186 Kilometer Strasse für die Velofahrer, 34 Kilometer Kabel für die Techniker

11. Juli 2022, 13:45
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Das Hauptfeld während der 8. Etappe auf dem Weg nach Lausanne. Foto: A.S.O. / Charly Lopez

Die Tour de France gastierte in der Schweiz. In Lausanne gab uns der Technik-Chef von Orange Einblicke in die Technik hinter dem Grossanlass.

Dicht an dicht stehen Trucks und Fahrzeuge auf dem abgesperrten Parkplatz beim Stade Olympique de Pontaise in Lausanne. Zwischen 100 und 120 haben sich hier für die 8. Etappe der diesjährigen Tour de France aufgestellt, deren Zielstrich gleich nebenan auf der Route des Plaines-du-Loup liegt. Die Fahrzeuge gehören zu TV- und Radiosendern, zum offiziellen Tour-Veranstalter oder zur Technik. "Einen festen Aufstellplan? Gibt es nicht", erklärt Henri Terreaux.
An jedem Etappenort würde sich die Flotte neu gruppieren. Nur für diese Ankunft seien zum Beispiel drei Wagen des Westschweizer Senders 'RTS' aufgestellt worden, sagt Terreaux. Wenn einer den Überblick über dieses Gewusel aus Fahrzeugen, technischem Equipment und Menschen hat, dann er. Terreaux ist Orange Technical Team Manager an der Tour. Der französische Telco ist seit mehr als 20 Jahren unter anderem für die Telekommunikation und Netzwerke beim – nach Olympia und Fussballweltmeisterschaft – drittgrössten Sportereignis der Welt zuständig. Ebenso lange ist Henri Terreaux als Team Manager mit dabei.

50 Technikerinnen und Techniker im Einsatz

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Henri Terreaux. Foto: Inside IT
Als Besucher setzt man sehr bedächtig einen Fuss nach dem andern zwischen die unzähligen Kabel, die sich hier überall dem Boden entlang schlängeln. Ein Fehltritt könnte vielleicht ein globales Blackout bei der Live-Übertragung bedeuten… "Die Kabel halten schon etwas aus", beruhigt der Technik-Chef, während er hier eine Radio-Reporterin und dort einen Techniker begrüsst. Aus rund 50 Männern und Frauen besteht sein Team, das sich drei Wochen lang von Etappe zu Etappe verschiebt. Dazu kommen bei Orange 450 Techniker und Supervisoren, die im Backoffice für die Tour arbeiten.
Täglich werden an jedem Zielort 34 Kilometer Kabel und dazu gehörige Router, Switches und Access-Points für sämtliche Kommunikationslösungen und -übermittlungen neu verlegt. Dazu kommen unzählige weitere entlang der Strecke. So würden in Frankreich Gemeinden auch zu einem Glasfaserausbau kommen. "Wir rekognoszieren vorher, welches Netz vorhanden ist. Je nachdem, rüsten wir dann neben temporären Einrichtungen auch auf und hinterlassen der Gemeinde das neue Netz", sagt Terreaux. Die Tour de France und Orange geben sich in ihrer Heimat so auch als Infrastruktur-Antreiber.
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Französische Kommentatorin und Kommentator. Foto: Inside IT
Zwei Trucks von Orange sind im Technik-Park von Lausanne parkiert: Hier laufen alle Verbindungen zusammen. Während der eine in Betrieb ist, dient der andere als Notfall-Backup – bei Bergankünften werden auch beide benötigt, um zwei getrennte Technikzonen abzudecken. Ein dritter steht beim Medienzentrum und ist für die dortige Netzversorgung zuständig. Rund 450 Journalistinnen und Journalisten, 100 TV- und über 60 Radio-Sender berichten über diese Netze täglich in 190 Länder von der Tour. Dazu kommen die Einsatzzentrale für Polizei und Rettungskräfte, die Rennkommission und die mobile Abdeckung für das Publikum im Zielraum.

Hauptleitung direkt durchs Fenster gezogen

Von Bergankünften kann Terreaux einige Geschichten erzählen. Am Tag vor der Etappe in der Westschweiz mussten etwa die Kabel für die Ankunft auf der Planche des Belles Filles im tiefen Morast gezogen werden. Doch für ihn gehört das ebenso dazu wie die "luxuriösen Bedingungen" in Lausanne: "Hier konnten wir die Hauptleitung gleich vom Swisscom-Gebäude nebenan durch ein Fenster rüber ziehen."
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Blick auf den Technik-Parkplatz in Lausanne. Foto: Inside IT
Der Technik-Chef hat auch noch die Zeiten erlebt, als eine Tour de France ohne Gigabyte-Netze und ohne Mobiltelefone funktionierte. Heute wird nebst den temporär verlegten Glasfasern viel über Satelliten abgewickelt. Mitten auf dem Lausanner Parkplatz ist ein 40 Meter hoher Kran ausgefahren. Von dort kommunizieren Satellitenschüsseln mit zwei Flugzeugen, die in 3500 Metern Höhe in Kreisen die Etappe begleiten. Zu ihnen werden die Signale der Kameras auf den Motorrädern und derjenigen in den Helikoptern geleitet und wieder zurück über den Satelliten-Kran an die Regie-Zentralen der Übertragungswagen.

"Kaum mehr als 3 Stunden Schlaf"

Sie übermitteln die Bilder von Wout van Aert, der die 8. Etappe nach 186 Rennkilometern im Sprint gewinnt. Während er und seine Profikollegen sich in ihren Unterkünften die müden Muskeln kneten lassen und sich die 65'000 Besucherinnen und Besucher entlang der Streckenabschnitte allein in Lausanne auf den Heimweg machen, geht die Arbeit für Henri Terreaux und sein Team weiter. Bis um Mitternacht oder darüber hinaus würde jeweils der Abbau dauern. "Um spätestens 6 Uhr beginnen wir dann am nächsten Ort mit dem Aufbau. Ich komme kaum zu mehr als 3 Stunden Schlaf täglich", sagt er.
Dafür geniesst der Technik-Chef von Orange ein Privileg: "Als nur eine von 3 Personen kenne ich bereits den vollständigen Tour-Etappenplan der nächsten 2 Jahre", sagt er verschmitzt. Verraten darf er allerdings vor der offiziellen Bekanntgabe nichts. Nur eines steht schon jetzt fest: Kaum ist die diesjährige Tour am 24. Juli auf den Champs-Élysées in Paris zu Ende, beginnt für Terreaux bereits die technische Planung der nächsten Ausgabe.

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