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Montag, 12.07.2010
Informatikernachwuchs: Spätfolgen der (vorletzten) Krise

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Diesen Sommer kommen nur knapp 1500 frischdiplomierte Informatiker "auf den Markt". Vor allem Applikations-Entwickler werden deutlich zu wenige ausgebildet. Ein Gastbeitrag von Alfred Breu, Präsident der Zürcher Lehrmeistervereinigung Informatik.
 
Die 13. Abschlussrunde der Informatik-Grundbildung ist in diesen Tagen mit Feiern in allen Kantonen abgeschlossen worden. 20 Informatikpraktiker/-innen, 250 Mediamatiker/-innen und 1500 Informatiker/-innen schlossen Lehre, Informatikmittelschule, Ausbildung an einer Privatschule oder einen Umsteigerlehrgang ab. Rund 1600 von ihnen werden das eidg. Fähigkeitszeugnis oder das Berufsattest erhalten. Gegenüber 2009 ist damit nocheinmal ein leichter Rückgang zu verzeichnen.
 
Nun haben wir die Talsohle erreicht, die auf die Anstellungszurückhaltung in den Jahren 2003-2006 zurückzuführen ist. Und wie immer, wenn man in wirtschaftlich schwächeren Zeiten kurzfristige Entscheide in Angelegenheiten lang dauernder Prozesse fällt, ist die Auswirkung genau dann zu verspüren, wenn man sie am wenigsten mag! Jetzt, wo man die Leute dringend bräuchte, kommen am wenigsten aus der Ausbildung. Und die Fachhochschulen, in die nun ein Teil der Absolvent/-innen wechseln wird, haben als letzte in der Reihe jetzt wenig Anmeldungen in ihre Lehrgänge.
 
Mehr Neueintritte
Von den 1780 Absolvent/-innen werden sich rund 20% oder 300 an einer Fachhochschule oder höheren Fachschule einschreiben. Was bedeutet, dass knapp 1500 an den Markt gehen. Demgegenüber werden dieses Jahr per Anfang August rund 2000 Informatiker/-innen sowie etwa 300 Mediamatiker/-innen einen neuen Lehrvertrag abschliessen. Dazu kommen rund 170 Neueinschreibungen an Informatikmittelschulen und 40 neue Informatikpraktiker/-innen. Insgesamt werden dieses Jahr also circa 2510 junge Leute eine ICT-Grundausbildung beginnen.
 
Erfreulich ist, dass wieder deutlich mehr Lehrplätze zur Verfügung stehen. Jetzt wird es darum gehen, dass auch genügend Jugendliche zur Informatik-Grundbildung und zum Studium motiviert werden.
 
Gemeinsam gegen die Fachleuteknappheit
In den vergangenen 5 Jahren wurden nach einer Untersuchung von MC-T (Master Chain Technologies) in der Schweiz jährlich zwischen 5’000 und 11’500 offene Informatiker-Stellen in Internet und in Inseraten ausgeschrieben. In 4 von 5 Fällen wurden damit Applikationsentwickler/-innen (inkl. Web Design, Software-Ingenieure, Datenbankfachleute, Wirtschaftsinformatiker) gesucht (siehe Grafik). Ausgerechnet in diesem Bereich hat es aber nur rund 250 Lehrstellen in der ganzen Schweiz. Glücklicherweise gibt es die Informatikmittelschulen, die weitere 150 Ausbildungsplätze bereithalten.
 
Die Wirtschaft will in den nächsten 4 Jahren 250 jährlich neue Lehrstellen schaffen. Um dem nach wie vor auch so ungedeckten Bedürfnis besser zu entsprechen, sollen nun die Informatikmittelschulen wesentlich ausgebaut werden. Jetzt gilt es, entsprechend viele Jugendliche auf diesen Lehrgang aufmerksam zu machen. In drei Jahren Vollzeitschule werden die Module der Applikationsentwicklung und der Stoff der kaufmännischen Berufsmaturität bearbeitet. Anschliessend folgt ein Jahr Praktikum in einem Betrieb, da geht es dann vor allem um die Programmmiererpraxis. Eine für diesen Schwerpunkt ausgezeichnete Lösung - zuerst programmieren lernen, dann die Praxis in diesem Gebiet, das ist eigentlich eine ideale Voraussetzung. Und erfordert erst noch keinen Kampf um die raren Lehrplätze.
 
Die Applikationsentwicklung wird häufig völlig verkannt. Gerade Mädchen meinen, das sei ein sehr technischer Beruf und sie müssten den ganzen Tag am PC sitzen und programmieren. Das war mal so. Heute arbeiten Applikationsentwickler/-innen in Teams und sind in der Regel vom Beginn bis zur Einführung in einem Projektteam eingebunden. Damit erleben sie die spannende Konzept-Entwicklungszeit mit vielen Kontakten mit verschiedensten Fachleuten. Die eigentliche Programmerstellungsdauer ist vergleichsweise kurz und dauert in der Regel kaum über einen Drittel der Gesamt-Projektzeit. Danach folgen weitere interessante Aufgaben im Bereich Testen, Benutzerschulung, Einführung und Übergabe in die Produktion. Und dann folgt ein weiteres Projekt in einem völlig anderen Bereich. Was die Aufgabe interessant und spannend macht. Für diesen Job braucht es deutlich mehr Frauen und vor allem offene, teamfähige und innovative Leute. Die Zeiten des Einsiedler-Programmierers sind eindeutig vorbei. (Alfred Breu)

Kommentare:
Manuel Schaffner Wollen wir uns wirklich zunehmend vom Ausland abhängig machen? Ich finde, es ist der falsche Weg, die Verantwortung der Nachwuchsförderung nicht wahrzunehmen und auf das Ausland zu vertrauen, passend ausgebildete Arbeitskräfte zu liefern. Diese sind meist nur theoretisch ausgebildet (eine praktische Berufslehre ist dort ein Fremdwort) und kommen auch nur, solange wir mehr bezahlen. Auch bei den Arbeitskräften sollte daher der Kreis innerhalb einer Firma geschlossen sein - ein Geben und Nehmen.
 
Schaut man bei den KMU, so haben etliche Lernendenquoten von über 10 Prozent. Bei Grossfirmen und insbesondere Beratungshäusern sieht dies leider oft noch ganz anders aus. Der Trend weg von internen Festanstellungen sei da ein Grund. Warum soll aber ein Informatiker nicht auch einen Lernenden zum Kunden mitnehmen und einbeziehen können - so wie dies in andern Branchen (Gärtner, Elektriker,..) üblich ist? Das Problem mit den Praktikumsplätzen könnte dadurch entschärft werden: Beratungshäuser wären ideal für Viertlehrjahr-Lernende mit breiter theoretischer Grundlage.
 
Die Jugendlichen wollen als Mitarbeitende gefordert werden und sich mit praktischen Arbeiten nützlich machen können. In einem motivierenden Umfeld mit vorhandenen Wissensquellen liegen da gar Höchstleistungen drin. Das gilt genauso auch für alle andern Mitarbeiter, die ja auch einen Mehrwert bringen. Wenn jede Minute produktiv verrechenbar sein muss und es nicht mehr möglich ist, sich weiterzubilden, einer Sache auf den Grund zu gehen und dieses Wissen weiterzugeben, so wird Raubbau an der Ressource Mitarbeiter betrieben - dieser Verschleiss wird dann Burnout genannt. Insofern kann das Ausbilden von Lernenden, nebst frischen und engagierten Inputs, zusätzlich auch solche Probleme frühzeitig vermeiden helfen.

Hauser Ralf Interessant. Die Kommentare in diesem Artikel zeigen ganz klar, dass die "Fachleuteknappheit" in der Praxis doch gar nicht existiert. Grotesk wird es aber, wenn jetzt Herr Breu und Co. (damit meine ich die Schweizer IT Verbände) jetzt anfangen zu jammern, mal solle doch inländische Leute bevorzugen und ja nicht jemand aus dem Ausland rekrutieren: Waren es nicht genau diese Personen und Institutionen die FÜR die Personenfreizügigkeit waren? Und: Ist es umgekehrt aber ok, wenn zum Beispiel Google, IBM oder eBay ihre Arbeitsplätze in die Schweiz verlagern?
 
Nachhaltigkeit, gesellschaftliche Verantwortung und sogar Ethik heisst für einen Unternehmer heutzutage in erster Linie für sein eigenes Unternehmen und seine Mitarbeiter zu schauen. Oder gibt es jemand der wirklich meint, wir, die kleinen KMU's müssen aufwändig Lehrlinge, Praktikaten und Umsteiger ausbilden während grosse Unternehmen vom Staat mit Milliaren gerettet werden, sich selber trotzdem aber Bonus in Millionenhöhe auszahlen und dabei Lehrlinge/Lehrabgänger vor die Türe stellen?
 
"Gut sein ist edel. Aber anderen zeigen, wie gut sie sein sollen, wirkt edler und macht nicht so viele Mühe" (Mark Twain)

Andreas Merz An den Praktikanten: Wir bieten Praktikumsstellen an: Melden Sie sich unter info(at)meta10.com
 
Leider ist auch im Bereich Ausbildung die kurzfristige Gewinnoptimierung der Unternehmen mit ein Grund für die negative Entwicklung bei der Lehrlings- und Praktikumsausbildung.
Wir bilden schon seit vielen Jahren regelmässig Lehrlinge aus und haben es damit auch nicht immer einfach gehabt. Allerdings bin ich der Meinung als Firma und Unternehmer eine gewisse Verantwortung zu tragen und anstatt zu jammern oder den einfachsten Weg zu gehen (Informatiker importieren oder Arbeit exportieren), den jungen Leuten eine Ausbildungsmöglichkeit zu bieten.
Selbstverständlich haben wir auch schon Erfahrungen, mit Outsourcing ins Ausland, oder 'importieren' von Informatikern aus dem Ausland, gemacht. Unsere Erfahrungen damit waren aber ernüchternd und ich bin überzeugt dass ein hoch motivierter Praktikant oder Quereinsteiger aus der Schweiz einem Unternehmen langfristig deutlich mehr bringt.

Ruedi Ammann Dies tönt alles ganz gut - aber es fehlt offensichtlich an Praktikumsstellen.
Unser Sohn absolviert bei WISS die 2-jährige Quereinsteigerschule - die notabene nicht billig ist.
Um das eidg. Fähigkeitszeugnis als Applikationsentwickler zu erhalten, muss im zweiten Jahr neben der Schule ein 1-jähriges Praktikum absolviert werden.
Leider erklärt sich die Schule als nicht zuständig, eine Praktikumsstelle zu beschaffen, und diese für die Applikationsentwicklung zu finden, erscheint immer mehr unmöglich.
Ich verstehe nicht, weshalb - im Lichte der Knappheit der Appl.entwickler - es weder Praktikumsstellen gibt - noch die Schule sich darum kümmert.

Ingena Firma Bei allen Ausbildungsbemühungen - es gibt einen Unterschied zwischen "Lehrstelle", "Studium" und "Ausbildung gegen (viel) Geld".
 
Wenn bei "Ausbildung gegen Geld" ein Praktikum nötig ist, müssten die Anbieter (zwingend) über einen Pool an passenden Anbietern (Praktikumsfirmen) verfügen. Ansonsten gibt's da immer wieder "Fragen".
 
Lehrstellen werden angeboten, soweit möglich und machbar - wenn's halt nicht geht, dann geht's einfach nicht. Gerade Klein- und Kleinstfirmen tun sich auf Grund des Aufwands schwer. Das ist nachvollziehbar, denn wer eh schon 60h+ die Woche arbeitet, hat wenig Zeit für korrekte Ausbildung.
 
Schliesslich sollen die Lernenden in einem sehr anspruchsvollen Beruf ausgebildet - und nicht als billige Handlanger missbraucht werden. Sie sollen nach der (erfolgreichen) Ausbildung auch gute Berufschangen im erlernten Beruf haben.
 
Eventuell braucht's hier "etwas im nationalen Rahmen".

Hauser Mike @Alfred Breu: Sie mögen moralisch mit Ihren Argumenten sicher recht haben (auch wir haben ende 90er Jahren noch Lehrlinge ausgebildet..), aber wirtschaftlich gesehen ist für uns und auch für viele andere Unternehmen, dank der Personenfreizügkeit die Rekrutierung von ausländischen Spezialisten halt wirklich der einfachste Weg.

Ronald Dyksterhuis Wie bekannt hilft nur klagen nicht viel. Gerade in der Applikationsentwicklung sind die Löhne vergleichsweise zu tief. Dazu kommt noch, dass man sich in der Schweiz fast nur auf junge Studenten fokussiert. Das grosse Potenzial an Quereinsteigern wird ganz übersehen.

Alfred Breu Vielleicht haben Sie davon vernommen, dass der Bundesrat das Einreisekontingent für Leute aus Drittländern erhöhen musste, damit auch Fachleute aus Indien, Russland usw. "importiert" werden können. Die Medien berichteten darüber. Insgesamt braucht die Informatik jährlich zwischen 6'000 und 8'000 Personen aus dem Ausland.
Aber ist das die Lösung? Kann sich eine Volkswirtschaft einfach auf die Rekrutierung aus dem Ausland abstützen? Und falls Sie Kinder hätten, schicken Sie diese nach Deutschland zur Ausbildung? Das kann es doch nicht sein.
Und betreffend hoher Kosten: Es hat genügend Studien, die belegen, dass ein Lehrling rentabel ist, wenn man das richtig macht, diese als Mitarbeiter betrachtet und ihnen auch etwas zumutet.

Hauser Mike Da wird (wiedermal) ein Problem herbei geschrieben, welches in der Praxis nicht existiert. Wir hatten in den letzten 2 Jahren diverse offene Stellen als Applikationsentwickler ausgeschrieben. Rund 3/4 der Stellen konnten wir innerhalb von jeweils nur 3 bis 6 Monaten durch spezialisierte und hoch motivierte Personen aus Deutschland besetzen. Dank der Personenfreizügigkeit gehört dieses Problem der Vergangenheit an und es ist definitiv nicht mehr notwendig, dass wir hier in der Schweiz sämtliche Spezialisten selber ausbilden und die hohen Kosten dafür tragen.
 
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