Ex-SAP-Spitzenmann droht Klage wegen Betrugs

13. Mai 2022, 11:12
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Hans Schlegel (rechts) in früheren Zeiten mit Ex-SAP-Chef Henning Kagermann (links) und dem einstigen deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck (mitte). Foto: zVg

Hans Schlegel ist mit vielen Versprechungen ins digitale Bauen eingestiegen. Nun steht das Projekt SAP Bau 4.0 vor dem Aus, Schlegel vor einem Schuldenberg und in einem Markenstreit mit SAP.

Seit über einem Jahr ist der heute 78-jährige ehemalige SAP-Vertriebsvorstand und Ex-Hilti-CIO Hans Schlegel dabei, die in der Baubranche schlummernden Potenziale der Digitalisierung zu erschliessen. Sein Projekt heisst SAP Bau 4.0 und verspricht die digitale Kollaboration aller Akteure. Doch nach einem vielversprechenden Start steht Schlegel nun vor einem Scherbenhaufen. Beim ihm würden sich unbezahlte Rechnungen in sechsstelliger Höhe türmen, heisst es aus dem Kreis der am Projekt beteiligten Personen.
Auffällig ist zudem, dass die Webseite penetrant mit dem Namen und Logo des Software-Riesen SAP für das Projekt wirbt. Das Problem: SAP wusste lange nichts davon und geht inzwischen wegen Markenmissbrauch gegen Schlegel vor.
Seine Sicht der Dinge hat Schlegel uns in einem kurzen Telefonat erläutert, was wir am Ende des Texts referenzieren. Sie steht so krass im Gegensatz zu den Aussagen von SAP und den einstigen Teammitgliedern, dass wir uns einen Kommentar dazu ersparen. Aber der Reihe nach.
Widerrechtliche Nutzung des SAP-Logos
Zunächst zum Hintergrund: Das Projekt versteht sich als Teil des BIM-Business (Building Information Modeling). Hier herrscht Aufbruchstimmung, das kooperative Bauen auf der Basis eines virtuellen 3D-Modells nimmt langsam Fahrt auf. Auf diesen Zug ist Schlegel mit dem Versprechen aufgesprungen, in der Bauindustrie die Produktivität und Nachhaltigkeit zu steigern. Auf der Homepage spricht er von einer "Verschlankung von 25%" durch die Automatisierung mit SAP Bau 4.0.
Ein wichtiger Teil seines Projektes sind dabei Module von SAP, erklären uns ins Projekt Involvierte. Für Schlegel als ehemaligen SAPler seien sie die Basis für alle weiteren Schritte gewesen. Auf dieser Grundlage und dem ausschweifenden Gebrauch des SAP-Logos habe er noch an der kürzlich über die Bühne gegangenen Swissbau in Basel Besuchern und eingeladenen Interessenten die digitale Zukunft des Baus erklärt.
Schulden und leere Versprechen
Nur sieht die Realität sehr viel nüchterner aus. Schon vor der Swissbau zerbröselte die Idee von Hans Schlegel. Das zunächst auf 15 Experten angewachsene Projektteam habe sich inzwischen wegen gebrochener Versprechen aufgelöst, erzählen unsere Informanten. Schlegel sei wieder Einzelkämpfer, der jetzt mit einem Schuldenberg von einigen 100'000 Franken zu kämpfen habe. Nichts sei geblieben davon, dass mit SAP Bau 4.0 noch in diesem Jahr ein Umsatz von 1,5 Millionen Franken erwirtschaftet werden könne, der dann wie behauptet schnell auf 7,5 Millionen Franken zu steigern sei.
Stattdessen gibt's diverse Rechnungen, die teilweise oder gar nicht bezahlt wurden. Das Team wurde von Schlegel seit November 2021 immer wieder vertröstet. Auch zugesagte Zahlungen habe er nicht beglichen, wie diverse Mails zeigen, die inside-it.ch vorliegen. Es wurde die Projektfinanzierung durch den SAP-Mitgründer Dietmar Hopp in Aussicht gestellt oder Schlegel sagte, er werde die Schulden "aus meinem Privatvermögen begleichen, ich stehe zu meinem Wort". Nichts davon sei bisher geschehen. Vielmehr muss sich Schlegels ehemaliges Team mit Mahnungen von Lieferanten herumschlagen, die Schlegel beauftragt hat. Auf Mails und Telefonate reagiere dieser nicht mehr. So sitze zum Beispiel das deutsche Softwareunternehmen Softtech Consenso auf offenen Zahlungen von knapp 10'000 Euro. Auch habe Schlegel trotz leerer Kassen zwei Teammitgliedern versprochen, sie in einer noch zu gründenden Firma anzustellen und ihnen dafür sogar Arbeitsverträge zugestellt. Nur: Die Firma gibt es bis heute nicht.
Sein ehemaliges Team hat sich nun entschlossen, sich zu wehren. Deshalb musste Schlegel in den vergangenen Wochen diverse Betreibungen an seinem Liechtensteiner Wohnort Triesenberg abholen. Gegen jede einzelne davon hat Schlegel Rechtsvorschlag eingelegt. Sein ehemaliges Team will das Verfahren nun mit einem Anwalt weiterziehen. Zumal Schlegel in einem der wenigen letzten Telefongespräche zugab, dass die kolportierten Schulden korrekt sind.
Schlegel muss aber auch mit einer Klage in Zürich rechnen, da gewisse Verträge den Gerichtsstand Zürich aufweisen. Dann könne er sich nicht mehr hinter dem komplizierten Recht des Fürstentums Liechtenstein verstecken, heisst es beim Ex-Team. Man werde sich mit diesem Vorgehen nicht begnügen und in den kommenden Tagen eine Sammelklage einreichen, was in Liechtenstein, anders als in der Schweiz, möglich sei. Zudem werde eine weitere Klage wegen Betrugs in Vaduz eingereicht, so die Betroffenen.
SAP: Es gibt keine Zusammenarbeit
Die Beteiligten weisen zudem darauf hin, dass Schlegel sich immer wieder auf SAP-Exponenten wie dessen Schweizer Managing Director Michael Locher-Tjoa oder den Marketingdirektor Dirk Scherble berufen habe. Zudem habe er bei der Wirtschaftskammer Liechtenstein um Unterstützung für sein Projekt geworben und sich mit deren Präsidenten Martin Meyer getroffen. Doch auch diese Gespräche hätten zu nichts geführt.
SAP Schweiz hingegen bestreitet eine Kooperation mit Schlegel: "Wir können eine Zusammenarbeit zwischen SAP Schweiz und Hans Schlegel nicht bestätigen", heisst es auf Anfrage. Zu Dietmar Hopp wolle man sich nicht äussern, heisst es bei SAP Schweiz weiter, da er bei SAP keine aktive Funktion mehr innehabe. Zudem wird betont, dass man sich auch zum Missbrauch des SAP-Logos und Namens nicht äussern wolle: "Im Bereich Markenverletzungen gibt es einen laufenden Vorgang, daher kommentieren wir dies nicht", so die Pressesprecherin Stephanie Freise weiter.
Um was es genau geht, ist dem uns vorliegenden Mailwechsel zwischen Schlegel und Ulrike Brunner zu entnehmen.

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Brunner ist Senior Trademark Advisor des Bereiches Global Legal – Intellectual Property von SAP in Walldorf und schrieb Ende März, dass Schlegel, wenn er zur Kennzeichnung des Geschäftsbetriebes die Bezeichnung "SAP Bau 4.0" und auch das SAP-Firmenlogo benutze, damit Markenrechte von SAP verletze. Auch vermittle er fälschlich der Eindruck, zwischen SAP Bau 4.0 und SAP bestünden organisatorische oder vertragliche Beziehungen. Brunner warnte Schlegel schon damals, dass es aufgrund dieser Sachverhalte "einem angerufenen Gericht nicht schwerfalle, Ihre 'SAP'-Aktivitäten auch unter dem Aspekt der vermeidbaren Herkunftstäuschung und der schmarotzerischen Ausbeutung" zu würdigen. Das Schreiben schloss mit einem Ultimatum: "Wir fordern Sie auf, es ab sofort zu unterlassen, die Bezeichnung 'SAP Bau 4.0' zu benutzen und unser Logo sofort von Ihrer Website zu entfernen". Termin: 6. April.
Ein Blick auf die Homepage wie auf Bilder der Swissbau 2022 zeigen, dass Schlegel sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen liess. Bis heute nutzt er für die Homepage und bei Präsentationen das SAP-Logo.

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Screenshot der Webseite
Wenig erfreut über diese Situation dürfte auch SAP-Mitgründer Dietmar Hopp sein. Er ist einer der reichsten Deutschen und Schlegel nennt ihn einen Freund. Der habe versprochen, persönlich das Projekt SAP Bau 4.0 zu unterstützen und bis zu 3 Millionen Franken direkt an ihn zu überweisen. Zumindest habe Schlegel dies über Monate hinweg immer wieder beteuert, erklärt das Ex-Team.
So sieht Hans Schlegel die Situation
Wir wollten von Schlegel wissen, was er zu den teils massiven Vorwürfen sagt und wie es weitergehen wird mit dem Projekt. Auf Mail-Anfragen reagierte er zwar nicht, doch war er telefonisch zu erreichen. Obwohl Schlegel die ganze Bandbreite der Vorwürfe in einem Mail dargelegt worden ist, hielt er in dem kurzen Gespräch ganz im Gegensatz zu SAP fest, mit dem Software-Konzern im Gespräch zu stehen. Unter anderem betonte er, in Kontakt mit Marketing Direktor Dirk Scherble von SAP Schweiz zu sein, der das Projekt unterstütze, wie Schlegel sagte. Zudem habe ihm Ulrike Brunner von der Markenrechtsabteilung bei SAP im Walldorf erlaubt, unter der Geschäftsbezeichnung SAP Bau 4.0 mit dem SAP-Logo noch an der diesjährigen Swissbau auftreten zu dürfen.
Weiter hielt er fest, dass der Name SAP Bau 4.0 demnächst geändert werde. Auch werde er, so Schlegel weiter, das Projekt unter neuem Namen weiterverfolgen. Da er von den bisherigen Mitarbeitenden betrieben worden sei, werde er mit denen nicht mehr zusammenarbeiten, stattdessen aber neue Mitarbeitende einstellen. Auch werde er seine Schulden in Zusammenhang mit dem Projekt in Kürze bezahlen, das sei nur noch eine Frage von Tagen, wie er ausführte.
Dass SAP und sein einstiges Team die Lage komplett anders einschätzen, scheint Schlegel nicht zu stören.

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