10?! Nicolas Zahn, Swiss Digital Initiative

26. April 2022, 14:01
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In unserer Serie "10?!" spricht Nicolas Zahn über Realismus in der Digitalisierung, die Relevanz digitaler Mündigkeit und (noch) unterschätzte Technologie-Bereiche.

1. Was war Ihr erster Computer und woran erinnern Sie sich speziell dabei? Mein erster Computer war ein Highscreen Blue Note von Colani mit Windows 3.1. Speziell erinnere ich mich dabei an den Trackball, welcher es mir dermassen angetan hat, dass ich diesen bis heute bevorzuge.
2. Welchen Informatikberuf möchten Sie selbst nicht ausüben und warum? Tester. Ich finde das Entwerfen von Lösungen spannend, aber das systematische Testing – so wichtig es zweifelsohne ist – überlasse ich lieber Anderen. Anders verhält es sich in der Freizeit, wo ich gerne versuche, easter eggs zu finden und Programme mit unerwarteten Inputs zu konfrontieren. Aber mehr aus Neugier als um vordefinierte Performancekriterien zu überprüfen.
3. Wohingehend wird sich die Rolle eines IT-Verantwortlichen in den nächsten Jahren verändern? Ich denke, dass Digitalisierungs-Verantwortliche noch stärker als bisher in eine Scharnier- und Übersetzungsrolle wachsen werden. Als Querschnittsthema beschäftigt die Digitalisierung verschiedenste Stakeholder, die nicht die gleiche Sprache sprechen. Der Mehrwert von Digitalisierungs-Verantwortlichen entsteht hier durch das Bilden dringend benötigter Brücken zwischen verschiedenen Welten.
4. Was würden Sie jungen Leuten raten, die die Digitalisierung mitgestalten möchten? Werdet Treiber der Digitalisierung, nicht Getriebene. Bleibt neugierig und geht den Dingen auf den Grund. Entwickelt euch zu Hackern – im besten Sinne des Wortes. Nur weil man mit Technologie aufwächst, bedeutet dies nicht automatisch ein kritisches Verständnis der entsprechenden Technologien zu entwickeln. Dieses bildet aber weiterhin die Basis für "digitale Mündigkeit" und die effektive Gestaltung.
5. Was konnten Sie erst in Ihrer heutigen Position über Technologie lernen und nicht vorher? Technologie ist nur die halbe Miete. Für erfolgreiche Digitalisierung braucht es auch eine klare Vision, eine fördernde Kultur und durchdachte Prozesse sowie sauberes Erfassen und Diskutieren des Anforderungsmanagements. Und ja, das muss auch 2022 immer noch gesagt werden.
6. Was vermissen Sie in den aktuellen Diskussionen zu Digitalisierung? Differenzierung. Die Debatte um Digitalisierung wird sehr binär geführt. Auf der einen Seite ist jede neue Technologie und jedes neue Buzzword die Lösung für alle Probleme, auf der anderen Seite fürchten Leute Terminator-ähnliche Zustände. Hier braucht es mehr Realismus und Differenzierung. Und hierfür braucht es noch viel Aufklärungs- und Bildungsarbeit, für Entscheidungsträger*innen, aber auch die breitere Öffentlichkeit.
7. Wird es im Laufe der Jahre einfacher oder schwerer, sich für Technologie-Versprechungen zu begeistern? Mir fällt es definitiv schwerer, aber der grundlegende Optimismus und die kindliche Freude an neuen Möglichkeiten ist trotz vielen Enttäuschungen ungebrochen. Ich würde mir aber wünschen, dass wir als Gesellschaft differenzierter auf Technologie-Versprechen reagieren, sowohl in Bezug auf Hoffnungen, als auch auf Ängste.
8. Was/Welche Technologie wird in den nächsten 5 Jahren Ihrer Meinung nach den grössten Einfluss haben? Und warum? Ich glaube was aktuell unterschätzt wird, ist der Bereich regulatory & legal technology. Mit immer komplexeren Regulierungen in der globalisierten Wirtschaft und Fortschritten in der Textanalyse und künstlicher Intelligenz sehe ich diesen Bereich als prädestiniert für grösseren Einfluss auch in der Schweiz, wie es anderorts, z.B. Singapur oder Estland bereits der Fall ist. Wir könnten beispielsweise automatisierte Vertragsanalysen sehen und Firmen könnten die Einhaltung von Compliance automatisieren.
9. Gibt es derzeit eine Technologie oder einen Ansatz, die Sie für total überschätzt halten? Die Diskussion um das Metaversum und die virtuelle Realität wird meiner Meinung nach überschätzt. Ähnlich wie bei der Blockchain und Web3 sehe ich noch kaum Use Cases mit grossem Mehrwert oder praktischer Relevanz.
10. Was haben Sie persönlich aus der Corona-Krise gelernt? Einerseits, dass es um die Digitalisierung in der Schweizer Verwaltung und Wirtschaft noch schlechter steht als ich dachte. Andererseits, dass persönliche Kontakte trotz hochauflösenden Webcams und digitalen Whiteboards für gewisse Aufgaben unverzichtbar bleiben. Zur Person: Nicolas Zahn arbeitet als Senior Project Manager bei der Swiss Digital Initiative und setzt sich für die umfassende Digitalisierung ein. Nach dem Studium der internationalen Beziehungen hat er international und in der Schweiz Erfahrungen in der digitalen Transformation gesammelt und bearbeitet das Thema auch politisch bei der FDP und der Operation Libero.

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