Business-Software für Kleinfirmen wird gratis

Alles wird gratis: Abacus lanciert zusammen mit Partnern komplettes Business-Software-Paket für Kleinfirmen. Kostenlos und als Cloudlösung.
 
"Unsere Restaurants rentieren unterdessen. Wir mussten etwas Neues finden, um Geld auszugeben," flachste Abacus-Chef Claudio Hintermann an einer Medienkonferenz in Zürich. Im Abacus-Gebäude in St. Gallen betreibt der Software-Hersteller zwei italienische Restaurants.
 
Vorgestellt wurde ein Projekt, das Abacus tatsächlich ziemlich viel Geld kosten wird: swiss21.org nennt sich ein Konsortium von drei Software-Herstellern, darunter Abacus. Ab 1. Mai bietet das Firmenbündnis Schweizer Kleinfirmen kostenlos ein komplettes Paket von Cloud-Lösungen an. Inbegriffen ist die CRM-Lösung Orphy der St. Galler Orphis, die Shop- und Kassenlösung Peppershop von Glarotech sowie die Auftragsbearbeitung, Buchhaltung und Zeiterfassung von Abacus. Das Paket soll als Cloud-Lösung für Kleinfirmen verfügbar werden. Wer die Gratis-Version benützt, kann maximal 2'100 Rechnungen pro Jahr schreiben sowie 2100 Artikel und 2100 Kontakte erfassen. Zugelassen sind bis zu 21 User pro Account.
 
Ehrgeizige Ziele
Die Ziele des Konsortiums sind hoch gesteckt. Bis 2020 will swiss21.org 50'000 User gewonnen haben. Das wären dann etwa zehn Prozent der Klein- und Kleinstfirmen der Schweiz. Ein Startvorteil wird sein, dass die rund 5000 Nutzer der bisherigen Abacus-Gratisversion AbaNinja automatisch zu Nutzern von swiss21.org werden.
 
Um wirklich rasch Masse zu gewinnen, müsste die Online-Lösung aber von grossen Playern wie der Post, Postfinance, Raiffeisen, UBS oder CS gepusht werden. Und die Grossbanken müssen Schnittstellen zu der neuen Gratislösungen in ihre E-Banking-Interfaces einbauen, wie sie es mit dem Konkurrenten Bexio vormachen. Bisher konnte das Firmenkonsortium erst die St. Galler Kantonalbank als Partner gewinnen. Mit weiteren potentiellen Partnern sei man im Gespräch, so Hintermann.
 
Der Datenaustausch zwischen der Online-Software von swiss21.org und E-Banking-Lösungen der grossen Banken sei über File-Upload möglich, so Ursula Beutter. Beutter ist Geschäftsleitungsmitglied von Abacus und Verwaltungsratspräsidentin des Konsortiums.
 
Finanzierung durch gezielte Werbung?
Die Geschäftsführung von swiss21.org übernimmt die Appenzeller Firma Fasoon. Sie bietet sehr günstige, automatisierte Dienstleistungen für Firmengründungen.
 
Wie Walter Regli von Fasoon sagte, soll swiss21.org durch Werbemöglichkeiten und Partnerschaften finanziert werden. Obwohl die Plattform über sehr genaue Daten ihrer User verfügt, dürfte es schwierig werden, die Kosten für ein ausgewachsenes KMU-Software-Paket durch Werbung zu finanzieren. Potentielle Partner wie Versicherungen könnten hingegen Kickbacks für neu gewonnen Kunden bezahlen. (hc)
 
(Interessenbindung: Abacus ist als Gold Sponsor ein wichtiger Werbekunde unseres Verlags.)

Unser Kommentar:

Claims abstecken
Die Firmen hinter swiss21.org stellten sich heute Morgen als Wohltäter dar, die Schweizer Kleinfirmen und Firmengründer helfen, rasch von den Vorteilen der Digitalisierung zu profitieren. Ja, man hatte sogar zustimmende Zitate von Bundesrat Schneider-Ammann ("Ich begrüsse jede Initiative ...") und Gewerbeverbands-Präsident Bigler ("Die swiss21.org Initiative ist ein wertvoller Beitrag...") eingeholt.
 
Doch Abacus und die Verbündeten wollen vor allem eines: Claims abstecken. Hintermann ist überzeugt, dass Software künftig gratis sein wird wie dies zum Beispiel Google Docs schon ist. "Wenn wir es nicht machen, macht es ein ausländischer Anbieter," so Hintermann heute im Gespräch.
 
Ein weiterer Grund dürfte der Erfolg des mit einem zweistelligen Millionenbetrag als Risikokapital finanzierten KMU-Business-Software-Anbieters Bexio sein. Bexio hat viel Medienpräsenz, war für den Swiss ICT Award nominiert und konnte prominente Partner wie Postfinance gewinnen. Im vergangenen Oktober stieg Swiss Life bei Bexio ein und das St. Galler Institut für Jungunternehmen (IfJ) bietet Startups Rabatt auf die Bexio-Lösung an. Früher promotete das IfJ Abacus.
 
Das Software-Paket von swiss21.org wird ab Mai dann aber wesentlich umfangreicher sein als Konkurrenzprodukte, da es Webshop, Kasse und CRM enthällt. Hat das Konsortium Erfolg, dürften auch Anbieter von Einsteigerlösungen wie etwa Sage unter Druck kommen.
 
Dass sich ein so umfangreiches Online-Software-Paket durch Werbung finanzieren lässt, glaube ich nicht. Der Schweizer Markt ist dazu zu klein. Wichtiger wird sein, eine grosse Menge an Kleinfirmen an sich zu binden, die zu Bezahlversionen wechseln, wenn sie wachsen. (Christoph Hugenschmidt)