Diesen Sommer kommen nur knapp 1500 frischdiplomierte Informatiker "auf den Markt". Vor allem Applikations-Entwickler werden deutlich zu wenige ausgebildet. Ein Gastbeitrag von Alfred Breu, Präsident der Zürcher Lehrmeistervereinigung Informatik.
Die 13. Abschlussrunde der Informatik-Grundbildung ist in diesen Tagen mit Feiern in allen Kantonen abgeschlossen worden. 20 Informatikpraktiker/-innen, 250 Mediamatiker/-innen und 1500 Informatiker/-innen schlossen Lehre, Informatikmittelschule, Ausbildung an einer Privatschule oder einen Umsteigerlehrgang ab. Rund 1600 von ihnen werden das eidg. Fähigkeitszeugnis oder das Berufsattest erhalten. Gegenüber 2009 ist damit nocheinmal ein leichter Rückgang zu verzeichnen.
Nun haben wir die Talsohle erreicht, die auf die Anstellungszurückhaltung in den Jahren 2003-2006 zurückzuführen ist. Und wie immer, wenn man in wirtschaftlich schwächeren Zeiten kurzfristige Entscheide in Angelegenheiten lang dauernder Prozesse fällt, ist die Auswirkung genau dann zu verspüren, wenn man sie am wenigsten mag! Jetzt, wo man die Leute dringend bräuchte,
kommen am wenigsten aus der Ausbildung. Und die Fachhochschulen, in die nun ein Teil der Absolvent/-innen wechseln wird, haben als letzte in der Reihe jetzt wenig Anmeldungen in ihre Lehrgänge.
Mehr NeueintritteVon den 1780 Absolvent/-innen werden sich rund 20% oder 300 an einer Fachhochschule oder höheren Fachschule einschreiben. Was bedeutet, dass knapp 1500 an den Markt gehen. Demgegenüber werden dieses Jahr per Anfang August rund 2000 Informatiker/-innen sowie etwa 300 Mediamatiker/-innen einen neuen Lehrvertrag abschliessen. Dazu kommen rund 170 Neueinschreibungen an Informatikmittelschulen und 40 neue Informatikpraktiker/-innen. Insgesamt werden dieses Jahr also circa 2510 junge Leute eine ICT-Grundausbildung beginnen.
Erfreulich ist, dass wieder deutlich mehr Lehrplätze zur Verfügung stehen. Jetzt wird es darum gehen, dass auch genügend Jugendliche zur Informatik-Grundbildung und zum Studium motiviert werden.
Gemeinsam gegen die FachleuteknappheitIn den vergangenen 5 Jahren wurden nach einer Untersuchung von MC-T (Master Chain Technologies) in der Schweiz jährlich zwischen 5’000 und 11’500 offene Informatiker-Stellen in Internet und in Inseraten ausgeschrieben. In 4 von 5 Fällen wurden damit Applikationsentwickler/-innen (inkl. Web Design, Software-Ingenieure, Datenbankfachleute, Wirtschaftsinformatiker) gesucht (siehe Grafik). Ausgerechnet in diesem Bereich hat es aber nur rund 250 Lehrstellen in der ganzen Schweiz. Glücklicherweise gibt es die Informatikmittelschulen, die weitere 150 Ausbildungsplätze bereithalten.
Die Wirtschaft will in den nächsten 4 Jahren 250 jährlich neue Lehrstellen schaffen. Um dem nach wie vor auch so ungedeckten Bedürfnis besser zu entsprechen, sollen nun die Informatikmittelschulen wesentlich ausgebaut werden. Jetzt gilt es, entsprechend viele Jugendliche auf diesen Lehrgang aufmerksam zu machen. In drei Jahren Vollzeitschule werden die Module der Applikationsentwicklung und der Stoff der kaufmännischen Berufsmaturität bearbeitet. Anschliessend folgt ein Jahr Praktikum in einem Betrieb, da geht es dann vor allem um die Programmmiererpraxis. Eine für diesen Schwerpunkt ausgezeichnete Lösung - zuerst programmieren lernen, dann die Praxis in diesem Gebiet, das ist eigentlich eine ideale Voraussetzung. Und erfordert erst noch keinen Kampf um die raren Lehrplätze.
Die Applikationsentwicklung wird häufig völlig verkannt. Gerade Mädchen meinen, das sei ein sehr technischer Beruf und sie müssten den ganzen Tag am PC sitzen und programmieren. Das war mal so. Heute arbeiten Applikationsentwickler/-innen in Teams und sind in der Regel vom Beginn bis zur Einführung in einem Projektteam eingebunden. Damit erleben sie die spannende Konzept-Entwicklungszeit mit vielen Kontakten mit verschiedensten Fachleuten. Die eigentliche Programmerstellungsdauer ist vergleichsweise kurz und dauert in der Regel kaum über einen Drittel der Gesamt-Projektzeit. Danach folgen weitere interessante Aufgaben im Bereich Testen, Benutzerschulung, Einführung und Übergabe in die Produktion. Und dann folgt ein weiteres Projekt in einem völlig anderen Bereich. Was die Aufgabe interessant und spannend macht. Für diesen Job braucht es deutlich mehr Frauen und vor allem offene, teamfähige und innovative Leute. Die Zeiten des Einsiedler-Programmierers sind eindeutig vorbei. (Alfred Breu)
Kommentare:
Wir bilden schon seit vielen Jahren regelmässig Lehrlinge aus und haben es damit auch nicht immer einfach gehabt. Allerdings bin ich der Meinung als Firma und Unternehmer eine gewisse Verantwortung zu tragen und anstatt zu jammern oder den einfachsten Weg zu gehen (Informatiker importieren oder Arbeit exportieren), den jungen Leuten eine Ausbildungsmöglichkeit zu bieten.
Selbstverständlich haben wir auch schon Erfahrungen, mit Outsourcing ins Ausland, oder 'importieren' von Informatikern aus dem Ausland, gemacht. Unsere Erfahrungen damit waren aber ernüchternd und ich bin überzeugt dass ein hoch motivierter Praktikant oder Quereinsteiger aus der Schweiz einem Unternehmen langfristig deutlich mehr bringt.
Unser Sohn absolviert bei WISS die 2-jährige Quereinsteigerschule - die notabene nicht billig ist.
Um das eidg. Fähigkeitszeugnis als Applikationsentwickler zu erhalten, muss im zweiten Jahr neben der Schule ein 1-jähriges Praktikum absolviert werden.
Leider erklärt sich die Schule als nicht zuständig, eine Praktikumsstelle zu beschaffen, und diese für die Applikationsentwicklung zu finden, erscheint immer mehr unmöglich.
Ich verstehe nicht, weshalb - im Lichte der Knappheit der Appl.entwickler - es weder Praktikumsstellen gibt - noch die Schule sich darum kümmert.
Aber ist das die Lösung? Kann sich eine Volkswirtschaft einfach auf die Rekrutierung aus dem Ausland abstützen? Und falls Sie Kinder hätten, schicken Sie diese nach Deutschland zur Ausbildung? Das kann es doch nicht sein.
Und betreffend hoher Kosten: Es hat genügend Studien, die belegen, dass ein Lehrling rentabel ist, wenn man das richtig macht, diese als Mitarbeiter betrachtet und ihnen auch etwas zumutet.