heute teilweise ungenutzte – Assets zu bündeln und daraus neue Produkte und Services zu schaffen". Dadurch vermeide man einerseits grosse Investitionen und erzeuge anderseits dennoch wichtige Skaleneffekte. Das sei einzelnen BORS in dieser Form nicht möglich, fügt er an.
 
Würde mit BLUnet doch das Mobilfunknetz der Sunrise mit den krisensicheren Leitungen der Axpo zu einem leistungsfähigen und preislich attraktiven Produkt "krisensicherer LTE-Service" kombiniert, fügt er an.
 
Swisscom ist überzeugt, "dass durch die Synergie einer Bereitstellung des öffentlichen Netzes gepaart mit einem privaten Netz die Kosten optimal gehalten werden können". Aebersold fügt an, Swisscom "verfüge über umfangreiche und langjährige Erfahrung im Bau und Betrieb von Sicherheits- und Mobilfunknetzen", was deshalb die Kosten auf einem tiefen Niveau halte.
 
Braucht es weitere BORS-Frequenzen?
Die beiden Anbieter sind sich darin einig, dass es kein zweites eigenständiges Datenfunknetz für die drahtlose Breitbandkommunikation (dBBK) braucht. Laut Swisscom-Vertreter Aebersold "ist wichtig für den Wirtschaftsstandort Schweiz, dass der maximal mögliche Spektrumsumfang für den öffentlichen Mobilfunk in der Schweiz zur Verfügung stehen wird". Der gesamte frei werdende Bereich im 700-MHz-Band (zwei mal 30 MHz für Frequenzduplexverfahren) werde so für den öffentlichen Mobilfunk bereitgestellt. Die Blaulichtorganisationen können dabei wie in Frankreich und Deutschland die spektral benachbarten Frequenzbänder nutzen.
 
Axpo WZ-Systems-CEO Zürcher führt aus, dass aktuell die BORS mit Polycom seit Jahren über ein praxiserprobtes und zuverlässiges Sprachfunknetz, das auch den Vorgaben des BABS hinsichtlich dem "Fall Schweiz Dunkel" entspricht. Es arbeite im Frequenzband 380 bis 400MHz, das bereits den BORS zugewiesen ist. Hier benötige man "deshalb keine neuen Frequenzen aus dem 700-MHz-Frequenzband". Fragt man hingegen, ob es zusätzlich zu einem krisensicheren mobilen Datendienst wie BLUnet ein zweites Datenfunknetz aus Teilen des frei werdenden 700-MHz-Frequenzbandes braucht, ist das für Zürcher "unserer Meinung nach weder nötig noch sinnvoll".
 
Er begründet das mit einem tiefgreifenden Paradigmenwechsel des Modells der Kommunikationstechnologie für die BORS. Denn BORS-spezifische Technik wie beispielsweise Polycom halte nicht mehr mit den Innovationen kommerzieller Technologien Schritt, ja würden von diesen sogar überholt, wie er sagt.
 
Zudem seien die politischen Entscheidungsprozesse für Beschaffung und Realisierung von neuen Kommunikationssystemen und -netzen in keinem Verhältnis zu den vorherrschenden kurzen Technologiezyklen von heute. Bis ein Mobilfunknetz politisch bewilligt, durch die öffentliche Hand beschafft und realisiert ist, ist es bereits wieder veraltet.
 
Schliesslich gibt Zürcher zu bedenken, dass sich die Beschaffung, Realisierung und der Betrieb von modernen Netzen zunehmend aufwändiger in Sachen Personal sowie Know-how gestaltet und auch kostenintensiver geworden sei.
 
Zwangsläufig stelle sich deshalb nicht mehr die Frage, ob, sondern wie Synergien mit kommerziellen Netzwerken geschaffen und ausgeschöpft werden können. (Volker Richert)
 
Lesen Sie auch Teil eins dieses Artikels.