In the Code: Mit Block­chain sicher vom Ticket-Kauf bis zum Event

Der Schwarzhandel mit Eventtickets ist seit langem Gang und Gäbe – das Aufkommen von Bots hat dies nur noch verstärkt. Der Einsatz von Blockchain sichert den Ticketverkauf ab und kann dieser Entwicklung Einhalt gebieten. Wie es funktioniert, erklärt Marc Mazzariol von SecuTix.
 
Wer hat sich nicht schon einmal darüber geärgert: Wenn man nicht direkt zum Verkaufsstart am Computer sitzen konnte, war das Konzert der Lieblingsband, das Fussball-Spitzenspiel oder das Festival ausverkauft. Und auf den gängigen Plattformen schossen die Billetpreise in astronomische Höhen. Weder für Künstler und Sportler noch für Fans eine schöne Situation. Und die legalen Ticketingplattformen kämpfen weltweit um ihre Reputation – gegen Windmühlen.
 
Die immer stärkere Verbreitung von Bots leistet dieser Entwicklung zusätzlich Vorschub. Sie werden einmal programmiert und können auf beliebig vielen Leitungen gleichzeitig Tickets erwerben. So schieben sie sich zwischen Fans und Ticketverkäufer.
 
Gleichzeitig birgt das nicht nachvollziehbare Weitergeben von Tickets – legal und illegal – weitere Gefahren: der Veranstalter weiss schlussendlich nicht, wer wirklich zu seiner Veranstaltung kommt und wo er sitzt oder steht. Sind die Fans der gegnerischen Mannschaften wirklich getrennt? Ist der Gast wirklich ungefährlich oder doch ein bekannter Hooligan? Zudem hat er keine validen Daten, die eine gute Betreuung des Kunden, auch über das Event hinaus, ermöglichen.
 
Auch der Nutzer des Tickets befindet sich sozusagen im Blindflug. Er weiss nicht, ob sein Ticket gültig, die Kopie eines gültigen oder schlicht ein Fake ist. In den beiden letzteren Fällen gibt es ein böses Erwachen und Frustration an der Einlasskontrolle.
 
Das alles lässt sich umgehen. Kombiniert man ein rein digitales Ticket mit Blockchain, kombiniert man die Unmöglichkeit des Kopieren des Barcodes (digitales Ticket) mit der Nachverfolgbarkeit der Transaktionen (Blockchain).
 
Der Schlüssel hierbei ist, dass das Ticket einzig und allein digital existiert. Der Barcode erscheint nicht auf einem ausgedruckten Ticket und kann somit nicht dupliziert werden. Es gibt nur das geschlossene digital System – was natürlich voraussetzt, dass jeder Konzertbesucher ein funktionsfähiges Smartphone dabei hat, auf dem sich das Ticket befindet. Der Barcode wird erst im allerletzten Moment auf dem Smartphone angezeigt. Damit wird auch der Weiterverkauf auf traditionellen oder illegalen Wegen unmöglich. Zudem liegt hinter jedem Verkauf ein Smart Contract (exchange rules), in dem z.B. der maximale Verkaufspreis oder der Zeitraum, in dem das Ticket weiter verkauft werden kann, vordefiniert sind. Der Weiterverkauf kann auch gänzlich unterbunden werden.
 
Blockchain beruht auf starken kryptographischen Prinzipien, die sicherstellen, dass jede Transaktion nachverfolgbar und nicht manipulierbar ist. Es braucht keine Regulatoren oder Prüfstellen (die ggf. ihrerseits wieder zertifiziert sein müssen – die Liste liesse sich fortsetzen), die Struktur einer Blockchain gewährleistet dies aus sich heraus. Die Informationen sind auf unterschiedliche Systeme verteilt, eine nachträgliche Fälschung ist daher nicht möglich.
 
Die Blockchain fungiert in diesem System auch als vertrauenswürdige Datenbank für den Zweitmarkt. Alle relevanten Informationen wie Location, Datum und Sitznummer sind vorhanden; ebenso die persönlichen Daten, wobei diese nur der betreffenden Person sowie dem Event-Veranstalter zugänglich sind, der damit zum Beispiel sicherstellen kann, dass der Fussballfan und nicht der Hooligan Einlass erhält.
 
So funktioniert der Verkauf
Normalerweise kauft der Kunde sein Ticket auf der Website des Veranstalters – dies bleibt auch weiterhin so. Hinzu kommt nur, dass er nach seiner Telefonnummer gefragt wird. Er bekommt kein PDF-Ticket mehr mit einem Barcode, sondern eine SMS, die ihn auffordert, eine App mit dem gerade gekauften Ticket herunterzuladen. Wenn er sich dann in der App registriert, hat er mehrere Möglichkeiten:
  • Er kann das Ticket behalten, zum Event gehen und geniessen
  • Er kann das Ticket weitergeben, z.B. an einen Freund. Dazu muss er nur dessen Telefonnummer angeben. Der Freund erhält ebenfalls eine SMS mit der Bitte, das digitale Ticket mit der App herunterzuladen
  • Er kann das Ticket an einen Freund oder öffentlich, z. B. über soziale Medien, weiterverkaufen (im Rahmen der autorisierten Preisspanne)
Die App selbst bietet mehrere Registrationsmöglichkeiten, die jeweils unterschiedlichen Sicherheitsleveln entsprechen. Beginnend mit einem simplen Formular, können weitere Informationen, darunter etwa ein Bild, eine ID oder Verifizierung durch eine dritte Partei, angefordert werden.
 
Die Zugangskontrolle
Am Event selbst öffnet der Besucher auf seinem Smartphone die App, die das digitale Ticket enthält. Kurz vor der Einlasskontrolle erscheint der Barcode automatisch auf dem Smartphone. Der genaue Zeitpunkt wird bestimmt durch das eingestellte Sicherheitslevel; ausgelöst wird die Generierung entweder durch eine vorab definierte Einstellung wie die Zeit des Events oder durch ein Bluetooth-Signal, das, direkt an der Kontrolle ausgesandt, das Smartphone aktiviert. Bei der Aktivierung über Bluetooth besteht zudem die Möglichkeit einer zweistufigen Kontrolle: in einem "äusseren Ring" wird im ersten Schritt die Generierung des Barcodes durch einen Sicherheitsmitarbeiter ausgelöst, im "inneren Ring" wird dieser Barcode dann geprüft. So kann ein erweiterter Sicherheitsbereich um den Veranstaltungsort gezogen werden, in dem sich nur Personen mit gültigem Ticket befinden.
 
Der Barcode selbst kann mit den gleichen Methoden und Routinen verarbeitet werden wie heutige Barcodes auch. Dazu benötigt der Nutzer keine Netzverbindung. Dies ist beispielsweise wichtig, wenn der Nutzer einen Event im Ausland besucht oder das Netz überlastet ist. Nach der Verifizierung, die bei hohen Sicherheitsstufen auch weitere Informationen aus der Blockchain, darunter das Bild der Person, anfordern kann, steht dem Vergnügen nichts mehr im Wege.
 
Dass dieser Prozess die vorhandene Hard- und Softwarelösungen nutzen kann – der Scanner muss 2D Barcode lesen können –, macht ihn umso interessanter für Veranstalter und Venues.
 
Die Sicherheit und das Austrocknen des Schwarzmarktes sind zwei Hauptassets dieser Lösung – für Veranstalter aber fast genauso interessant sind die Informationen, die er über seine Kunden gewinnt. Es geht dabei nicht nur um die Sicherheitsaspekte, sondern auch darum, dem Kunden in Zukunft massgeschneiderte Lösungen und ein für ihn angenehmes Einkaufs- und Eventerlebnis zu bieten. Durch die verbindliche Nutzung der App ist der Kunde digital erfasst – diese Daten können für weitere Angebote und Services genutzt werden. So kann der Besucher etwa Getränke oder Catering bestellen und sich an den Sitzplatz liefern lassen oder in Museen Audio-Guides vorab reservieren.
 
Eigentlich hat diese Lösung für alle "sauberen" Beteiligten nur Vorteile – abgesehen davon, dass sie technologisch einfach spannend ist. (Marc Mazzariol)
 
Über den Autor:
Marc Mazzariol ist Vice President bei SecuTix und verantwortlich für Produktstrategie und Entwicklung. Er schloss das Studium in Computer Science an der EPFL mit einem PhD ab. SecuTix ist eine 100-Prozent-Tochter der Elca Holding in Lausanne.