10?! Samuel Huegli, VRP Doodle und Zattoo

29. Juni 2022, 06:43
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Warum Corona der beste CTO aller Zeiten war und die Impacts von neuer Technologie kurzfristig oft über- und langfristig unterschätzt werden, sagt Samuel Huegli unter anderem in unseren 10 Fragen.

1. Welcher war Ihr erster Computer und woran erinnern Sie sich speziell? Als Erstes hatte ich einen Commodore 64 und einen Atari ST, aber das waren eher Spielkonsolen. Darauf folgte ein erster Macintosh Plus mit 1 Megabyte Arbeitsspeicher, der erstmals über die massive SCSI-Schnittstelle Harddisks oder Scanner anschliessen konnte. Ich habe darauf mit einer der ersten grafischen Oberflächen Hypercard-Lernsoftware entwickelt.
2. Gibt es einen Informatikberuf, den Sie nicht mehr ausüben möchten und warum? Wenn ich mir die verschiedenen Berufe anschaue, dann hat fast jeder etwas Spannendes zu bieten. Ich habe in meiner Karriere sehr unterschiedliche Rollen wahrgenommen. Aber ich wäre wohl weniger geeignet im Bereich SLA-Management, da mir da das Kreative dabei doch etwas fehlen würde.
3. Wie wird sich die Stelle eines CIOs oder CTOs in den nächsten Jahren verändern? Der CIO wird und muss sehr strategisch arbeiten und digitale Geschäftsmodelle mitentwickeln sowie eine Sicht auf die wirklichen Endkundenbedürfnisse heranbilden. Dabei geht es weniger nur um Digitalisierung, sondern viel mehr um elegante, intuitive Kundenerlebnisse und einfache User-Journeys. Das "Bread-and-Butter"-Geschäft wird aber weiterhin über stringentes Kostenmanagement laufen. Das heisst, dass der CIO den Spagat zwischen sehr strategischer und gleichzeitig sehr operativer Tätigkeit schaffen muss.
4. Was raten Sie jungen Informatikerinnen und Informatikern, die Karriere machen wollen? Ein fundierte, breite Ausbildung zu absolvieren und mit viel Einsatz und Enthusiasmus sowie einer gewissen Lockerheit zu überzeugen. Denn die meisten Karrieren verlaufen heute nicht mehr linear. Mein wichtigster Ratschlag ist aber, immer im Sinne des Endkunden zu handeln und die besten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzustellen. Nur so kommt man weiter und kann sich selber auch weiterentwickeln. Hier gilt das Motto "A-People hire A+-People…"
5. Was lernten Sie erst in Ihrer jetzigen Rolle über Technologie und nicht vorher? Den Aspekt, dass Technologie als Solches nur dann erfolgreich ist, wenn Sie von den Menschen angenommen wird und vor allem über eine hohe Usability verfügt. Bei Apple, Google und Co. lässt sich gut feststellen, dass es nicht primär die neuste Technologie braucht, sondern dass Technologie so eingesetzt werden muss, damit der Anwender Spass daran hat und die Tools intuitiv bedienen kann.
6. Welche IT-Produkte oder -Dienstleistungen von früher vermissen Sie heute? Ganz ehrlich, in der Cloud 100 neue Server automatisch aufzuschalten ist schon viel cooler, als 100 Geräte für den Keller geliefert zu bekommen. Auch DevOps in einer agilen Umgebung macht einfach viel mehr Spass als Silo-Arbeit. So gesehen vermisse ich nichts von früher.
7. Wird es im Laufe der Karriere einfacher oder schwieriger, sich für Technologie-Versprechen zu begeistern? Es wird sicher eher schwieriger, denn wir alle haben doch sehr viele Hypes ungenutzt vorbeiziehen sehen. Aber auf der anderen Seite haben wir gerade in den letzten 10 Jahren so viele fundamentale IT-Transformationen erlebt wie kaum zuvor. Meistens überschätzen wir dabei den kurzfristigen Impact und unterschätzen die langfristigen Auswirkungen.
8. Welche Technologie wird in den nächsten 5 Jahren Ihrer Meinung nach den grössten Einfluss auf die Medienbranche haben und warum? Die Medienbranche steht vor einem fundamentalen Wechsel der Business-Modelle von werbefinanzierten Modellen zu digitalen Abo-Modellen. Dabei nehmen die Anforderungen an Qualität, Aktualität und Benutzerfreundlichkeit massiv zu. Ich bin persönlich überzeugt, dass die heutigen Paywall-Modelle durch sehr einfache, nutzungsbasierte Abrechnungsmodelle auf Basis von digitalen Währungen ergänzt werden müssen. Die wichtigsten Technologie-Treiber sind dabei Mobile, Cloud, AI sowie Security und Blockchain.
9. Gibt es eine Entwicklung in der IT, die Sie für total überschätzt halten? Ich habe den Impact von Krypto-Tools und Krypto-Währungen überschätzt. Aber auch hier gilt, dass der kurzfristige Einfluss etwas tiefer ist, aber langfristig die Bedeutung in meinen Augen fundamental sein wird.
10. Was haben Sie persönlich aus der Corona-Krise gelernt? Ich habe gelernt, wie schnell stabil geglaubte Systeme aus dem Gleichgewicht kommen können und wie wichtig dabei der gesunde Menschenverstand sowie etwas Demut sind. Gleichzeitig habe ich aber auch gelernt, wie wichtig zuverlässige Informationsquellen inmitten all der Fake-News sind, und dass Corona vielleicht der beste CTO aller Zeiten war. Denn bei vielen von uns konnte dadurch innerhalb von Wochen neue Technologien wie Video-Conferencing breit eingeführt werden, was sonst Jahre gedauert hätte.

Zur Person

Samuel Huegli arbeitete in CIO/CTO- sowie CFO-Rollen viele Jahre in der Medienindustrie bei Ringier sowie der Tamedia/TX-Group in der Unternehmensleitung. Er ist heute als Berater für die TX Group tätig und ist VR-Präsident von Doodle und Zattoo. Zudem ist Huegli engagiert bei diversen Startups sowie im Verwaltungsrat der beiden Fintechs Lend.ch und Helvengo.

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