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Donnerstag, 20.04.2006
Expertenmeinung: SAP-Anwender verschwenden Potential

Sind SAP-Anwender weniger produktiv? Und sind sie selber dran schuld?
 
SAP wirbt für sich selbst mit dem Slogan "The best-run businesses run SAP".
 
In einer kürzlich veröffentlichten kontroversen Studie behaupteten Marktforscher von Nucleus Research das Gegenteil und kamen zum Schluss: "The best-run-business don't run SAP."
 
Nucleus konstatierte, dass die Eigenkapitalrendite (Return on Equity, RoE) von SAP-Anwendern, verglichen mit dem Branchendurchschnitt, um 20 Prozent geringer ausfalle. Nucleus Research stützt sich dabei auf eine Untersuchung von 81 börsenkotierten SAP-Kunden.
 
SAP kritisierte, 81 Unternehmen seien nicht einmal ein Viertelprozent der SAP-Kundenbasis und zudem sei die Auswahl nicht repräsentativ. Repräsentativ seien dagegen die Untersuchungsresultate von Stratascope, die auf den Ergebnissen von 587 SAP-Kunden und 2769 Nicht-SAP-Kunden beruhen. Diese Studie zeige, dass SAP Kunden im Schnitt 32 Prozent profitabler arbeiten und einen um 28,3 Prozent höheren Return on Invested Capital (RoIC) aufweisen würden.
 
Wo auch immer in diesem Streit die Wahrheit liegt, zwei SAP-Experten glauben, dass SAP-Kunden auf jeden Fall noch mehr aus ihren Systemen herausholen könnten. Im Folgenden lesen Sie einen Beitrag von Diana Bohr, Chief Technology Officer West Trax und Luis Praxmarer, Global Research Director Experton Group. Der Beitrag bezieht sich auf Erfahrungen von deutschen SAP-Anwendern und ist laut Erfahrung der Autoren direkt auf die Schweiz übertragbar.
 
SAP-Systeme werden wirtschaftlich nicht optimal genutzt
 
West Trax Deutschland und Experton Group stellten in einer Analyse fest, dass die Anwender selbst ihre SAP-Systeme wirtschaftlich nicht optimal nutzen. Dabei spielt der Standardisierungsgrad der Software eine erhebliche Rolle. Lediglich zwischen 30 und 50 Prozent von realisierbaren 70 bis 80 Prozent werden derzeit durchschnittlich in deutschen Unternehmen genutzt. Eigenentwicklungen treiben die Wartungskosten eines jeden ERP-Systems in die Höhe. Die automatisierten Standardmechanismen sind nicht mehr anwendbar und somit entstehen zeitintensive, manuelle Aktivitäten mit zusätzlichen, umfangreichen Planungen. Vor allem bei Upgrades auf aktuellere Releases sowie bei Konsolidierungen bedeutet dies eine nicht zu unterschätzende finanzielle Investition.
 
Bei SAP-Systemen können Eigenentwicklungen IT-Budgets extrem hoch belasten. Schließlich muss zum Beispiel für jedes von SAP zur Verfügung gestellte Support Package oder Bugfix, eine individuelle Überprüfung und gegebenenfalls eine Anpassung erfolgen, damit Prozesse im Betrieb nicht unterbrochen werden. Zudem belasten Eigenentwicklungen den Help Desk weitaus höher, als eine sauber dokumentierte und getestete Standardtransaktion. Damit nicht genug. Je weniger auf Standardfunktionen zurückgegriffen werden kann, desto höher gestaltet sich der Aufwand für Schulungsdokumente und Konzepte, die zusätzlich erstellt und gepflegt werden müssen. Hinzu kommt, dass es zur Zeit keine Standards beim Dokumentieren und Kommentieren des ABAP Codes gibt. Es bleibt oftmals nur noch das mühevolle Einarbeiten in den "fremden" Code, was viel Zeit und Geld kostet.
 
Natürlich sind Eigenentwicklungen niemals vollständig vermeidbar, da die SAP-Software bestimmte Funktionalitäten im Standard nicht verfügbar hat. In solchen Fällen kommt man um die manuelle Pflege des Codes einfach nicht herum. Es gibt aber zahlreiche Eigenentwicklungen, die speziell nach Upgrades durch SAP-Standardtransaktionen ersetzt werden könnten. Leider herrscht in den Unternehmen vielfach ein permanenter Zeitdruck, so dass IT Verantwortliche die Erweiterung der Standardoptionen bewusst nicht in Erwägung ziehen und lieber die "alten" Codes überarbeiten und diese weiterhin einsetzen. So wird jahrelang dieser Ballast mitgeschleppt und muss bei jedem größeren Projekt kosten- und zeitintensiv an die neuen Begebenheiten angepasst werden.
 
All dies führt dazu, dass am Ende der Wertschöpfungskette die Produktivität eines Unternehmens stark reduziert ist. Nur ROE-Ergebnisse zu betrachten, wie das in der Studie von Nucleus getan wird, greift aber zu kurz. Zwar nimmt ein ERP-System starken Einfluss auf die Produktivität eines Unternehmens, dennoch sind Aspekte wie die gesamte IT-Infrastruktur und Geschäftsprozesse, etc. mit zu berücksichtigen, um zu einer glaubwürdigen Aussage zu gelangen.
 
Hinter Entscheidungen, ob Standard oder Eigenentwicklung, stecken oftmals auch politische und weniger technische Beweggründe. Viele Landesgesellschaften oder Tochterunternehmen konzentrieren ihre Anstrengungen darauf, speziellen Anforderungen der Konzernkontrolle zu entgehen. Als Beispiel kann hier die globale Umstrukturierung eines Unternehmens genannt werden, das seine Aktivitäten von einer geographischen Fokussierung auf eine globale Geschäftsbereichsausrichtung verändern will.
 
Eine Standardsoftware wie SAP ist immer dann am produktivsten, wenn der verfügbare Standard so optimal wie möglich eingesetzt wird. Das heißt, dass nur dann auf Individuallösungen zurückgegriffen werden sollte, wenn mit einem deutlichen Wettbewerbsvorteil gerechnet werden kann oder die Standardfunktionalität nicht ausreicht, um die Anforderungen des Unternehmens zu erfüllen.
 
Ratsam für alle SAP-Anwender ist deshalb, sich intensiv und ernsthaft mit den versteckten Einsparpotenzialen ihres Systems auseinander zu setzen. Dabei sollte oberste Zielsetzung sein, die Standardpotenziale nahezu voll auszuschöpfen.
 
Obwohl SAP mit dem Customer Competence Center eine gute Idee realisiert hat, wurde diese leider nicht konsequent genug umgesetzt. Damit ist die kompetente Verbesserung von Effizienz und Produktivität in den meisten Unternehmen nicht mehr ausreichend gegeben und viele externe Systemintegratoren und Outsourcer haben nicht wirklich die Motivation zu einer solchen Verbesserung. Die Konsequenz sind alternde SAP-Systeme was auch der Grund für die erschreckenden Zahlen ist, die viele nicht wahrhaben wollen - 98% aller SAP Systeme sind verbesserungsbedürftig.
 
Die Autoren: Diana Bohr, Chief Technology Officer West Trax und Luis Praxmarer, Global Research Director Experton Group
 
West Trax Deutschland Ltd ist ein Dienstleistungsunternehmen für Management-Beratung und IT-Consulting.
Die Experton Group AG erbringt und vermittelt Beratungsleistungen, Marktuntersuchungen, Konferenzen, Seminare und Publikationen im Umfeld der Informations- und Kommunikationstechnologie.
 
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