"Es ist wichtig, dass die Kundenschnittstelle in unserer Obhut ist"

Markus Fuhrer, CIO PostFinance und Mitglied der Geschäftsleitung.
Markus Fuhrer, CIO PostFinance, über sein aktuelles Legacy-System-Portfolio, Vendor Lock-in, Open Banking und Outsourcing.
 
Über Ostern hat PostFinance ihr neues Kernbankensystem gelauncht, begleitet Wochen im Voraus von viel Kundenkommunikation und Medieninformationen. Es kam, wie zu vermuten war, zu einigen Störungen. Doch diese, so scheint es, hielten sich angesichts der Projektdimensionen bis heute in überschaubaren Rahmen.
 
Nun, nach dem "Big Bang", wirft der PostFinance-CIO Markus Fuhrer einen Blick nach vorne und erklärt, was mit dem Core-Banking-System auch noch neu wurde.
 
inside-it.ch: Mit der Einführung wurde der Anteil von Legacy-Lösungen stark reduziert. Wie hoch ist der Prozentsatz an weiterhin laufender Software/Infrastruktur, die fünf Jahre alt oder älter ist?
 
Markus Fuhrer: Wir haben keine Legacy-Lösungen mehr im Einsatz. Wir halten unsere moderne Hardware und Software jederzeit aktuell. Im Rahmen des Corebanking Transformationsprojekts haben wir auch viele andere wichtige Teile ausgetauscht. Beispielsweise wurde unsere CRM Software von BSI, die der Dreh- und Angelpunkt für die tägliche Arbeit von über 2000 Nutzern bei PostFinance ist, auf die neueste Version angehoben. Fast vom ersten Tag nach der Umstellung an konnten unsere Nutzer dank der umfangreichen Schulung auf den bereitgestellten Schulungssystemen praktisch die gleiche Anzahl Kundenanfragen und Geschäftsfälle bearbeiten wie mit dem alten System. Allerdings können nun doppelt bis dreimal so viele Nutzer das System gleichzeitig nutzen. Unsere Fraud Detection Software wurde ebenfalls migriert und hat vom ersten Tag an ausgezeichnet funktioniert.
 
Läuft das neue System auf Mainframes?
 
Markus Fuhrer: Nein. Wir setzen ausschliesslich Standardhardware mit Intelprozessoren namhafter Hersteller ein.
 
Mit der Einführung einer Standard-Software geht oft eine starke Abhängigkeit zum Lieferanten einher: Man ist auf dessen Release-Zyklen und -Inhalte angewiesen. Wie kann Postfinance nun für die Schweiz relevante Funktionalitäten innert nützlicher Zeit auf den Markt bringen und sich von der Konkurrenz abgrenzen?
 
Markus Fuhrer: An der Kundenschnittstelle setzen wir bewusst auf Eigenentwicklungen und auf starke Schweizer Partner. Es ist uns wichtig, dass die Kundenschnittstelle in unserer Obhut ist, damit wir die sich laufend wandelnden Bedürfnisse unserer Kundinnen und Kunden innert nützlicher Frist dank neuer Funktionalitäten befriedigen können. Ein Kernbankensystem bietet heute kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Deshalb haben wir auf ein Standardprodukt gesetzt. Wir haben bei der Wahl des Anbieters Wert darauf gelegt, dass die Performance auf Standard-Intel-Hardware erreicht wird, die es uns erlaubt, günstige, austauschbare Hardware einzusetzen, die keinen Vendor-Lockin verursacht. Im Rahmen der umfangreichen Tests wurden den Last- und Performance-Tests ebenso grosses Gewicht beigemessen wie den funktionalen Aspekten und der Betreibbarkeit der Lösung. Das hat sich bewährt.
 
Hat die Postfinance jetzt ein System im Einsatz, welches Ihrem Innovationsanspruch gerecht wird? Wie wurden Themen wie Open Banking, API, Data und Analytics gelöst?
 
Markus Fuhrer: Mit der Umsetzung der Kernbankenmigration haben wir auch unsere heterogene, historisch gewachsene Architektur aufgeräumt. Die Entkopplung der Schnittstellen ist eine wichtige Basis für Flexibilität und Geschwindigkeit. Themen wie Open Banking und API werden wir im Zuge unserer Transformation zum Digital Powerhouse weiter ausbauen, denn Ökosysteme werde auch im Banking weiter an Bedeutung gewinnen. Data und Analytics decken wir nicht mit unserem neuen Kernbankensystem ab. In diesem Bereich haben wir andere Produkte im Einsatz.
 
Und wie gehen Sie das Thema Skalierung an?
 
Markus Fuhrer: Durch die fast 100-prozentig virtualisierte IT-Infrastruktur – basierend auf Standard-Hardware namhafter Hersteller – ist die Skalierung im Storage, Backup, Server und DB Bereich umgehend möglich und kann an unterschiedliche Workloads sehr schnell angepasst werden, durch Erweiterungen im System oder horizontale Skalierung, wo die Applikationen dies erlauben. Diese Fähigkeiten konnten nur erreicht werden, weil wir konsequent auch auf dem Infrastrukturlayer mit modernsten Technologien standardisiert, automatisiert und konsolidiert haben.
 
Postfinance war mit der Einführung über Jahre hinweg stark absorbiert: besteht jetzt ein "Innovationsstau"?
 
Markus Fuhrer: Das Grossprojekt hat uns stark beschäftigt. Trotzdem haben wir auch in den vergangenen Jahren viele Neuerungen für unsere Kundinnen und Kunden auf den Markt gebracht. Beispiele sind TWINT, das neue E-Finance, die PostFinance App, PostFinance Benefit etcetera. Künftig können wir uns noch fokussierter der Transformation von PostFinance zum Digital Powerhouse widmen. Unsere Innovationspipeline ist gut gefüllt!
 
Und wie begegnen Sie andernorts gemachten Erfahrungen, dass das Business jetzt glaubt, es sei genügend Geld in eine neue IT geflossen und man solle das Geld über die nächsten Jahre wieder in direkte Kundenprojekte investieren?
 
Markus Fuhrer: Unser Business hat die Erneuerung des Kernbankensystems stark unterstützt, denn es ist auch aus Businesssicht die Basis und das Fundament für die Weiterentwicklung von PostFinance zum digitalen Powerhouse. Im Zeitalter digitaler Dienstleistungen arbeiten Business und IT immer enger zusammen. Bei PostFinance sitzt der CIO seit über 15 Jahren in der Geschäftsleitung und Business- und Technologiethemen werden immer zusammen aus gesamtunternehmerischer Optik besprochen.
 
Nachdem der Kernbanken-Teil jetzt standardisiert ist: Gibt es Pläne diesen Teil abzuspalten und von jemand anderem betreiben zu lassen?
 
Markus Fuhrer: Wir betreiben unsere gesamte IT seit vielen Jahren erfolgreich mit einem erstklassigen Team in unseren eigenen Rechenzentren. Daran werden wir auch in Zukunft festhalten. (Interview: Marcel Gamma)