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Freitag, 24.08.2007
Zahlen, Zahlen, Zahlen

Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht
 
Der Markt für Open-Source-Software wird 2011 ein Volumen von 5,8 Milliarden Dollar erreichen. 2006 wurden 161 Exabyte an digitalen Daten produziert. Der illegale Download von Musik kostete die US-Wirtschaft letztes Jahr 12,5 Milliarden Dollar und führte zur Nicht-Entstehung von 71'060 Stellen. Und dank der Einführung von Windows Vista entstehen 50'000 Jobs in Dänemark, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Polen und Spanien...
 
Wer Projektionen, Behauptungen, Vermutungen, Hochrechnungen in nackten Zahlen ausdrückt, wirkt glaubwürdig. Marktforscher, Anbieter, mehr oder weniger wissenschaftliche Institutionen und Berater aller Art versprühen deshalb täglich eine Unzahl von mit Zahlen gespickten Mitteilungen. Wir Schurnis greifen das gerne auf, verkürzen die eh schon verkürzten Informationen ("Berner Singles haben weniger als einmal pro Monat Sex") grad nochmal und publizieren die wildesten Behauptungen. Denn eben: Zahlen wirken glaubwürdig, je mehr Stellen nach dem Komma, desto besser.
 
Besonders cool werden die Projektionen - und darum handelt es sich meistens - wenn sie mit volkswirtschaftlichen Daten verknüpft werden. So die Mitteilung der "Stiftung Produktive Schweiz" diese Woche, wonach in der Schweiz alleine mit dem besseren Umgang mit elektronischer Post, 26,7 Milliarden Franken jährlich eingespart werden könnten. Natürlich sind die Aussagen der von Microsoft, Orange und Siemens gesponsorten Stiftung nicht einfach Unsinn. Der Kern der Botschaft, nämlich dass in der Schweiz viel für Technologie ausgegeben wird, diese aber relativ wenig produktiv eingesetzt wird, dürfte stimmen. Und etwas dagegen zu tun, nützt tatsächlich der Volkswirtschaft und damit (vielleicht) allen oder vielen.
 
Doch die nackte Zahl - 26,7 Milliarden Franken - wirkt zwar glaubwürdig, ist aber (äxgüsi) Unsinn. Denn wer sagt denn, dass Leute, die E-Mail sinnvoll benützen, statt 1000 Leute auf CC zu setzen, die sich klar ausdrücken, statt Verwirrung zu stiften, die gewonnene Zeit auch für produktive Arbeit einsetzen würden? Und: ein gewisser Prozentsatz der Menschen wird immer wenig sinnvoll mit Kommunikationsmitteln umgehen, weil sie eben Wirrköpfe sind - ihr Produktivitätspotential ist schlicht nicht realisierbar. Andere kommunizieren mies, weil sie das wollen, nicht weil sie es nicht besser könnten. Es hilft ihnen, Macht zu erhalten, ihre Unersetzlichkeit zu betonen oder was auch immer.
 
Rechnen wir: 26,7 Milliarden sind 5,6 Prozent des des Schweizer Bruttoinlandprodukts (2006: ca. 477 Milliarden Franken). Würden die Leute also produktiv arbeiten statt sinnlos zu mailen, hätten wir 5,6 Prozent mehr wirtschaftlichen Output. Was für ein Wirtschaftswachstum! Und die schöne Zahl betrifft ja nur den Umgang mit E-Mail. Stellen wir uns vor, die Leute würden auch noch produktiver telefonieren, Sitzungen abhalten, Briefe schreiben, Rechnungen zur Bezahlung freigeben, Waren verschieben… - das Wirtschaftswachstum wäre unendlich. Und wenn man dann noch den Software-Klau in der Schweiz vollständig unterbinden würde (+ 72'000 Jobs), könnten wir umgehend den Kommunismus einführen. (Christoph Hugenschmidt)

Kommentare:
Pascal Sieber Ich finde den Kommentar zu den 26 Milliarden völlig in Ordnung. Ungefähr so ist sie auch gemeint.
 
Andererseits:
 
Traut den Menschen doch etwas mehr zu, liebe Zahlenreinterpretierer.
 
Im letzten Jahrhundert haben es die Menschen geschaft, die Produktivität zu verfünzigfachen (und in einigen Weltregionen sogar zu verhundertfachen).
 
In heutigem Geldwert ausgedrückt waren das (aller konservativst gerechnet) in der Schweiz durchschnittlich 227,8 Milliarden Franken pro Jahr. (wie wir auf diese Zahl kommen, erfahren Sie im September)
 
Da erscheinen die 26 Milliarden ja geradezu als lächerlich wenig.
 
Warum sollen wir nicht ebenso tatkräftig am Wohlstand schrauben können wie unsere (Gross)Mütter und (Gross)Väter?
 
Ein Schönes Wochenende!
 
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