Weltes Welt: Die Illusion der Innovation

Kolumnist Beat Welte fragt sich, ob man Innovation tatsächlich mit Patenten gleichsetzen kann.
 
Nur zwei Dinge auf dieser Welt sind sicher: Der Tod und die Steuer, meinte Benjamin Franklin. Und, so möchte man anfügen, jeden Januar wieder die Pressemitteilung von IBM, dass man auch letztes Jahr wieder eine Rekordzahl von US-Patenten angemeldet habe. Und das wiederholt sich seit 25 (!) Jahren. So auch 2018: 9043 Patente habe man 2017 in den USA angemeldet – die natürlich alle dazu angetan seien, die Kunden von Big Blue "smartere Businesses kreieren" zu lassen – was auch immer das heissen mag.
 
In den neunziger Jahren hat die IBM-Forschung Nobelpreise und viel Glamour eingeheimst. Heute würde kaum jemand Big Blue spontan als eines der innovativsten Unternehmen der Branche bezeichnen. Und die ganze Patentflut schlägt sich auch nicht im Geschäftserfolg nieder. Ganz im Gegenteil: insbesondere in den letzten Jahren ist das Unternehmen mit rückläufigem Umsatz auf dem Krebsgang.
 
Warum dominiert der 25-fache Patentweltmeister nicht die gesamte IT-Branche, die ja bekanntlich innovationsgetrieben ist? In einem vielbeachteten Artikel in der 'Washington Post' zerpflückt der hochdekorierte Innovationsforscher Vivek Wadhwa die Vorstellung, dass Patente mit echter Innovation gleichzusetzen seien. Das Gegenteil sei der Fall. Erfolgreich seien Unternehmen, die ihre Mitbewerber ganz nah am Markt mit echter, kundenrelevanter Innovation schlagen – Schnelligkeit und sich permanent neu zu erfinden, seien dabei entscheidend. Das Streben nach Patenten hingegen verlangsamt die Unternehmen und vermittelt die Illusion der Innovation – und das lullt ein.
 
Der Jagd nach Patenten von der an der Ostküste in der Nähe von New York beheimateten IBM setzen die viel jüngeren, aufstrebenden Unternehmen des Silicon Valleys in Kalifornien ein Prinzip entgegen, das man als "open innovation" beschreiben könnte: Geistesblitze statt jahrelanger Forschung, freier Austausch in der Community statt Brüten im Forscher-Cubicle, Proof of Concept im Markt statt aufwendiges Verfassen von Patentschriften, First Mover Advantage und Trial and Error-Mentalität statt Zentimeter-dicken Business-Plänen und Dutzende unnützer Patente. Ganz radikal hat Tesla diese Philosophie umgesetzt: Seit dem 12. Juni 2014 verzichtet das Unternehmen auf die Patentierung seiner Forschung: Technologische Führung leite sich nicht aus der Anzahl der Patente ab. Denn die Geschichte habe gezeigt, dass sie wenig Schutz gegen entschlossene Mitbewerber böten. Viel wichtiger sei es, die besten Ingenieure verpflichten und halten zu können.
 
Wie Innovativ ist die Schweiz wirklich?
Die Erkenntnis ist auch für die Schweiz relevant – und setzt sich langsam durch. Ganz stolz lassen wir uns Jahr für Jahr vom WEF zum innovativsten Land der Welt küren, die Anzahl der Patente spielt dabei eine wichtige Rolle. Dies wird neuerdings von der Konjunkturforschungsstelle BAK Economics relativiert: Berücksichtige man den wirtschaftlichen Nutzen der Patente, landen wir nur noch auf Platz 9. Und wahrscheinlich ist auch das noch schmeichelhaft.
 
So gesehen ist das in Zug entstehende Crypto Valley – bei allen Vorbehalten gegenüber Crypto Currencies – ein echter Segen für die Schweiz: Die starre Fixierung auf Patente wird durch das im Crypto Valley ganz überwiegend vorherrschende "Open Innovation"-Denken befruchtet, und das kann uns Schweizern nur gut tun. Denn Patente allein, das hat IBM nun seit 25 Jahren unfreiwillig bewiesen, bringen es nicht. (Beat Welte)
 
Beat Welte war über 25 Jahre in führenden Positionen bei verschiedenen grossen und kleinen IT-Unternehmen tätig. Er arbeitet heute selbständig als Strategie- und Kommunikationsberater – und ist kritischer Beobachter der IT-Branche. Für 'inside-it.ch' und 'inside-channels.ch' kommentiert er monatlich Marktveränderungen, bedeutsame Trends und Ankündigungen.