4 Kantone planen eine gemeinsame E-Gov-Infrastruktur

16. Januar 2023, 14:14
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Foto: Anthony Gomez / Unsplash

Ob- und Nidwalden, Appenzell Ausserrhoden und Schaffhausen suchen einen Dienstleister für zahlreiche E-Gov-Angebote. Der Projektzuständige erklärt uns den Hintergrund des Zusammenschlusses.

Seit Ende Dezember 2022 läuft auf Simap die Ausschreibung "E-Government-Basisinfrastruktur für Kantone und Gemeinden". Auftraggeber sind die 4 Kantone Obwalden, Nidwalden, Appenzell Ausserrhoden und Schaffhausen. Zukünftig sollen sämtliche E-Government-Dienstleistungen dieser Kantone und ihrer Gemeinden über einen zentralen Zugang abgewickelt werden können.
Bis jetzt verfüge einzig Schaffhausen über eine derart umfassende Plattform, erklärt Titus Fleck, Mitglied der Geschäftsleitung bei der AR Informatik AG und Ansprechperson für das Projekt auf unsere Anfrage. Diese setze sich aber aus einzelnen Komponenten zusammen, die "abgekündigt" würden. "Es handelt sich daher weitestgehend bei allen Kantonen und ihren Gemeinden um Neueinführungen."

Identitätslösung CH-Login soll eingebunden werden

Die vorgesehene Lösung soll sämtliche für eine E-Government-Basisinfrastruktur relevanten Kernfunktionen aus einer Hand bieten. Dazu gehören unter anderem ein "eigener digitaler Identitätsnachweis (verifizierte Identität) oder die Verwendung einer bereits etablierten Lösung mittels Schnittstelle via OIDC (OpenID Connect), zum Beispiel SwissID, MobileID, TrustID", erläutert Fleck. "Auf jeden Fall soll auch die neu vom Bund bereitgestellte Identitätslösung CH-Login eingebunden werden können, ebenfalls basierend auf OIDC."
Weiter geplant sind ein passwortloses Login und ein Online-Schalter, welcher Services anzeigt und eine weitere Personalisierung im Service-Katalog zulässt. Weiter enthalten soll die gesuchte Infrastruktur auch eine Dokumentenverwaltung, eine Formularlösung zur einfachen Erweiterung des digitalen Angebots, standardisierte Schnittstellen zur Anbindung von bestehenden Lösungen, "intuitives Bezahlen von Gebühren mit mehreren Auszahlungskontos", welches Rechnungsversand und Inkasso ersetzt, die Möglichkeit eines papierlosen Geschäftsverkehrs sowie die direkte, sichere Kommunikation mit Einwohnerinnen und Einwohnern sowie Unternehmen.

Zusammenschluss erfolgte über den Verein SSGI

Die Infrastruktur soll nicht nur bei den kantonalen Verwaltungen von OW, NW, AR und SH zum Einsatz kommen, sondern auch bei allen Gemeinden in den 4 Kantonen. "Abhängig von der Wohnsitzgemeinde sollen Einwohnerinnen und Einwohner personalisiert die für sie bezugsberechtigten Services angezeigt werden, unabhängig, ob von Kanton, Bezirk oder Gemeinde erbracht", so Fleck.
Der Zusammenschluss der 4 Kantone erfolgte über den Verein Schweizerische Städte- und Gemeinde-Informatik (SSGI), der auch die Obhut über die Ausschreibung hat. Alle genannten Kantone sind seit 2005 Mitglieder des Vereins. "Der Verein hat in der Vergangenheit bereits andere Softwareprodukte gemeinsam beschafft, um so Synergien nutzen zu können und eine bessere Wirtschaftlichkeit zu erzielen", erklärt Fleck zum Vorgehen.
Dieser Mechanismus habe sich bewährt. Grundsätzlich würden die 4 Kantone durch ihre Mitgliedschaft beim Verein SSGI bereits heute eine ähnliche IT-Landschaft aufweisen. "Daher sind diverse Fachlösungen in den Ämtern auch schon identisch, weshalb grundsätzlich nicht mehr von kantonseigenen Spezifikationen auszugehen ist." So könnten Dienstleistungen der Einwohner-, Steuer- oder Betreibungsämter mittels Standardprodukte der Lieferanten integriert werden.

Andere Kantone wurden ebenfalls angesprochen

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Titus Fleck.
Nicht beteiligt an der Ausschreibung ist Appenzell Innerrhoden. "Auch mit dem Kanton AI wurden Gespräche geführt. Dieser verfolgt jedoch aktuell eine andere Terminplanung und andere Schwerpunkte." In der interkantonalen Arbeitsgruppe sei über das Projekt informiert und mit vereinzelten weiteren Kantonen gesprochen worden. "Viele Kantone haben bereits Leistungen für IAM-, Portal- oder Formularsysteme ausgeschrieben und haben daher mit unterschiedlichen Lieferanten ein entsprechendes E-Government-System aufgebaut", führt Titus Fleck aus. "Andere sind auf die Resultate dieser Ausschreibung des Vereins SSGI gespannt und sehen dann in der Folge allenfalls eigene Beschaffungen vor."
Zum Gesamtbudget macht er keine detaillierten Angaben. Für die Projektunterstützung seien jedoch bereits Budgets gesprochen worden. "Die Kosten für die Lizenzierung der potenziellen Lösung werden erst durch die Auswertung der Angebote bekannt und dann entsprechend budgetiert, respektive bestehende Budgetposten werden in Anspruch genommen."

Ein sportlicher Zeitplan

Der gesuchte Dienstleister soll Betrieb, Wartung und Support für die kommenden 7 Jahre erbringen. Dabei seien auch individuelle Ausbauschritte mit einem Stundenpool an Dienstleistungen vorgesehen. Losgehen soll es in Appenzell Ausserrhoden bereits im kommenden April mit der Einführung, die bis Ende Januar 2024 abgeschlossen sein soll. "Für die übrigen potenziellen Auftraggeberinnen werden im Rahmen der Projektinitialisierungen die entsprechenden Termine noch festgelegt", heisst es in der Ausschreibung.
Für den Kanton AR ist der Zeitplan demnach sehr sportlich. "Das ist uns bewusst", bestätigt Fleck im Namen von AR Informatik. Man würde mit ersten Anwendungsfällen wie News-Feed, Einwohner-Services – zum Beispiel Wohnsitzbescheinigung, Heimatausweis oder E-Umzug –, E-Steuerportal, E-Strassenverkehrsportal und einem "Schüler-/Eltern-/Lehrer-Portal" starten. "Die Plattform wird anschliessend step by step weiter ausgebaut, wodurch der Reifegrad steigt. Dazu wird in der Informatikstrategie-Kommission des Kantons AR an einer Servicelandkarte für den weiteren Ausbau gearbeitet."
Für die anderen beteiligten Kantone sehe der Zeitplan wie folgt aus: "Die Offerte muss bis 31.12.2023 gültig sein. Daher werden die Kantone die Detailplanung im Jahr 2023 abschliessen und dann auch aufeinander und ihre internen anderen Projekte abstimmen."

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